Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 4 (22.1.1904)
- Date
- 1904-01-22
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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; i^*£Sä^JÄt»j£T«5iESJSÄ."i i.i-Sil.'fe:■ .1 Seite 10. Die Wahrheit Nr. 4. Fenillrton. Königin Kjiher. Eine Ghettogeschichte von Dr. Max Grünfeld. (Fortsetzung.) > Und so begann er einzulenken. „Ich leugne es ja nicht, daß Esther eine Gewurah (geistige Kraft und Überlegenheit) hat. Ich freilich unterhalte mich nicht gerne mit ihr. Sie kanzelt einen ab, wie einen Schulbuben. Und über alles macht sie Witze. Ihr ist nichts heilig, nicht einmal die heilige Religion. Und ich bin ein gottesfürchliger Mensch. Doch lassen wir das. Bevor wir zu Mincha gehen, Reb Awrom, hätte ich Euch noch was wichtiges mitzuteilen. Ich habe für Euere Rosl eine Partie, etwas Großartiges. Ein gebildeter Mensch, hat auch; Geld, wird Doktor, ein lustiger, freundlicher Bruder, und will Euere Rosl, er hat es mir gestanden, auch begnügt er sich mit der Mitgift, die Ihr gebet." „Wirklich," ries Awrom aus, „und wer ist der Genügsame, der mit meinem Gelde zufrieden ist?" „Es ist Keles Sohn, Chaim, oder wie er deutsch heißt, Eduard, er studiert Medizin, ist sehr fleißig, wird bald Doktor und will dann heiraten. Er hat es mir selbst gesagt. Und wißt Ihr, Awrom, was er mir noch gestanden hat? Ich liebe Rosl, Awroms schöne Tochter, über alles, sie, nur sie, soll mein Weib werden!" „Er hat keinen schlechten Geschmack, Euer zukünftiger Doktor," warf Awrom lächelnd ein. „Wer meine Tochter bekommt, kann sich wirklich gratulieren. Ein schönes Mädchen, einfach, bescheiden, mit häuslichem Sinn, mit Bildung und Herz. Ein gutes Kind, das den Gatten beglücken wird. Eine Keine Mitgift hat sie auch. Er hat sich eine prächtige Braut ausgesucht, der spätere Doktor, Keles Sohn, Eduard. Könnt es ihm sagen, Mayer." Awrom hatte sich von der Ofenbank erhoben und stand vor dem Fenster; er blickte hinaus in die einsame Gasse, in der die dichten Schneeflocken ihr Spiel im Winde trieben. Mayer, der, wie wir verraten, auch ein Auge für die Schönheit Rosls hatte, horchte auf. Der Ton Awroms gefiel ihm nicht. Hatte er seine delikate Angelegenheit nicht diplomatisch genug eingefädelt? Ihm schien es, als hätte er für seinen Kandidaten nicht klug genug bei Awrom plaidiert? Was für ein Geist war in den Am-ho-rez gefahren? Er wollte doch einen Doktor, und er sollte ihn nun haben. Hatte da vielleicht wieder die unselige Esther mit ihrer Schlauheit und Verschlagenheit vorgearbeitet und ihm Prügel vor die Füße geworfen? Das mußte sich bald zeigen. Inzwischen fuhr Awrom, der noch immer durchs Fenster schaute, fort: „Und ist Euer Eduard, lieber Mayer, ein frommer Mann nach Euerem Sinne, wie Ihr es vorhin geäußert? So ein Mediziner pflegt auch mit dem Talmud nicht immer auf dem besten Fuße zu stehen." Er spracht, etwas boshaft lächelnd, wandte dabei sein Auge dem mit gesenkten Haupte dasitzenden Mayer zu, während er eine Roschha-Schana-Melodie vor sich hersummte. Mayer merkte, jemand war ihm da zuvor gekommen. Nun galt es mit gewichtigen Argumenten dem gewesenen Leinwandhändler an den Leib zu rücken und zu zeigen, daß man mit der talmudischen Dialektik ziemlich vertraut sei. Nach einem etwas geräuschvollen Räuspern begann also Mayer: „Lieber Awrom, ich sehe, Ihr habet mich wieder nicht verstanden. Schon vor vielen hundert Jahren hat ein bedeutender Lamdon gewünscht, daß die Medizin nicht wie die anderen Wissenschaften behandelt werde, sie sollte nicht wie die anderen Wissenschaften in den Cherem (Bann) gelegt werden. Uebrigens ist Chaim-Eduard auch ein religiöser Mensch. Er hat sich auch noch noch nie über die Religion lustig gemacht, wie viele andere von den jungen Leuten