Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 5 (29.1.1904)
- Date
- 1904-01-29
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 5. Die Wahrheit Sette 7. lieber diese seine Parteistellung spricht heute bereits die Geschichte — uich L mehr die Tagesleidenfchaft ihr Urteil. Wir selbst haben literarische und gesellschaftliche Umwälzungen erlebt, die mit der Welt der Zwanziger und Dreißiger Jahre viele Aehnlichteit haben, wir haben Bilderstürmer am Werte gesehen, die nicht minder radikal, nicht minder einseitig vorgingen, wie einst die literarischen und politischen Gegner der Goetheftchen Kunstära, tutr. haben in diesem neu erstandenen Gegensätze zwischen Historie und Politik nicht mehr Mäßigung, nicht mehr geschichtliche Schulung ans beiden Seiten des Schlachtfeldes gefunden, als in jenem älteren Kampfe, und doch war im zweiten und dritten Dezennium jener Gegensatz neu, überraschend, unerhört, er traf aus beiden Seiten unvorbereitete Parteigänger, die neuen Kämpfer hatten vor ihnen die Erfahrung eines halben Jahrhunderts voraus. Beginnt man ihnen gerecht zu werden, so hat Börne gleiches, wenn nicht höheres Anrecht auf Billigkeit und unbefangenes Urteil. Man hat ihn zum Begründer der Dialektik in der Kunst stempeln wollen, die nicht mehr den Gegenstand, sondern seine momentane Erscheinung inmitten der Bewegung festhält: so wäre er nicht nur für die Literatur, sondern auch für die bildenden Künste ein Pfadfinder geworden. Mag dem wie immer sein; mag man selbst seinen Mangel an Kunstsinn behaupten, weil ihm die Kunst seiner Tage nicht mehr genügte, mag man die enge Beziehung zwischen Tages- und Knnstfragen, die bei ihm entschieden vorschlügt, als Fehler, eher denn als Vorzug ansehen, obgleich die Gegenwart wieder ähnliche Wege einschlügt und der Selbstzweck der Kunst ein keineswegs unbestrittenes Axiom ist, so viel Gerechtigkeit, wird ein makelloses Leben voll selbstloser Hingabe, heroischer Aufopferung für die — vielleicht falsch verstandene — Wahrheit beanspruchen dürfen, daß Börne als Ganzes gefaßt, als Ganzer beurteilt werde, daß man den Gegensatz zwischen Jung und Alt, prinzipiellen Kampf zweier Generationen nicht in persönliche Einzelheiten anflöse. Mag immerhin gewiß sein, daß man, wie Brandes sagt, über die siedenden und schimmernden Kaskaden von Börnes Prosa die Ausdehnung und Tiefe jenes stillen Ozeans niemals vergessen wird, der Goethe heißt; die deutsche Literatur hat Raum für gar viele und gar verschiedene Individualitäten: um den Einen, Einzigen, Größten scharen sich friedlich die Kleinen, die sich und ihm im Leben feindlich gegenüber gestattden, und wenn Goethe ohne gleichen in unserer Literatur dasteht, ohne ebenbürtigen Vorläufer, ohne ebenbürtigen Nachfahrer, so hat der tapfere, heißblütige Börne einen nicht unehrenvollen Stammbaum: Hutten und Lessing, oder besser gesagt, um uns zum Schlüsse ..klassischer Worte"'-') zu bedienen: „Wentt dieser Börne streitet, ist etwas in ihm, was an Lessing erinnert!" Jüdische Statistik. Am 20. Januar fand im „Mönchshof" zu Berlin die erste Plenarversammlung des „Vereins für jüdische Statistik" und im Anschluß an dieselbe eine größere Versammlung der jüdischen Intelligenz statt, welche die Herren Prof. Dr. M. Philippfon, Justizrat Timendorfer, Dr. Paul Nathan, Sanitätsrat Maretzki, Dr. H. Hildesheimer, Reichslagsabgeordneter Ed. Bernstein, Dr. A. Nossig in Angelegenheit der Statistik einbernfen hatten. In feiner kurzen Eröffnungsansprache hob der Vorsitzende des Vereins, Dr. A. Nossig, auf eine vom Abg. Ed. Bernstein hin gegebene Anregung hervor, daß der V. f. j. St. keinerlei separatistische Tendenzen verfolge, sondern sich im Sinne von Zunz mit der Statistik der Juden als einer geschichtlich gegebenen Kollektivität befasse. Innerhalb des Judentums hänge der Verein ebenfalls nicht mit dieser oder jener Gruppe zusammen, er stehe als wissenschaftliche Organisation jenseits aller Parteien. *) Grillparzers sämtl. Werke. 