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Die Wahrheit · 1904-01-22 · Heft 4 (22.1.1904) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 4 (22.1.1904)
Date
1904-01-22
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Nr. 4. Die Wahrheit abfleoi'bnet haben. Es erhoben sich Stimmen gegen die Charkower Konferenz, als einen Bruch der Organisation. Die Stimmung wurde noch trüber, als die Deputation, bestehend aus Rechtsanwalt Rosenbaum-Minsk und Prof. Belkowsky-Petersburg, tatsächlich in Wien erschien und es verlautete, Herzl habe ihnen den Empfang verweigert. Mit Spannung eilte man daher in die vom akademischen Verein „Leo Pinsker" für den 6. d. abends improvisierte Versammlung, wo Deputierter Rosenbaum über „die Charkower Konferenz" referierte. „Kein Grund zur Besorgnis," führte er aus, „wir beabsichtigen in Charkow keineswegs au unserer Organisation zu rütteln, sondern vielmehr sie zu stärken. Leider erwies sich unsere Organisation als schwach, da die Zionisten die Entstellungen der Blätter über die Konferenz glaubten und sich gegen uns, ihre Führer, aufbriugen ließen. So ist es pure Lüge, daß wir eine bestimmte Summe zur Agitation gegen Herzl ausgeworfen hätten. Mit Unrecht wirst man uns ferner die Geheimhaltung der Konferenz vor. da ernste Fragen offen zu behandeln seien. Auch das enge A.-C. tagt ja ständig geheim und in Rußland, wo der Zionismus jetzt offiziell verpönt und die Polizei-Willkür zu Hanse ist, war dies doppelt nötig. Wir hielten es übrigens für praktischer, in geheimer Aussprache die komplizierten Fragen zu klären und das Ergebnis Dr. Herzl mündlich vorzutragen und zu begründen. Wir scheuten uns, durch eine frühere Verlautbarung die verdiente Person Herzls zu verletzen. Unwahr ist weiters, daß wir in Charkow beschlossen, dem Dr. Mandelstamm, einem Freunde Herzls, die Zentralkasse abzunehmen und sie an Dr. Goldberg zu übertragen. Auch Goldberg ist ja strammer Öerzlianer. Diese Transferierung wurde vielmehr schon in Basel bedingt beschlossen und jetzt blos die Bedingung, nämlich die ungünstige Stimmung der Regierung, als gegeben erkannt. Ebenso unwahr ist, daß wir beschlossen hätten, kein Geld mehr nach Wien zu schicken. Diese Maßregel blieb vielmehr einer späteren Beschlußfassung — nach fruchtloser Rückkehr der Deputierten — Vorbehalten. Falsch ist die Meinung, als ob in Charkow die Mehrheit eine loyale Minderheit vergewaltigt habe. Vielmehr wurden bis auf eine Bankstage alle Beschlüsse einhellig gefaßt. Was wurde also in Charkow beschlossen? Von Herzl zu verlangen: 1. Daß in wichtigen Dingen, besonders wenn größere Geldsummen verlangt werden, vorerst das Große A.-C. befragt werde, ferner daß es hiebei einen Monat vor dem Zusammentritt genügend informiert werde. Dazu sind ja am Kongreß die Mitglieder des Großen A.-C. gewählt, die zumal in Rußland als Rayonsvorsteher die Volksstimmung besser kennen als das Kleine A.-C. in Wien Wenn dieses regelmäßig über das Wichtigste entscheidet, hört der Zionismus auf, Volksbewegung zu sein. 2. Das Bankstatut soll noch vor Absendung der Expedition nach Ostafrika gemäß den Versprechungen an die Aktionäre am HI. Kongreß verbessert werden, ferner sollen in der Bank bezahlte Gouvernors, darunter ein Rusie, sitzen. Bezüglich des Statuts hatte uns die Aeußerung (Greenberg) beunruhigt, man solle auch Bankgelder für Außerpalästina verwenden. Die Gouvernors als Vertrauensleute Herzls, des Aufsichtsrats- Präsidenten, sind zur Ermöglichung einer Kontrolle ohne Zeitverlust nötig. Der russische Gouvernor speziell diene zur Erhöhung des Vertrauens in den russischen Mafien. 3. Von Außerpalästina sei endgiltig abzusehen und die Jnnenkolonisation Palästinas im Sinne des II. Kongresses und gemäß den Vorschlägen Ussischkins (Industrialisierung, Organisation wirtschaftlicher Selbsthilfe, Gründung von Elementarschulen, Lehrerseminaren, eventuell einer Hochschule) aufzunehmen. Daß Uganda fallen werde, wußten wir schon, doch wollten wir uns vor dem Ugandismus schützen. Palästina ist ein wesentlicher Bestandteil des Baseler Programmes. Auch unter den Mitteln zur Erreichung des Endzieles steht nichts von Nachtasylen rc. Die geographischen Forschungsreisen kosten . zionistisches Geld. Die Expedition wollten wir trotzdem nicht hindern, sondern nur, falls sie unnötig geworden, das Odium auf uns nehmen. Ussischkins Vorschläge sind ebenso legal und diskutabel als Oppenheimers. Wahr ist, daß die Deputation beauftragt war, falls Herzl unsere Vorschläge ablehne, ihm diese in schriftlicher Form als Ultimatum zu überreichen und ihm zur besseren Dokumentierung einen schriftlichen Bescheid abzuverlangen. Das Ultimatum hatte den Sinn, daß die Deputation im Ablehnungsfall die anderen russischen Rayonsvorsteher telegraphisch zu einer neuen Konferenz einberufen sollte. Wir sind also energisch, aber nicht illegal vorgegangen, Herzl hat mich erst privat empfangen und heute waren wir in der Sitzung des Kleinen A.