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Die Wahrheit · 1904-01-22 · Heft 4 (22.1.1904) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 4 (22.1.1904)
Date
1904-01-22
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 4. Die Wahrheit Leite 5. über die Streber und Kleber klagte, hatte er gewiß nicht die Juden im Auge. Es gilt vor allem zunächst diesen entwürdigenden Zustand als solchen zu empfinden. Und es gibt auch unter den deutschen Aerzten eine schöne große Bewegung, die der freien Arztwahl, die den Arbeitern die freie Wahl des Arztes ihres Vertrauens und den Aerzten Deutschlands Freiheit und Schutz vor Demoralisienng verschaffen will. Wer sind Urheber, Leiter, Träger dieser Bewegung? In erster Linie jüdische Aerzte. Wer öffnet mit Vorliebe seine Spalten den Gegnern dieser selbst von ihnen als idealistisch anerkannten Bestrebungen? Die „Staatsbürgerzeitnng". Wer würde sie auch ans der Seite von Freiheit und Recht zu finden erwarten? Aber die Wahrheit ist auf dem Marsche. Jene edle Zeitung mag Hetzen und schelten. Ihr werden selbst die jüdischen Aerzte nicht mehr helfen. Zur Krisis im Zionismus. Das ostafrikanische Kolonisationsprojekt, das schon am letzten Basler Kongreß lebhaften Widerspruch fand und seitdem in den verschiedenen zionistischen Parteiblättern Anlaß zu leidenschaftlichen Diskussionen gab, hat insolge der Charkower Konferenz nunmehr zu einer offenen Spaltung im zionistischen Lager geführt. Zwei Zeitungsslimmen. die wir im Nachfolgenden veröffentlichen, geben ein klares Bild über die gegenwärtige Situation. Der „Jüdische Expreß" in London schreibt: Das, was wir schon lange gefürchtet haben, ist geschehen. > Der Schlag ist gesallen, die Zerstörung und der Zerfall haben in unserer nationalen Bewegung ihre Arbeit begonnen, unsere Arbeit in ben letzten sieben Jahren ist in nichts zerronnen. Das Ultimatum, das die russischen Mitglieder des Aktionskomitees Dr. Herzl überreichen wollten, ist der größte Schlag, der unsere Organisation und unsere Hoffnungen treffen konnte. Ein äußerer Feind konnte uns nicht so tief verwunden, wie dieses Ultimatum. Es bedeutet den Zerfall unserer Bewegung, die Erschütterung der Grundlage unseres Hauses. Ein solches Ultimatum ist schlimmer als zehn Ukase von Plehwe oder Verbote des Sultans. Was ist dieses Ultimatum? Es ist die frechste und gröbste Forderung, die je an einen Parteiführer gestellt worden ist. Ein ehrenhafter Führer kann so etwas nicht annehmen, und wir hegen die tiefste Hoffnung, daß Dr. Herzl sie auch nicht annehmen wird. Und das bedeutet eines von beiden: Entweder muß Dr. Herzl die Bewegung verlassen, oder alle seine Helfer in Rußland, seine Vertrauten, seine Milarbeiter während der letzten sieben Jahre müssen es, und mit ihnen wahrscheinlich ihre Anhänger. Beides ist undenkbar. In beiden Fällen droht der Bewegung der Zerfall. Herzls Austritt bedeutet die Zerstörung der ganzen Organisation, da Herzl sie geschaffen hat und es niemanden gibt, der würdig wäre, seine Stelle einzunehmen. Herzls Austritt heißt die große Organisation in taufend Stücke zersplittern. Aber der Austritt der russischen Mitglieder andererseits ist zugleich der Abfall eines wichtigen Teils der zionistischen Partei. In beiden Fällen ist es eine schreckliche Katastrophe. Und wenn die Sache so weiter getrieben wird, so scheint es keinen Ausweg mehr zu geben, da das eine von beiden eintreten muß. Wir haben einst geglaubt, daß die Kongreßbeschlüsse ausgeführt werden müssen, und daß es Pflicht der Führer wie der Geführten sei, sich an die Beschlüsse zu halten. Besonders die Mitglieder des Aktionskomitees sind es, die sich hüten müssen, eine Art von Anarchie einzuführen. Der Kongreß hat beschlossen, nach Ostasrika eine Expedition zu entsenden. Wir wollen hier nicht erörtern, ob der Beschluß gut oder schlecht war. Hat aber einmal der Kongreß beschlossen, so muß sich die Minorität der Majorität fügen. Sonst fällt die ganze Disziplin weg. Die Organisation wird unmöglich. Diejenigen, welche mit dem Beschluß unzufrieden waren, hätten bis zum nächsten Kongreß warten und sich eine Majorität schaffen, aber nicht unterdessen die ganze Organisation zerstören sollen. Wenn die Führer des Zionismus mit einer solchen Taktik Vorgehen wollen, so wäre es doch besser, einfach alles auszugeben. Wenn der Zionismus verwirklicht werden wird, so wird er es nur durch eine starke Organisation, durch eine gemeinschaftliche Arbeit, bei der das Individuum sich der Gesamtheit fügen mnß. Die russischen Mitglieder des A.