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Die Wahrheit · 1904-01-29 · Heft 5 (29.1.1904) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 5 (29.1.1904)
Date
1904-01-29
Page
– (sequence 10)
Language
German
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--'J Leite 10. Die Wahrheit Nr. 5. Seite ihrer frühvollendeten Tochter, der Frau Adele Brody, deren Andenken durch das ihren Namen tragende Kinderspital für alle Zeiten verewigt ist, beigesetzt. Möge sie daselbst sanft ruhen! D. H. 8. Budapest. Der hauptstädtische Juwelier Herr Herrinann Breitner, dessen Söhne die Chefs der in der Hauptstadt bestreuommierten Juweliersfirma Brüder Breitner find, ist nach schwerem Leiden im Alter von 70 Jahren gestorben. Der nunmehr Verstorbene hat die Goldschmiedekunst erlernt und es darin zu großer Meisterschaft gebracht. Er galt in Fachkreisen als Autorität. Als Bürger mar er hochgeehrt, er war ein braver I Mann und ein warmsühlender Sohn Israels. An seiner Bahre trauern sechs Söhne, eine Tochter, die Enkelkinder und eine großer Zahl Freunde und Verehrer. Seine Leichenfeier ging letzten Sonntag unter ungemein großer Beteiligung von Leidtragenden vor sich. Still und bescheiden wie er gelebt, mar auch seine letzte Fahrt, still und bescheiden, ohne Sang und Klang. Möge der unermüdliche Mann der Arbeit nun die Ruhe finden, die er im Leben selten gefunden' D. H. 8. Budapest. Am Dienstag haben wir hier eine edle, herzensgute Dame unter großer Anteilnahme zu Grabe getragen. Es ist die Frau Ignaz Schlesinger, geborene Rosa Berger, welche im Alter von 74 Jahren und nach 54jähriger überaus glücklicher und zufriedener Ehe sanft entschlafen ist. Sie besaß eine außerordentliche Bildung und ein gewinnendes, besonders taktvolles Benehmen, das ihr die Sympathien Aller erwarb, mit denen sie verkehrte. Ihre trefflichen Herzens- und Geisteseigenschasten prädestinierten sie dafür, außerhalb ihres Hauses zu wirken. Und in der Tat trat sie aus den engen Kreise ihrer Familie hinaus, um an dem öffents lichen Leben reilzunehmen. So sahen wir sie als eine der Gründerinnen und als Ausschußdame unseres eminent segensreich wirkenden, wohltätigen israelitischen Frauenvereines. Doch sie war keine Freundin der Oeffentlichkeit, still und geräuschlos wirken wollte sie, weshalb sie ihrer Ehrenstelle entsagte und sich mit den Ehren begnügte, die in reichem Maße ihrem wackeren Gatten zuteil geworden, den sie seit 35 Jahren als Vorsteher des großen Tempels in der Tabakgasse, sowie durch 30 Jahre als Mitglied der Waisenkommission und seit einigen Jahren als Vizepräsident des isr. Knabenwaiscnhauses mustergiltig wirken gesehen. Letzteres Ehrenamt versieht er noch heute. Die. Leichenfeier der tiefbetrauerlen Frau war eine imposante. Die Bahre umstanden nebst dem tiesbetrübten Gatten und der einzigen Tochter, eine Abordnung der Waisenknaben und sehr viele Trauergäste. Die Chewra-Kadischa war durch ihren Präsidenten Jacob Boschan, die Waisenhäuser durch ihren Präsidenten Jacob Deurich und den Direktor Conjüghy und Hertzka vertreten. Wir bemerkten noch den Direktor Szirmai, Dr. Ernst Deutsch u. A. Rabbiner Dr. M Kasperling, ein Freund der Vollendeten, würdigte in ergreifender Rede der hohen Tugenden dieser vortrefflichen Frau, deren Lebenswege nicht immer über Blumen, sondern auch oft über Dornen führte. Oberkantor Professor Lazarus versah mit seinem Tempelchore die Funeralien in anerkennender Weise. Die Verklärte wurde an der Seite ihrer srühvolleudeten Tochter beigesetzt. Sie schlummere süß! D. H. 8. Szegediu. Herr Oberrabbiner Dr. Immanuel Löw beging am 19. d. M. seinen fünfzigsten Geburtstag, der mit dem 25jährigen Jubiläum seiner hiesigen ausgezeichneten Amtstätigkeit zusammenfällt. Aus diesem Anlasse wurden dem Jubilar, der als Gelehrter und Redner einen bedeurenden, weit über den Kreis seiner Amtswirksamkeit reichenden Ruf besitzt, mannigfache Ovationen bereitet. Szenicz. Vergangenen Sonntag, Erew RoscliChodeschSchewat, hielt, wie dies hier alldreijährlich üblich ist, Se. Ehrw., Herr Rabbiner Marmorstein, am alten Friedhose, in Gegenwart einer zahlreichen Zuhörerschaft, eine Gedenkrede, in welcher er in beredten Worten der humanitären Wirksamkeit der Chewra Kadischa gedachte. Im Verlaufe der Rede würdigte er auch die Verdienste der im abgelaufenen Jahre verstorbenen Chewra-Mitglieder, und zwar der Herren Grünwald M6r und Mandl Lazar. Am neuen Friedhose sprach Herr Rabbinats-Assessor Feuer Em. New-Aork. Die hiesige Judenschaft hat einen ihrer besten Vertreter verloren. Mittwoch, den 13. d. M. ist Herr Leo N. Levi, Präsident des Exekutiv-Komite des Bnai-Brirh-Ordens, im 48. Lebensjahre an den Folgen einer Operation gestorben. Im Juni des vergangenen Jahres hat der Verblichene dem Präsidenten Roosevelt die bekannte