Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 5 (29.1.1904)
- Date
- 1904-01-29
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6. Die Wahrheit Nr. 5. Tabor st raße: Hirschl Auer, Joachim Prot. Große Psarrgasse: Michael Gerstl, Samuel Goldschmidt, Gebrüder Benjamin und Salomon Goldschmidt, Zaharias Mayrs Erben, N. Scheuch, Austerlitz Erben, Aron Frankl, Aron Hönig. 'Herren gas se: Abraham Hönig, N. Löwel, Elias Pollak, David und Perl Pollak. Kleine Psarrgasse: Jsak Rist, Markus Israel, Salomon Engsen, Jsak Vermesser, Jonas Jsak und Salomon Jsak, Abraham Munk, David Judl, Zacharias Mayr, Marcus Benedikt. A u g a r t e n st r a ß e : Löwel Goldschmidt und Aron. Kleine P f a r r g a s s e : Benedict Hirschl. A u g a r t e n st r a ß e: Benedikt Lesack. Kleine Psarrgasse: Samuel Llallstadt, Marx Wenzl. Rauchfangkehrergass e: Moyses Neusiedl, Löwel Moyses Mayr, Jsak Münzhandler, Lazar Jsak, Marx Wenzl, Salomon Auerbacher, Lazar Mändl, Mayr Sekhl, der alte Löw Schulsinger, Simon Hirschl, Abraham Wolfs, Joseph Salomon, Marx Linz, Mayer Scheyer, Löwel Mayr, Aron Thoman, dl. Schelz, Joseph Neustall, Mayr Ascher sen. Lewel Jonas. Heidngasse: Lippman Jurist, Bcermann Frank, Alte Jsak, Inden-Schulmeister. Große Psarrgasse: Simon Wiener. H e i d n g a s s e: Marx Schlesinger, Simon Pollak, Lazar Wexler, Simon Wolfs, Hirschl Mayr, Jacob Sene de Banco, Hirsch Brnghy, Salomon Frankl, Perl Eisenkramer, Löwel Schlesinger, Hirschl Goldschlager, Samuel Müllerberg, Joseph Hönig Falk, Salomon Mauther, Joach Nehmeles Witwe. S p e r l g a s s e: Salomon Nischlirz. Z uch th aus g ass e: Joseph Greißler, Perl Greißler, Jacob Trostil. Große Schissgasse: Juden-Gemeindehaus. Auf der Haide: Spitalhaus, Joachim Pollak, Hirschl Pollak Löwel Karch. Große Psarrgasse: Neue Synagoge. Dieser Judenstadt schloß sich der untere Werd über die Schlagbrücke an und hatte über 200 Häuser. Die alte Synagoge stand schies gegenüber von der neuen Synagoge in der damaligen großen Psarrgasse. -Am 14. Februar 1670 mußten jene Inden, welche nicht mit Hans oder Kausschatz angesessen waren, Wien verlassen. Der Judenrichter Marcus Schlesinger, der dem Hose wichtige Dienste geleistet hatte, verblieb als Hossaktor, und seine Söhne Wols und Israel wurden von Carl VI. in den wichtigsten Handelsgeschästen, besonders bei Errichtung der Linzer Wollenzeugfabrik, verwendet. Aus der Synagoge wurde die St. Leopolds-Pfarrkirche gemacht, wozu Kaiser Leopold I. den 18. August 1670 selbst den Grundstein legte. Zu diesem wurde eine 13 Loth schwere Silbermünze gelegt, mit folgender Inschrift: Aus der einen Seite: Honoi'i Jesu Christi Dei et Mariae Filii Sancti Leopoldi Austriae marchionis Primus hic lap is Positus est anno dom. MDCLXX. Aus der anderen Seite: Augustiss Imperator Leopoldus Austriacus post ejectam Judaeorum Perfidiani abolito ex liis aedibus Synagogae nomine Speluncam Latronum Mundavit in Templum Dei Et D. Leopoldo Austriae marcbioni ac Patrono ßitu catholico consecrari fecit MDCLXX. Und an dieser Stätte lehrten und wirkten die großen Wiener Talmudisten, die „Chachme Wien", welche zu den berühmtesten Geistern der Vorzeit zählten. M e i r h a l e v i ben Baruch, dessen Ruf in Europa bekannt war und selbst bei den Autoritäten seiner Zeitgenossen in hohem Ansehen gestanden. A b r a h a m K l a u s n e r, an der Seite des Meir halevi wirkend, den selbst der berühmte R. I s r a e l I o s e r l e i n den großen Rabbiner nannte. R. Jom T o w (Lipman Heller), ein durch hervorragendes Talmudwissen ausgezeichneter Rabbiner und Mathematiker. Das Leben und die Lebensgeschichte dieser Koryphäen war ein höchst trauriges. Als Opfer der Verleumdung wurde Lipman Heller, zur Zeit, als derselbe Rabbiner in Prag war, im Jahre 1629 nach Wien in Fesseln gebracht, schmachtete 40 Tage im Gefängnis, und die Wiener Judengemeinde