-C. haben mit ihrem letzten Schritt bewiesen, daß sie nie das A-B-C der Organisation erlernt haben, sie haben das schlimmste Beispiel von Disziplinbruch gegeben, sie haben selbst den Kongreß mit all seinen Verhandlungen und Beschlüssen zn einer Komödie verwandelt, sie haben gezeigt, daß sich niemand um die Beschlüsse des Kongresses zu kümmern hat, daß jeder Jude den Tempel zerstören kann, blos um seine Laune zn besriedigen. Welches Recht hatten die russischen Mitglieder des A.-C., ein derartiges Ultimatum zn stellen? Haben sie sich mit den Schekelzahlern beraten? Wir glauben es nicht: haben sie aber die Verantwortlichkeit, die sie ans sich geladen haben, berechnet? Haben sie die Folgen des mörderischen Angriffes ans den Zionismus berechnet? Wir können den verrückten Fanatiker, der ans Nordan geschossen hat, nur bedauern: was sollen wir aber zu enier Versammlung von Inden, Führern des Zionismus, Mitgliedern des A.-C. sagen, die einen ebenso unsinnigen wie gefährlichen Angriff auf den Zionismus planen? Haben sie die Folgen ihres Attentats, des Bruches des Zionismus, der Katastrophe des Judentums berechnet? Haben sie sich die Reaktion, die nach dem Sturze des Zionismus eintreten würde, die die Verzweiflung und den Abfall vom Judentum, die Folgen j der Enttäuschung berechnet? Als Zionisten, nein, noch mehr, als russische Juden drücken wir unsereren schärfsten Protest gegen dieses Ultimatum aus. Wir hoffen, mit diesem Proteste die Meinung der Masse der russischen Zionisten auszudrücken. Wir fordern alle zionistischen Vereine in England ans, am nächsten Samstag und Sonntag Versammlungen abzuhalten, um Protestkundgebungen zu veranstalten, die an Dr. Herzl geschickt werden, um ihm unser Zutrauen zu ihm und den Protest gegen die Zerstörer auszudrücken. Die Sache ist jetzt in einer solchen Krisis, daß die Zionistelt zeigen müssen, ans wessen Seite sie stehen, ob sie dem großen Führer treu sind oder mit den Revolutionären halten. Wir sehen schon, wie Raubvögel über dem Körper des Zionismus wittern, den sie am Weg zum Grabe glauben. Wir sehen schon, wie sich Mikroben gleich alle antisemitischen Elemente, die sich hineingeschlichen haben, znsammenscharen. Wozu das Leugnen? Wir müssen offen gestehen, daß nicht das Ostafrika- Projekt den ganzen Tumult verursacht hat. Schon in den letzten drei Jahren haben wir in der Bewegung einige zerstörende Elemente bemerkt. Das fanatische Geschrei von Kultur, die wilden Pläne der jungen Leute, die selbst nicht wußten, was sie wollten, war bereits eine Gefahr für die Einigkeit des Zionismus, schon bevor man von Ostafrika etwas wußte. Und auch jetzt haben wir in England eine organisierte Konspiration gegen die Hanptorganisation. Ist das nicht zu verhindern? Man muß die Konspiration bloßstellen und sie unschädlich machen. Mögen alle Ziottisten wissen, daß der Zionismus in einer Krise ist, und daß die größte Energie und Tätigkeit zur Rettung der Organisation nötig ist. Wenn der Zionismus jetzt fällt, so wird es Generationen lang dauern, bis wir uns wieder werden erheben können. Und das dürfen wir nicht zulasten. * Eine andere Darstellung, die wir der „Jüdischen Volksstimme" in Brünn entnehmen, beurteilt die Absichten der Charkower Konferenz und der in Wien erschienenen Deputierten in viel milderem Lichte. Daselbst heißt es: Die Erregung der zionistischen Welt über die Uganda- Frage hat sich über den VI. Kongreß hinaus erhalten, ja von Woche zu Woche gesteigert. Durch die Charkower Konferenz soll — die Mehrheit der russischen A.-C.-Mitglieder gegen Dr. Herzl geheim konspiriert und eine Deputation an Herzl

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