Denkschrift der amerikanischen Juden überreicht, um die amerikanische Regierung zur Intervention zu Gunsten der verfolgten russischen Glaubensbrüder zu veranlassen. Präsident Roosevelt ließ der Witwe des Heimgegangenen sein tiefstes Beileid ausdrücken. Feuilleton. Königin ßfther. Eine Ghettogeschichte von Dr. Max Grünfeld. (Fortsetzung.) H. Esther, oder wie man sie gerne in der Gasse nannte, Esther-ha-Malka (Königin Esther), hatte an dem soeben geschilderten Sabbath-Nachmittage in ihrer gastlichen Stube einige Mädchen und Jünglinge der Gasse versammelt. Sie nannte diese Nachmittage ihre „literarischen Zirkel". Denn unsere Esther war eine gebildete Person. Hochgewachsen, mit nicht ganz schönen, aber geistvollen Zügen, überragte sie die ganze Gesellschaft, die lustig über die verschiedensten Gegenstände plauderte. Esther hatte jeden Bewerber um ihre Hand ausgeschlagen, sie war unverheiratet geblieben, sowie ihr Gegenstück in der Gasse, der uns bereits bekannte Mayer. Ihr Vater war Lehrer gewesen in der Gemeinde, ein strenger Mann, der sich die Liebe der Killahleute nie gewinnen konnte. Dazu war er zu herbe und rechthaberisch. Seine ganze, nicht geringe Bildung übertrug er auf seine Tochter, die ganz in seinem Sinne handelte, wenn sie nicht heiratete. Für seine Esther, für seine Königin, passe ja doch kein Mann im Ghetto, meinte er. Und er hatte nicht ganz unrecht. Es war etwas bedeutendes, weitblickendes in dem sonderbaren Mädchen, voll Witz und Sarkasmus, voll Lebenskenntnis und humorvoller Menschenverachtung. So sagte der alte Eleasar mit Recht:. „Die kennt unsere jungen Leute viel zu gut, als daß sie sich mit einem von ihnen vertragen würde in der Ehe." Esther hatte dem Vater zugestimmt, ihm die Augen zugedrückt, als er starb, ihn beweint und betrauert, und dann den Kampf des Lebens heiter und frohgemut ausgenommen. Sie war kein Griesgram, sondern eine Frohnatur, welche die Schwächen der Menschen erkennt, sie ihnen verzeiht, ihnen aber nicht untertan sein will. Eine Lebenskünstlerin war sie, die mit wenigem hauszuhalten verstand, ja nicht in Abhängigkeit geraten wollte, und von dem geringen Erlöse einer „Greißlerei", die sie sich eingerichtet Hatte, nicht nur selbst, wie sie sagte, königlich lebte, sondern im geheimen auch Arme unterstützte. Ihre Genügsamkeit war rührend. Sie durchschaute das Weltgetriebe, wenn sie auch nicht über die Mauern des Ghettos hinausgekommen war. Sie war eine Art Ghettophilosophin. Sie durchblickte die ganze Summe von Falschheit, Unvernunft, Doppelzüngigkeit, Selbstsucht, Heuchelei und Neid, welche die Welt regiert. Sie verachtete die Menschen nicht, sondern spottete nur ihrer Schwäche. Wo sie helfen konnte, tat sie es, und insbesondere, wenn zwei, die sich gefunden, nicht zusammenkommen konnten, war es ihr eine Freude, sie zu verbinden, wenn es auch des Kampfes bedurfte, um die Hindernisse, die sich den beiden entgegenstellten, zu beseitigen. Sie spielte gerne die Vorsehung, oder, wie sie sagte: „die ehrliche Mäklerin". Ihre besondere Liebe hatte sie Rosl zugewendet, Awroms Tochter, eine ihr ganz unerklärliche Abneigung erfüllte sie aber gegen Mayer Bochur. „Was ist dieser Mensch eigentlich," pflegte sie zu sagen, „was tut er? Hat gar keinen Lebenszweck- Macht einen glücklich mit seinen talmudischen Redensarten. Hat einen gewaltigen Appetit und stillt ihn an den Tischen Fremder.. Warum unterrichtet er nicht Kinder? Sieht dabei stolz auf andere Menschenkinder herab. Ihm gleicht niemand. Jeder ist bei ihm ein Ignorant. Dabei verkehrt er mit Menschen, wie mit diesem Sohne Keles, weil ihm dieser von seinen Leckerbissen reicht. Ein herrliches Lebensziel, essen und trinken und nichts verdienen, dabei die Menschen verlästern und sich auf das verkannte Genie hinansspielen, das wir Menschenkinder, wir niedrige Seelen, doch nie verstehen werden. Ich meine, liebe Rosl, er bezweckt auch etwas mit dir. Hüte dich vor diesem großen Esser vor dem Herrn." Mit diesen Worten wandte sie sich an Awroms Tochter, die neben ihr auf dem großgeblumten Sopha saß, das sicherlich aus den Zeiten Maria Theresias stammte. Ueberhaupt zeigte die Möblierung der „guten Stube" Esthers etwas Altväterisches, aber ungemein Behagliches. Urväter Hausrat war hier aufgespeichert, aber alles leuchtete von peinlichster Sauberkeit. Die besondere Aufmerksamkeit des Besuchers erregten wohl die alten Büchergestelle, die angefüllt waren mit Büchern aller Art. Besah man die Titel auf den alten Einbänden, so wunderte man sich, hier nicht nur uralte Bibeln und Talmudexemplare, sondern auch deutsche und französische Klassiker zu finden. Was Esther an Büchern von! ihrem Vater ererbt hatte, bemühte sie sich, soviel sie konnte, zu vermehren. (Fortsetzung folgt.)

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