Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 5 (29.1.1904)
- Date
- 1904-01-29
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 5. lichen Dingen, daß man die Beschimpfung und Besudelung der Juden ungeahndet gastieren läßt. Der Dank des Delegierten Dr. Byk war sehr am Platze; Herr v. Gautsch, der dem Mechaniker Schneider so nachdrückliche Andeutungen darüber gab, daß der Jargon des Antisemitismus für Männer von Bildung ein unerträglicher sei, hat diesen Dank vollauf verdient. Freilich, die Antisemiten werden es ihm auch nicht vergessen. _ Revision des jüdischen Ieremonialgesetzes. Eine große Ueberrafchung, ja man könnte fast sagen Enttäuschung, wurde vielen Teilnehmern der letzten am 21. d. M., im großen Saale des „Hotel Guth , unter dem Vorsitze des Vizepräsidenten, Professor Dr. Ehrmann, stattgehabten Vereinsversammlung der „O e st e r r ei ch i s ch - I s r a e l i t i s ch e n U n i o n" bereitet. Daielbst hatte der Landesrabbiner für Tirol und Vorarlberg, Herr Dr. A. Tänzer aus Hohenems, einen Vortrag über das Thema „Selbsthilfe — ein Naturgesetz" angekündigt, und dem Titel entsprechend erwarteten die zahlreich erschienenen Zuhörer naturwissenschaftliche Darstellungen mit eventuellen Ausblicken aus das religionswissenschaftliche Gebiet. Zum größten Erstaunen der Mehrzahl der Anwesenden hielt jedoch Herr Dr. Tänzer ein begeistertes Plaidoyer für die Revision des jüdischen Zeremonialgesetzes, von dem, wie wir vernehmen, selbst der Vereinsvorstand einigermaßen überrascht wurde. Der stürmische Widerspruch, den stellenweise die Ausführungen des Redners bei der Majorität der Versammlung fanden, läßt unbedingt schließen, daß im Wiener Judentum kein Boden für derartige Reformen ist, und daß der Vortragende für seine gewiß von den edelsten Intentionen getragene Ueberzeugung hier wenig Anhänger gesunden hat. Auf den Vortrag selbst wollen wir, wenn er uns zur Gänze vorliegen wird, noch zurückkommen und im Nachstehenden blos den uns zur Verfügung gestellten Bericht wiedergeben: In überaus geistvoller Weise und an der Hand einer umfassenden naturwissenschaftlichen Bildung zeigte der Vortragende zunächst, wie in der großen Union der Natur alles dem Gesetze der Entwicklung folge, wie alle organischen Wesen im Wege der Auslese, der Anpassung und der Selbsthilfe nach Vervollkommnung streben. Von der organischen Welt überträgt sich dieses Gesetz auf die menschlichen Individuen und auf die menschliche Gesellschaft. Auch hier sehen wir unausgesetzt der den Sieg des Starken über das Schwache, die Auslese der Besseren und Besten, die stetige Vervollkommnung durch Anpassung und Selbsthilfe. Nachdem Redner die Entwicklungsgeschichte der Menschheit eingehend erörtert hatte, wendete er sich der Entwicklung des Judentums zu, wobei er den Nachweis zu erbringen suchte, daß die jüdische Religion der modernen Entwicklungslehre keineswegs feindlich gegenüberstehe, ja daß sogar im mosaischen Gesetz vielfache Vorahnungen und Anlehnungen an die Entwicklungslehre zu konstatieren seien. Hiebei stellte er folgende Thesen auf: „Des Judentums wirkliche Glanzperiode in der Menschheitsgeschichte, die seiner gerechten Würdigung und Anerkennung, war noch nicht, sondern wird erst sein." „Jude sein, heißt, jener Religionsanschauung angehören, die sich aus der Bibel und mosaischen Lehre heraus entwickelt; Jude sein, heißt, sich auf jenem Entwicklungsgänge befindlich betrachten, auf dem Bibel und Talmud nur einzelne Etappen bedeuten, und weshalb wir uns eins fühlen, mit all jenen, dem weitaus größeren Teile der heute lebenden Juden, die noch auf jenen Etappen in starrer Wortgläubigkeit stehen." „Die heute herrschende, unglückselige Halbheit auf dem Gebiete jüdisch-religiösen Lebens muß