-C., deffen Beschlüfie vorläufig geheim bleiben. * * Mittlerweile scheint die Ursache des Zwistes, das Ostafrika- Projekt selbst, gegenstandslos geworden zn sein; denn die englische Regierung soll das Anerbieten zwar nicht ganz zurückgezogen, aber statt des früheren in Aussicht genommenen fruchtbaren Terrains ein unfruchtbares und ungesundes Gebiet angeboten haben, das selbst den unbedingten Anhängern des Projektes nicht diskutabel erscheint. Zur Erhaltung der Einheit im Molke der Einheit. Meinungsäußerungen eines Laieu. (Schluß.) Wir haben es ja gar nicht nötig, dieses Gängelband des Wortglaubens! Unsere Religion ist. Gott sei Dank, von keinem Apostolikum abhängig, sie steht nicht und fällt mit irgend welchem Wunderglauben. Im Gegenteil! Wie sehr sind unsere maßgebenden Führer bestrebt gewesen, den Anthropomorphismus zu beseitigen, die vorkommenden Wundertaten rationalistisch zn erklären. Man denke nur Onkstos, Maimonides, Jbu-Esra, Raschbam (R. Samuel b. Meier) u. v. a. Und haben alle diese edlen Geister nicht die heilige Schrift mit dem jeweilig von ihnen adoptierten philosophischen Systemen zn vereinbaren gesucht? So sehen wir Jbn-G'birol und Jbn-Esra der platonischen, Maimonides der aristotelischen Lehrmethode und ihren Meinungen sich zuneigen und von diesen Gesichtspunkten aus die heiligen Schriften beleuchten. Sogar die Kabbala besteht in einem wesentlichen Teile ans dem Gedankengange der Gnostiker und der Neu-Pythagoräer. Hat dieses alles dem über alle Gedankenspielarten, — die doch zu einem Endpunkte auslanfen, — stehenden Bibeltexte irgend welchen Abbruch getan? Warum dürfte man nicht diesen gegenwärtig aus dem Gesichtswinkel der neuzeitlichen Naturwissenschaft beleuchten, warum ihn nicht mit dem Maßstabe der jetzigen empirischen Richtung messen? Daß die heiligen Schriften für den Kenner viele Handhaben dazu leisten, ist gar kein Zweifel, sie können sogar konform mit. dem Grundgedanken des allernenesten Positivismus erklärt werden. Es müßten nur die dazu geeigneten Kräfte sich dieser lohnenden Aufgabe unterziehen wollen. Es müßte dies aber nicht im abstrakten Kathederstil und nicht in voluminös angelegten Werken, sondern in monographisch gehaltenen populären Schriften ausgeführt werden, die pekuniär und geistig jedem ernsten, wißbegierigen Menschen leicht zugänglich sein könnten. Es ist ja wahr, daß unsere früheren geistigen Führer einer entgegengesetzten Methode das Wort sprachen, daß sie den aufklärenden Gedanken möglichst einkapselten, da sie ihn nicht der Allgemeinheit preiszugeben für ratsam' fanden. Man möge aber auch bedenken, daß ein großer Unterschied zwischen einst und jetzt vorliegt. Damals waren sie allein die ans allen Gebieten Fortgeschrittenen, indem sie mit der profanen Wissenschaft parallel gingen, während die Masse rückständig war und daher dem Werte ihrer Leistung kein Verständnis entgegenbringen konnte. Heute aber ist die Wissenschaft unserer Religionsphilosophie um ein beträchtliches Stück vorausgeeilt, außerdem aber hat sie auch an Breite gewonnen, da die Bildung ein Allgemeingut geworden ist. Die ansklärende Regsamkeit des Geistes dominiert bereits auch in ansehnlichen Schichten der Laien, woher es nur von größtem Nutzen sein könnte, diesen zu beweisen, daß ihr alter Wissensschatz sich mit dem neuen ohne Kollision vereinbaren könnte. Das Resultat aber, das solches Verfahren zeitigen dürfte, würde das denkbar günstigste sein. Unsere Literatur würde dann nicht mehr als Ammenmärchen angesehen werden, man würde der Mühe wert halten, sie näher kennen zu lernen. Man würde sie mit Erfolg gegen dreiste Angriffe verteidigen können. Die falsche Scham, als Jude zu gelten, müßte dann in ihrer durch nichts zu beschönigenden Lächerlichkeit jedem sichtbar werden.

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