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Die Wahrheit · 1904-02-05 · Heft 6 (5.2.1904) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 6 (5.2.1904)
Date
1904-02-05
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Die Wahrheit | Redaktion u. Sibmtnift-ntion:! 2Bien, II/1 Nvvaragassr 27 J Telephon Nr. .'er Druckerei 15302 Inserate 20 Hell, per Nonpareille-Zeile. Abonnementsu. Jnsertionsbeträie sind in Wie» zahlbar j und klagbar. | Möhängige Aeckschrift für Mische Erscheint jeden Kreitag. Uotto: ..Orrs Ziegel Oott68 isr Wnln-Ueir!'' Vezugspreis: Ganzjährig . . . K. 12— Halbjährig . . . K. 6.— Für Cilitusdeamte: Ganzjährig . . . K. lO — Für Ausland: Ganzjährig ... 3 Mark. 6 Rubel oder io FcS. Ur. 6. Wien, 3. Februar 1904. Inhalt: Karl Emil Franzos. — Aus der Woche. — Nomen est Omen. — Judentum und Entwicklungslehre. — Turmbau und Himmelsleiter. — Judrnunruhen in Marokko. — Verschiedene Nachrichten. — Inserate. Karl Emil Franzos. Das war eine merkwürdige Zeit zu Ende der Sechziger- und Anfang der Siebzigerjahre, als nach den großen Erfolgen Preußens und Gesamt-Deutschlands ein idealer Zug, wie zur Zeit der Befreiungskriege, das deutsche Volk durchdrang. Damals wurde auch der deutsche Stamm, der Oesterreich bewohnt, in den Strudel der Begeisterung mit fortgerissen und mit ihm in Deutschland, wie in Oesterreich ein Teil der Bevölkerung, der sich auch bisher schon infolge der gemeinsamen Muttersprache als Deutsche gefühlt, am literarischen und politischen Leben einen wahrlich nicht geringen Anteil genommen harte — die Juden. Man braucht nur die Juden Johann Jakobi, B. Auerbach, Gabriel Rießer, Ed. Simson, Aron Bernstein, Moritz Lazarus, Heymann Steinthal, Jgn. Kuranda, L. A. Frankl, M. Hartmann, Emil und David Kuh, S. H. Mosenthal, I. Weilen, Leopold Kompert, Ad. Fischhof, Ed. Lasker und L. Bamberger zu nennen. Damals war auch die jüdische Jugend unbeschadet ihres religiösen Sondergefühles, das jedoch zu jener Zeit ganz in den Hintergrund getreten war, von Begeisterung erfüllt. Wie immer ging die studierende Jugend voran. So stark war damals und ist noch jetzt die Anziehungskraft des echten, deutschen Geistes auf die halbdeutschen Juden des Ostens, die ja noch immer das Element sind, das uns noch zwischen Don und Donau, deutsche Laute, wenn auch verderbt oder umgestaltet, hören läßt, daß Jünglinge von den Grenzen Halbasiens, allerdings immer zum Entsetzen echter Teutonen, nach dem Westen wanderten und wandern, um ihren unstillbaren Durst nach reinem Wissen zu löschen. So groß war die Anziehungskraft, so tief die Wirkung auf das innerste Leben dieser Jünglinge, daß nicht wenige von ihnen nicht nur, wie unsere Gegner uns vorwerfen, große Börsenjobbers und Geschäftsleute wurden, sondern auch ihre Spuren in das deutsche Geistesleben selbst einprügten, ihren Dank durch Werke von dauerndem Werte abstatteten. Zu jener Zeit fühlte sich auch Karl Emil Franzos, der jugendliche Sohn des Bezirksarztes in Czortkow (alias Barnow), verpflichtet, für seine vermeintlichen Ideale seine ganze Existenz aufs Spiel zu fetzen. Erst nach langen, bitteren und harten Kämpfen gelang es ihm, bei dem neunzehnten Verleger- Unterkunft zu sinden für jene Werke, die seither seinen Ruhm über alle Welt verbreiteten und von denen er selbst gleich offen und rückhaltslos bekannte: „Ich teile nicht blos Tatsachen mit, ich ziehe auch Schluffe aus denselben, denn nur so lassen sich Tatsachen beleben und gruppieren, nur so kann ich, so weit mir die Kraft reicht, mein Scherflein beitragen zu jenem hohen Ziele. Es ist — ich darf es mit ruhigem Gewissen sagen und der Beurteilung jedes gerechten Prüfers überlassen — ein sittlicher Zweck, der mich leitet, und ich bediene mich zu seiner Erfüllung nie unsittlicher Mittel. Darum gebe ich auch rücksichtslos und allimmer der Wahrheit die Ehre. Ich kann mich irren, aber auf keinem dieser Blätter habe ich mich selbst oder meine Leser absichtlich getäuscht. Ich ziehe die Schlüffe aus den Tatsachen, die mir als Wahrheit feststehen, voll und ganz, ich fälsche keine Tatsachen, um Schlüffe daraus ziehen zu können. Wenn derjenige ein Tendenzfchriftsteller ist, der verschweigt oder entstellt, was ihm nicht paßt, dann bin ich wahrlich keiner - wenn es derjenige ist, der durch seine Arbeiten einen ethischen Zweck verfolgt, dann bin ich Tendenzfchriftsteller." Und ein so durch und durch deutschnationaler Schriftsteller wie Prof. Johannes Scherr sprach von dem Oesterreicher, der in feinen Schriften (..Die Juden von Barnow", „Aus Halb-Asien", „Vom Don zur Donau") die Ethnographie aufs glücklichste mit novellistischer Darstellung zu verbinden wisse. „Manche feiner Schilderungen aus Galizien und den unteren Dvnauländern find wahre Kabinetsüücke der Völkerpsychologie und sein „Shyiokvon Barnow" darf sich, als Kunstwerk betrachtet, neben jede Novelle der modernen Literatur stellen." Ja, der durch feine energische Denk- und Ausdrucksweise bekannt gewordene Historiker des deutsch-französischen Krieges und begeisterte Verfasser von „Germania, Zwei Fahrtausende deutschen Geisteslebens" nahm dankektdeu Herzens die Widmung der „Stillen Geschichten" entgegen. Auf dieser feiner Ruhmeshöhe hat sich Franzos wie wenige Glückliche, auch bis zu seinem unerwartet schnellen Lebensende zu behaupten gewußt. Ja, als er mit seinem „Kampf um das Recht" eine Stufe höher stieg, ist der Wurf vollkommen gelungen. Und was bei diesem Romane manchem von uns kleinlich erschien, die große stoffliche Anlehnung an „Michael Koblhaas" zeigt eben den Mut, das Selbstbewußtsein eines Meisters, der selbst einen Vergleich in der Komposition eines gleichen Stoffes mit Heinrich von Kleist nicht scheute. Ein hervorragender Kritiker schrieb damals: „Kleists Sprache in der Erzählung ist nicht mehr die unsrige, sie klingt wie ein Speerstoß eines reisigen Landsknechts zur Reformationszeit;

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