endlich ein Ende nehmen. An dem Abfalle vom Judentume trägt einzig und allein diese unglückselige Halbheit mit ihrem Widerspruche zwischen Lehre und Leben, zwischen der Lehre von einst und dem Leben von jetzt, Schuld." „Die Kluft zwischen dem jüdischen Zeremonialgesetz und dem Leben von heute ist zu groß, man kann das erstere nur mit Entsagung und großen Opfern einhalten. „Der Rabbiner vertritt die alte Lehre, die Gemeinde das moderne Leben. Eine unerhörte Halbheit!' Redner stellte daher die Forderung ans: Eine internationale Synode aller jüdischen Gelehrten und Rabbiner soll eine zeitgemäße Revision des jüdischen Zeremonialgesetzes durchführen, das Erhaltbare und Notwendigste für das entwickelte moderne Judentum aufstellen, das Unnötige und Unhaltbare aus demselben ausscheiden. An den Vortrag schloß sich eine höchst anregende, teilweise überaus leidenschaftlich geführte Debatte, an welcher sich die Herren Architekt Marmorek, Dr. I. S. Bloch, Lucian Brunner, Bernhard Hofbauer, Dr. Schreiber, Markus und Baumeister Schwadron beteiligten. Die Versammlung endete erst nach Mitternacht. Turmban und Himmelsleiter. Zwei Weltanschauungen aus voriuosaischer Zeit. Von Herm. Berliner. Als ich vor einiger Zeit über „Kultur und Kultus in vormosaischer Zeit" sprach, hob ich am Schlüsse meines Vortrages hervor, daß Kultur und Kultus sich stets gegenseitig ergänzen müssen. Wenn beide nicht auf gleicher, d. h. auf höchster Höhe bei einem Volke stehen, kann und wird es nicht bestehen bleiben. Das hat eine vieltausendjährige Geschichte be, viesen. Was heute noch aus dem Altertume bekannt ist, das reicht an die Kulturhöhe, aus der das j ü d i s ch e Volk gestanden, in gar keiner Weise heran. Und wenn auch Prof. Delitzsch den Beweis erbracht haben will, daß der jüdische Gottesbegriff die Kopie eines babylonischen Originals sei, so könnten wir diese seine Behauptung ruhig ad acta legen. Sie ist so glänzend widerlegt worden, daß es sich eigentlich gar nicht mehr lohnt, darauf zurückzukommen. Ich muß mir aber doch noch einige Aeußerungen in dieser Frage gestatten. Nicht um noch einen Beweis gegen Delitzsch zu führen, sondern weil ich über zwei Kulturmomente und Weltanschaungen sprechen möchte, deren eine das große Reich.des Altertums, eben jenes Babylon betrifft, das vor ca. 2400 Jahren so verhängnisvoll in die Geschicke des jüdischen Volkes eingegriffen hat, und dem es dann so ergangen ist, wie wir in unseren OlradAadja-Lied am Seder-Abend singen — daß Gott es auch gerichtet und von dem Erdboden fortgeschwemmt hat. — Wenn wir die geschichtlichen Momente der Bibel ins Auge fassen, so stoßen wir auf einige, die nicht nur ihrer ethischen Bedeutung wegen ganz besonders hervorragen. Es werden uns charakteristische Bilder vorgeführt, die auf die Kultur und die Weltanschauung ihrer Träger ein intensives Licht auch dann iverfen müßten, wenn sie weniger hervorragend wären. Ich meine hervorragend im wirklichen Wortsinne. Und deren zwei sind es, die die Bibel in der vormosaischen Zeit ganz besonders erwähnt. Das eine Kulturbild handelt von jenem riesengroßen Bau, den das alte Babylon einst hervorgebracht; von jenem Turme, der in den Himmel reichen, der ein Bild sein sollte von der über alles dominierenden Macht jenes großen Kulturvolkes des Altertumes, von dem wir bis vor wenigen Jahren fast nichts wußten. Jetzt ist man daran, die Steine, jene Zeugen einer großen, längstvergangenen Epoche zu erklären, oder zu versuchen, ivenigstens eine Erklärung jener rätselhaften Inschriften zu finden. Vieles ist auch schon entziffert, und mit Erstaunen nehmen die Gelehrten nun wahr, daß die Bibel, dieses fast 4000 Jahre alte Buch, Daten aufweist, die einen glänzenden Beweis für die Treue jener alten jüdischen