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Die Wahrheit · 1904-01-22 · Heft 4 (22.1.1904) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 4 (22.1.1904)
Date
1904-01-22
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 4. Die Wahrheit Seite 7. Der Kontakt würde dann nicht unterbrochen und die Kongruenz nie gefährdet werden. Um also zu diesem Ziele zu gelangen, müßte folgendes geschehen: 1. Unsere Gelehrten und Literaten, an denen wir. Gottlob, auch heute wie seither keinen Mangel leiden, müßten die herrlichen Ergebnisse der freien Forschung unserer Renaissance- Periode (von Mendelssohn bis zur Gegenwart) einsammeln, kompendieren und in populärer Schreibweise jedem Laien .zugänglich machen. 2. Es müßten monographische Abhandlungen über unsere Legenden und geschichtlichen Daten, Charakteristiken unserer maßgebenden Großen, ihre Entwickelung und ihren Einfluß so gemeinverständlich dargeboten werden, daß jeder Unbefangene in die Lage versetzt wäre, das Geschehene begreifen und darum auch billigen zu können. 3. Der Religionsunterricht in der Schule müßte in weiterem Verlause eher pragmatisch als dogmatisch sein. Die Jugend sollte den Wert unserer Gesetze, deren Veranlassung und deren Konsequenzen kennen und achten lernen. 4. Schließlich müßte sich ein allgemeiner jüdischer Nationalverein bilden, der sich die Anregung, Beförderung und Verbreitung von Schriften im angegebenen Sinne zur Ausgabe machen würde. Durch fliese eingreifende Agitation gegen Jndifferentismns, Mißverstand und Mißachtung dürfte die Einheit im Volke der Einheit für die Dauer erhalten bleiben. I. D. Chaies. Knabenchor oder Damenchor. Die in der letzten Generalversammlung des Tempelvereines im IX. Wiener Bezirke besprochene Frage der Einführung eines DamenchorH hat uns mannigfache Zuschriften gebracht, die wir wir im Nachfolgenden wiedergeben: Aus Karlsbad wird uns geschrieben: Anläßlich des in der letzten Nummer Ihres geschätzten Blattes enthaltenen Berichtes des Tempelvereines vom Alsergrund über die Einführung eines Damenchores seien mit Rücksicht aus die hier seit Jahren gemachten Erfahrungen über den Damenchor in unserem Tempel Mitteilungen gestattet. Vor allem sei bemerkt, daß im hiesigen Tempel sich Orgel und Chor an der Ostseite des Tempels über dem Betpulte des Kantors befinden, so daß der Gesang voll in den Tempel strömen kann. Dennoch hat die freie Ansicht des Chors noch nie die Andacht und die weihevolle Stimmung beim Gebete unterbrochen. Während der Saison kann der Tempel an Freitag Abenden und an Samstag Vormittagen — ob nun Predigt sei oder nicht — die Zahl der Andächtigen aus allen Ländern der Erde nicht fassen, und noch keiner derselben hat eine abfällige Aeußerung über die Würde des hiesigen Gottesdienstes gemacht. Im Tempel in der Müllnergasse befinden sich überdies Orgel und Chor an der Westseite des Tempels über dem Eingänge und es ist ein dichter Gazevorhang angebracht, so daß man die Sänger nicht sehen kann. Als Sulzer bei der Eröffnung des Tempels in Wien vor fast achtzig Jahren den Chor einführte, haben einzelne Zeloten auch dagegen geeifert. Ob Knaben- oder Damenstimme ist für den Chorgesang gleichgiltig, namentlich wenn der Chor unsichtbar ist. Ist im gemischten Chor eine Sopran- oder Altstimme vorgeschrieben, so lasse man sie singen. Nun aber sei der Hauptpunkt angeführt, der für den Damenchor spricht. Wenn die Mädchen im Chore singen, so lernen sie die Gebete gründlich kennen, und werden dann als Mütter dieselben ihren Kindern lehren. Aus den Sinn des Weibes ist vornehmlich die religiöse Erziehung ausgebaut, und wenn die Mutter seinerzeit durch den Chorzwang regelmäßig den Tempel besuchen mußte, so wird sie ihre Kinder auch gern zu synagogalen