befreite ihn durch ein Lösegeld von 10.000 Gulden. Unzählige, gediegene Werke ftossen aus der Feder dieses gefeierten, seltenen Mannes. Außer diesen Koryphäen wirkten an dieser Stätte R. Jesaia Horowitz, Verfasser vieler großer Werke, und dessen Sohn R. S ch e s t l H o r o w i tz, welcher 1660 starb und auf dem alten Friedhofe ruht. R. G erson As chkeu asi, eine Zierde der jüdischen Gelehrten der Vorzeit. Wenn der jüdische Wanderer der Jetztzeit harmlos oder geschäftig der Taborstraße entlang die Carmeliter-Kirche passiert, oder rechts und links in den Gassen und Gäßchen einlenkt,. denkt er freilich nicht daran, daß diese Sphäre einst die Wiener Judenstadt war, aus welcher viel Asche der verbrannten Juden in die blaue Donau geworfen wurde. Ein Haus Nr. 404, „zum Jordan" genannt, soll von dieser Verkündigung, daß jenen Juden, die sich nicht zur Taufe bequemen wollten und denen das Todesurteil vorgelesen wurde, den Namen geführt haben. Das kleine Abbild der Taufe Christi im Fluße Jordan mit der Inschrift: „ao. 1420 wurden d i e Judenhier verbrannt." Die Zeit hat wohl viel Wunden geheilt, doch auch, wieder neue Wunden geschlagen, und wenn eine solche Wunde kaum vernarbt, wird dieselbe von lieblosen Nebenmenschen wieder aufgerifsen. Möge das Judentum treu Zusammenhalten, unerschütterlich in guten und schlechten Tagen. „Demütigung ist viel besser Als des Feindes Schwert und Messer." (Berachot 6.) B u d a p e st. A l b e r t L ö w. Körne — und — Goethe. In dem soeben erschienenen Buche „Aus dem Lager der Goethe-Gegner"*) begegnen wir folgender Charakteristik der vielgenannten Opposition des Begründers der deutschen Journalistik gegenüber I. W. v. Goethe. Da ersterer gewiß von einigem Interesse für die Leser unserer Zeitschrift sein dürste, erlauben wir uns, solche im Wortlaute wiederzugeben: Fragt man sich, was L. Börne in der Reihe der Goethe- Gegner als eigentümlich zukommt, so kann man beruhigt sagen: Börne war sich der Dichtergröße Goethes bewußt, gleich Hengstenberg, Knapp, Görres, er überschätzte nur gleich ihnen die Macht der ästhetischen Universalmonarchie; er wollte diese Macht im Dienste der politischen Freiheit — wie er sie verstand — verwendet wissen, jene im Dienste des pietistischen Rigorismus. Er war gleich Menzel von dem Gegensätze Goethes zur modernen Welt überzeugt, aber Menzel hat Goethe zum spielerischen Talente herabgewürdigt, Börnes Verehrung des Dichters wuchs mit seinem Hasse gegen den kalten Hofmann. Dort also ein Unterschied im Ziel, hier in der Wertschätzung. Gelegentlich hat er wohl auch am Einzelnen gedeutelt, genörgelt — doch das blieb allezeit Episode. Und er war kein Pedant, kein Aufklärer, kein böswilliger Pasquillant, der mit Bewußtsein das ragende Denkmal deutscher Kultur verunehrte, kein augenverdrehender Biedermann, der über das freie schöne Griechentum der Goethischen Kunst sein Anathema ries; kein schreibfertiger Weisheitskrämer, der seinen Treppenwitz an Goethe übte; er war ein sogenannter ganzer Mann, ein sogenannter freier Denker, der sich niemals im Einzelnen verlor, ein trotz seiner politischen Befangenheit durchaus moderner Mensch; und er > haßte Goethe, weil er ihn glühend liebte. Darum dienen ihm die Halben, die Unfreien, die Rückwärlser, die Warm-Kalten als Folie. Eine eigentliche Entwicklung hat Börne niemals durchgemacht — auch nicht in seinem Verhältnis zu Goethe. Sieht man von der ersten Goethestelle — der prosaischen Erlkönigexegese — ab, so läßt sich die große Anzahl der übrigen — und er hat Goethe oft zitiert, viel gelesen und genauer gekannt als viele seiner Enthusiasten — fast ohne Ausnahme auf seine politische Parteistellung zurückführen. *) Aus dem Lager der Goethe-Gegner. Mit einem Anhänge:. Ungedrucktes von und an Börne. Von Dr. M. Holzmann. Verlag. B. Behr, Berlin 1904., 224 Seiten, Einzelpreis 3 M 50.