der Gasse. Er pflegt auch in Schul' zu kommen. Ein Chozif ist er nicht. Seine Mutter Kele ehrt er, wie es ein guter Sohn tun soll. Freilich, lieber Awrom, mit dem Talmud kann er keine Kranken heilen." Awrom erwiderte ernst: „Fern sei es von mir, zu behaupten, daß Ihr meiner Rosl eine schlechte Partie reden werdet, Mayer. Ich will für sie einen gebildeten Mann, der etwas gelernt hat. Der Doktortitel soll mich ehren. Aber Ihr sehet, Mayer, wie man vorsichtig sein soll in seinen Urteilen. Zweierlei Maß tut nicht gut. Richtiges Maß ist das Wohlgefallen des Herrn, sagt der König Salomo; wie Ihr merket, habe ich doch etwas gelernt. Ist Eduard ein ernster Mensch, der etwas studiert hat und etwas werden will, hat er ein gutes Herz und gewinnt er die Neigung meiner Tochter, dann will ich dem Bunde Beider meinen väterlichen Segen nicht verweigern. Schickt den jungen Menschen zu mir!" „Er befindet sich jetzt gerade hier," erwiderte rasch Mayer, „sie haben jetzt Ferien auf der Universität, jetzt, während wir Chanukah feiern werden. Ihr sollt ihn kennen lernen, Awrom, er wird Euch gefallen." „Hoffentlich auch meiner Rosl," warf dieser schnell hin. „Hoffen wir es," entgegnete Mayer, und sein Auge leuchtete auf. Dieser alte, hungernde Junggeselle verehrte Rosl mit einer ihm ganz unbegreiflichen, spätsommerlichen Neigung. Für ihn war Rosl der Inbegriff höchster Schönheit und Anmut. Nie hatte ein Weib solche Wirkung auf das verdüsterte Gemüt des im Dunkel der Gasse alt gewordenen Bochurs ausgeübt, wie die liebliche Tochter Awroms. Entsagung, die Summe von Mayers Leben, das fühlte er wohl, mußte er hier mit dem Aufgebote seiner ganzen Kraft üben. Rosl war ihm eine unnahbare Göttin, die man nur aus der Ferne zu erschauen vermag. Da er sie nicht bekommen konnte, so sollte sie das Weib Eduards werden, dessen Vater einst der beste Freund seines Vaters gewesen. Er gedachte des Rafael Konitzer, der sich des furchtbaren Elends, das in seinem Vaterhause geherrscht, aufs wirksamste erbarmt hatte. An dem Sohne wollte er, soweit es in feinen Kräften lag, vergelten, was der Vater seinem Elternhause Gutes getan. Rosl sollte das Weib Eduards werden. Freilich, Eduard war seinem Vater nicht ganz nachgeraten. Von seinem Studium, erzählte man sich in der Gasse, es sei mehr auf die Vertilgung von beträchtlichen Bierquantitäten gerichtet, als auf die Erforschung menschlicher Krankheiten. Seiner Mutter kostete er ein gutes Stück Geld, und man sprach sogar von Gläubigern und Wechseln. Auch sonst war Eduard ein etwas unbeständiger, fahriger Mensch, der von den verschiedensten^ Wissenschaften etwas gekostet, aber nichts Festes, nichts Solides an wahrer Bildung erworben hatte. Er konnte Leute, wie Mayer oder Awrom, mit seinem Gerede täuschen, tiefer blickende aber erkannten unter der Tünche die rissige Wand. ... Es war indessen dunkel geworden. Immer dichter häuften sich die Schneemassen in der Gasse. „Laßt uns zu Mincha gehen," begann Awrom, „bald wird der Sabbath wieder von uns scheiden. Und möge, lieber Mayer, Euer heutiger Besuch zum Glücke sein für mein Kind. Ich weiß es, Ihr liebt Rosl wie eine Tochter" — eine leichte Röte huschte bei diesen Worten über Mayers verfallende Wangen — ..Ihr wollt nur ihr Bestes. Ich vertraue Euch, Mayer, und macht mir wieder das Vergnügen, an meiner Tafel zu erscheinen." Dieser Einladung hätte es nicht bedurft. Mayer behauptete, man esse nirgends so gut, und bekomme auch nirgends so viel zu essen in der Gasse, wie bei Reb Awrom. Er ehrte Rosls Küche. Sie war schön, Awroms Tochter, gebildet, und — eine gute Köchin. Er nahm sich also vor, bald wieder zu kommen, wenn möglich mit Eduard. Jetzt aber ging er stolz erhobenen Hauptes mit Awrom in die Schul'. Dort betete man bereits. (Fortsetzung folgt.)