4. Ausg. XIV, 141. Der Geschäftsbericht faßte die ans den früheren Mitteilungen bekannten Tatsachen der Ausbreitung des Vereines in den verschiedenen Ländern zusammen. Ans dem Rechenschaftsbericht ging hervor, daß in dem Zeiträume vom 1. Mai 1002 bis 31. Dezember 1903 die Einnahmen des Vereines 6173,33 M., die Ausgaben 4855,75 M. betrugen, woraus sich am Jahresschlüsse ein Ueberschuß von 1317,58 M. ergibt. An dem Ankäufe der ersten Vereinspublikation „Jüdische Statistik, B. I" nahmen die jüdischen Organisationen und Großgemeinden in folgender Weise teil: Jewtsh Colonization Asso eiation 2800 M., Allianee Jsraelite Universelle 260 M., B'nei-Brith Logen Deutschland 376,65 M., B'nei-Brith Logen Oesterreich 100 M., Deutsch-israelittseher Gemeindebund 120 M., Jüdische Gemeinde Warschau 350 M., Jüdische Gemeinde Berlin 140 M., Jüdische Gemeinde Wien 100 M., Israelitische Allianz Wien 70 M. In der Diskussion über die Tätigkeit des Vereins gab zunächst Sanitätsrat Tr. Maretzki unter warmer Anerkennung des bisher Geleisteten wichtige Anregungen beinffs des weiteren Arbeitsplanes. Er wies namentlich auf die Gesnndheitsstatistik als jenes Gebiet hin, auf welchem das reickbalrtgste Material bereits vorliege und durch eine 'ystematistbe Bearbeitung gehoben werden müsse. Ferner betonte er die Notwendigkeit, auf die landes- und reich.sstatisti'eben Aemler einznwirken, damit dieselben der jüdischerr Statistik schon in ihren Fragebogen größere An'merk'amkcit zuwenden mögen. Herr Eliasberg sprach von der Wichtigkeit der jüdisch-statistischen Arbeiten in Rußland, wobei er ans das einschlägige Werk des Staatsrats Bloch hinwies. lieber denselben Punkt äußetten sich Tr. Heinrich Meyer- Cobu und Herr Leo Mvtzkin. Tr. Nossig teilte mit, daß der Vorstand sich bereits bemüht halte, in dem vom Sanitätsrat Maretzki angegebenen Sinne die offiziellen statistischen Arbeiten zu beeinflussen. Daneben halte jedoch der Verein an seinem Hauptprogramm fest, welches darin bestehe, zunächst ans Grund des vorhandenen Materials eine Gesammtstatiftik des Judentums herznstellen. Nach Erteilung des Absolntoriums wurdet: t ie vom Vorstand entworfenen Satzungen des Vereins verlesen und mit geringen Aenderungen angenommen. Es folgte nun eine längere und angeregtere Debatte über die finanzielle Bafiernng des Vereins zum Zwecke der Schaffung dauernder Aemter für Statistik der Inden und Anstellung fachmännisch gebildeter Beamten. Das diesbezügliche Reserat des Vorfitzendett gipfelte, nach kritischer Prüfung verschiedener Projekte, in dem Gedanken, daß die Organisation für jüdische Statistik eine gemeinsame Schöpfung aller jüdischen Vereinigungen und Großgemeinden werden müsse. Tr. S. Bernfeld unterstützte in beredter Ausführung diesen Vorschlag, der hierauf von der Versammlung einhellig angenommen wurde. An der Diskussion über die Turchsührnng des Projektes beteiligten sich insbesondere Dr. Klee und Dr. Alfred Waldenburg. Man beschloß, zur Verwaltung der für die Jüdische Statistik bestimmten Fonds ein Kuratorium ans Berliner Notabeln zu wählen und entwarf eine Liste der Herren, denen Sitze im Kuratorium anzubieten find. In den darauffolgenden Wahlen wurde die Mehrzahl der Mitglieder des abtretenden Vorstandes wiedergewühlt: Zum Vorsitzenden Dr. Alfred Nossig, zum Generalsekretär Lotus Leopold, zu Beisitzern Bertold Feiwel. Tr. Martin Buber, Davis Trietsch, Dr. Theodor Zlocisti. Ferner wurde S. Eliasberg zum Schatzmeister gewählt und dem Vorstande aufgelragen, nach Bedarf weitere Beisitzer zti kooptieren. Bis jetzt wurde Ingenieur Stefan Perez kooptiert. Zn Revisoren wählte man S. Cassel und Dr. Robert Hantke. Mit Dankesworten des Vorsitzenden an die Erschienenen schloß die äußerst zahlreich besuchte Versammlung, welche den erfreulichen Beweis erbracht hatte, daß die Vertreter der verschiedensten jüdischen Parteien ein gleich lebhaftes Interesse au der Statistik nehmen und sich auf dem Boden dieses Vereins zu gemeinsamer Arbeit zufammenfinden. Im Laufe der Versammlung trugen sich viele Anwesende als tätige oder unterstützende Mitglieder ein.