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Die Wahrheit · 1904-01-29 · Heft 5 (29.1.1904) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 5 (29.1.1904)
Date
1904-01-29
Page
– (sequence 3)
Language
German
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!)Jebafttoit u. Lldministi ation: > Wien, II/j Novaragasse 27. Telephon 3t r. ber Druckerei 15302. Inserate 20 Hell, per Nonpareillr-Z.-iu'. Abonnemenlsu. Insertions' - betrage finb in Wien zahlbar! imb klagbar. ^abhängige Zeitschrift für Mische znteressen. Erscheint jeden Areilag. Motto: ..Das Siegel (iottes ist Wahrheit!" Bezugspreis:; Ganzjäbrlg . . . 12 — i Halbjährig . . Si. ü.—! Für Gultucbeamte: H>aiizjäbrig . . . K. 10 — Für Auslaut»: i ^aii'.jäbrig . . . s Mark, f f. :>iubel oder n> Fes.; Ur. 5. Wie», 39. Jänner 1904. Inhalt. Aus brr Woche. — Revision bcS indischen Zere moniochesetzes. — Turmbau uud Himnielsieiter. — Die ehemnlilte Judenstabt in der Leopolbsiabt zu Wien. — Börne — und Goethe. — Jüdische Statistik. — Verband der israelit.scheu Reiicponslebrer an den österreichischen Mittelschnleu. — Gemeinde- und Bereinsbore. — Fenilleton. — Cantoren-Zeitnng: Zur Sulzer-Centennar-Feier. — Verschiedene Nachrichten. Ans der Woche. Wie absurd das Verlangen Dr. P a t t a sts ist, der Antisemitismus möge sich mehr mit Bildung und Kunst befreunden, wurde schon gründlich nachgewiesen. Wahre Bildung und echter Antisemitismus können sich nicht nur nicht mit einander vertragen, sie schließen einander völlig aus, und Dr. Pattai's Forderung bedeutet eigentlich nichts anderes, als daß der Antisemitismus sich selbst verleugne. Die Christlich-Sozialen, und nicht nur die Wähler, sondern auch die Gewählten, scheinen auch hievon vollkommen durchdrungen zu sein und die letzteren haben dies u. A. dadurch bewiesen, daß sie als ihren Vertreter in die österreichische Delegation Herrn Ernst Schneider wühlten. Die Delegation gehört zu den vornehmsten parlamentarischen Vertretungskörpern, es herrscht in ihr ein Ton wie im Herrenhause; Mechaniker Schneider ist der rüdeste, ungebildetste und pöbelhafteste der antisemitischen Parteiführer. Er repräsentiert den Antisemitismus, wenn man sagen darf, in seiner vollsten Reinheit, oder wie man richtiger sagen muß, in seiner ganzen Unreinheit; er ist die verkörperte Widerlegung der Pattaischen Forderung, wonach Antisemitismus und Bildung in einen innigeren Bund treten mögen. * * * Der Delegierte Herr Ernst Schneider hat auch in der Delegation wie ein unverfälschter von der Blässe der Bildung nicht angekränkelter Antisemit gesprochen. Er hat zur Bestätigung der längst bewiesenen Tatsache, daß der Antisemitismus dem Christentum nicht minder gefährlich als dem Judentume sei, in einer Weise gesprochen, welche abwechselnd bald die Gefühle der Christen, bald jene der Juden besonders verletzen muß. Schneider ritt auch in der Delegation seine beiden Steckenpferde: er beschimpfte kirchliche Autoritäten, katholische Kirchenfürsten und beleidigte die Juden. Der Mann, der das Evangelium so wenig wie den Talmud kennt, hat die krankhafte Sucht, bei jeder Gelegenheit seine theologische Weisheit auszukramen. Schneider, der schon früher wiederholt in öffentlichen Vertretungskörpern unter dem Schutze der Immunität die gemeinsten Beschimpfungen gegen Bischöfe und Päpste schleuderte, die sich gegen das Ritualmordmärchen ausgesprochen, hat in der Delegation sein Mütchen an den Kardinalen gekiihlt, die anläßlich des jüngsten Konklaves nicht den Kardinal Rampolla, sondern den Kardinal Sarto zum Papste erwählten. Mit einer Unverfrorenheit, die geradezu verblüffend wirkt, erklärt der „christlich-soziale" Parteiführer, daß die Papstwahl nicht, wie die katholische Kirche lehrt und deren Bekenner glauben, unter dem Einfluß des heiligen Geistes, sondern unter der Einwirkung der polnischen Juden vollzogen wurde! Schneider sprach in der Delegation, wie er im Parlament, wie er im niederösterreichischen Landtag zu sprechen gewohnt ist. Man merkte den Unterschied des Ortes erst, als ihn der Präsident Dr. v. Gautsch zur Ordnung rief. Anderwärts widerfährt Herrn Schneider ieuie solche schneidige Zurechtweisung. Er ist ja ein christlich-sozialer Parteiführer. Schneider beschimpfte in der Delegation nebst den Kirchenfürsien selbstverständlich auch die Juden. Er wiederholte seine alten lügenhaften Behauptungen, sein Repertoir ist auch ein ziemlich beschränktes. Erstens, daß der Talmud die Nichtjuden nicht als Menschen anerkenne: zweitens, daß wo etwas in der Welt nicht in Ordnung sei, die Schilld daran die Juden treffe. Im konkreten Falle wollte Schneider damit sagen, daß die Juden verantwortlich für den Rückgang des österreichischen Exportes seien. Zum Beweis brachte Schneider einen — Stiefel vor. Nicht nur den bei ihm selbstverständlichen rhetorischen, sondern einen veritablen, im elendsten Zustand befindlichen Stiefel aus Leder. Der angeblich von einer jüdischen Firma nach den überseeischen Ländern gelieferte Stiefe? sollte als Beweis dafür gelten, daß alle Juden ausschließlich Pofelware fabrizieren und exportieren. Es ist dies die echt antisemitische Logik, das stete antisemitische Beweissahren, mit welchem Schneider und Konsorten überall den Judenhaß schüren. In der Delegation wurde dem Herrn das Geschäft gründlich verdorben. Der Delegierte Dr. Byk beleuchtete in einer ebenso vornehmen als schlagfertigen Weise die lügenhafte, verleumderische Mache der Schneiderffchen Anklagen. Er legte ..die Mechanik jener Generalisierungs- und Pcmichalierungsmethode' bloß, welche das geistige Um und Auf der antisemitischen Partei bildet. Nach der gründlichen, sachlichen Widerlegung der unsachlichen antisemitischen Angriffe und Beschuldigungen sprach Dr. Byk dem Präsidenten den Dank dafür aus, daß dieser die pöbelhaften Jnvektiven, die Schneider gegen die Juden sich gestattete, nicht ungeahndet passieren ließ. Das Selbstverständliche wurde nur in der Delegation zum Ereignis; in anderen Vertretungskörpern gehört es zu den selbstverständ-

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