Handlungen anleiten. Die Bemerkung, daß in allen Tempeln Wiens der Gottesdienst ein gleichmäßiger sei, ist nicht stichhältig, weil beispielsweise in Wien in der „Schiffschule", im polnischen Tempel und in der sephardischen Synagoge ' ganz anders gebetet wird, als in den offiziellen Gemeindej tempeln. Ein jeder Jude kann nach seiner Faoon selig werden,! und es widerstrebt dem Geiste des Judentums, einen Zwang | auf seine Bekenner auszuüben, die den einig einzigen Gott! anerkennen. M. : ' * i Von anderer Seite erhalten wir folgende Zuschrift:! Wie es sich christelt, so jüdelt es sich, pflegte der selige > Graetz zu sagen. Die jüdischen Reformgemeinden dürften durch! die Instruktionen des Papstes Pins X. bezüglich der Kirchen-! innsik in nicht geringe Angst versetzt worden sein. Die löblichen > Kultus-Repräsentanten werden sich jetzt, um liiert unchristlich zu erscheinen, wohl beeilen, den weiblichen Mitgliedern ihrer Tempelchöre den Laufpaß zu geben. Weh dir, Reform-Jndentnm, rveh dir, Secessions-Judentnm 1 Was wirst du nun jetzt tun, um deine prächtigen Tempel an Sonnabenden — Samstag, entstanden aus Tchabbestag klingt zu iüdisch — und Sonntagen vor gähnender Leere zu schützen? Vielleicht bringt dir das Grammophon Heil und Segen? Bekanntlich hat die neue Welt damit den Anfang gemacht. In einer amerikanischen Stadt hielt nämlich vor gar nicht langer Zeft ein Rabbiner seine Probepredigt vor überfülltem Hause — per Grammophon Bei uns in Europa ist man noch nicht so weit. Hier wird es schon als ein gewaltiger Fortschritt empfunden, wenn man an Sabbaten zu Mussaf j mit einer Lohengrin-Keduscha bewirtet ivird. Vorwärts, vorwärts, altes Europa! Jetzt ist Richard Strauß modern. Heraus mit einer Feuersnot-Kednschall Und unser Standpunkt? Zurück zu den altjüdischen Weisen! Nicht Secession, sondern Rekonstruktion — ohne Damenbegleitung! Jakob Robinsohn. Verband der israelitische« ßkeligionslehrer an den österreichische« Mittelschnle«. Die um 28. und 29. Dezember 1903 in Wien abgehaltene Versammlung, zu der die Mitglieder des Verbandes geladen worden waren, war recht zahlreich besucht und nahm einen durchaus würdigen Verlaus. Die Versammlung wurde Montag, den 28. Dezember, 10 Uhr vormittags, durch den Obmann Dr. Adolf Weiß (Wien) eröffnet, der in seiner Eröffnungsrede die Versammelten, insbesondere den löblichen Vorstand der Wiener Kultusgemeinde, herzlich begrüßte. Der Ausgabe, den Religionsunterricht zu fördern, Geist und Gemüt der Jugend für das Judentum zu erwärmen, seien sich alle Versammelten stets bewußt. Wenn trotzdem diese erhabene Aufgabe bisher nicht in entsprechender Weise gelöst werden konnte, so liege der Grund einerseits in der noch unsicheren Existenz vieler Kollegen, andererseits in dem Jndifferentismns der Kollegen, und der Teilnahmslosigkeit der Knltusgemeinden, wovon eine rühmliche Ausnahme die verehrliche K'nltusgemeinde in Wien mache, die den Bestrebungen des Verbandes stets das größte Wohlwollen entgegengebracht habe. Der Vorsitzende gedenkt der unverkennbaren Gerechtigkeit, welche die hohe Regierung den Religionslehrern gegenüber hat walten lassen und der unerschöpflichen Gnade, die Se. Majestät der Kaiser ihnen stets angedeihen ließ und lädt die Versammlung ein, ihre Beratungen zu eröffnen mit dem Ruse: Gott erhalte Se. Majestät unseren Kaiser! Unter lebhaften, dreimaligen Hochrufen auf Se. Majestät erklärt der Redner die Versammlung des Verbandes für eröffnet. Der Obmann widmet dem Hingeschiedenen Religionsschulj Inspektor Dr. Jonathan Wolf, der als Religionslehrer i ein leuchtendes Vorbild war, und dessen edler Charakter I allen Kollegen bekannt war, einen warmen und herzlichen Nachruf.

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