Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 4 (22.1.1904)
- Date
- 1904-01-22
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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.- ssf.aBSfR:^-iÖI Seite 4. Die Wahrheit Nr. 4. eröffnen. Plehwe ist somit nicht verabschiedet worden, aber dafür erfreut sich Pobiedonoszeff des ungeschmälerten Vertrauens beim Czaren. In Mödling hat der Sekretär des dortigen Bezirksarmensonds die so beliebte Serie der christlich-sozialen Defraudationen um ein Glied bereichert. Mit einer Variante des famosen christlich-sozialen Schlagwortes: „Alles für das Volk" hat auch dieser Mann, soweit seine Kräfte reichten, alles Geld, das für das arme Volk bei der ihm anvertrauten Kasse eingelaufen war, eingesackt. Daran ist übrigens nichts besonderes. Der christlichsoziale Herr hat nur getan, was so viele seiner Berussgenossen vor ihm taten und vielleicht noch manche nach ihm tun werden. Beachtenswerter erscheint es, daß das „Deutsche Volksblatt" alles mögliche tut, um den Fall zu vertuschen. Das ist einmal echte antisemitische Dankbarkeit. Der Defraudant wird in Anerkennung seiner der Partei geleisteten Dienste geschützt und gedeckt. Nicht immer ist das „Deutsche Volksblatt" so edel. In vielen anderen Fällen hat das Blatt es vorgezogen, den antisemitischen Defrauoanteu zu einem — Juden, oder . einem Judenstämmling, zumindest aber zu einem Liberalen zu stempeln. Jüdische Aerffe. Angesichts der betrübenden Erscheinungen, welche bei den soeben vollzogenen Wahlen für die Wiener Aerztekammer zu Tage traten, dünkt es uns als ein höchst aktuelles Thema, über „Jüdische Aerzte" zu schreiben, die in Oesterreich sowohl wie in Deutschland ein beliebtes Angriffsobjekt der Antisemiten bilden. Das aus Anlaß des Babel-Bibel-Streites gefallene Wort des deutschen Kaisers von dem Nimbus, der den Juden genommen werden solle, wird manchen von ihnen wie eine blutige Ironie getroffen haben. Sie lernen fast täglich Haß, Verachtung, Zurücksetzung und Aechtung kennen; aber den Nimbus? Es gehört schon der eminente Sinn des Kaiser Wilhelm für alles Historische und für alle Tradition dazu, um den Nimbus aus den Trümmern, unter denen er begraben liegt, hervorleuchten zu lassen. Mancher steht lange bewegt in Pompeji vor einem glatten Stein aus der Römerzeit, ohne daran zu denken, daß er in seinem Nachbar zu Hause einen lebenden Träger wenn nicht immer einer Tradition, so doch eines Namens bestaunen könnte, der seine Phantasie Jahrhunderte und Jahrtausende hinauf bis zu allen Grundlagen menschlicher Kultur, ja auch bis in die heilige Kindheit des Christentums zu führen vermag. Haß, Neid und was sich sonst noch unter dem Namen des Antisemitismus verbirgt, haben zwar so für alles Jüdische den Nimbus schon lange ausgelöscht, aber einen kleinen, ganz kleinen Schein haben sie doch noch gelassen — für die jüdischen Aerzte. „Franz von Valois litt an einer hartnäckigen Krankheit, die keiner seiner Aerzte heilen konnte. Da er nun zu der Ueberzeugung kam, daß kein christlicher Arzt ihm helfen . konnte, wandte er sich an Karl Y. und bat ihn um einen jüdischen Arzt. Da der Kaiser aber einen solchen nicht hatte, schickte er einen christlichen. Diesen fragte nun Franz, da er ihn für einen hielt, im Laufe des Gespräches, ob er es noch nicht satt hätte, auf den Messias zu warten. „Ich warte nicht mehr auf ihn," antwortete der Arzt. „Ihr tut recht daran," sagte der König, „denn alle angekündigten Zeichen seiner Ankunft haben sich erfüllt. „Das wissen wir Christen ganz genau," rief da der Arzt. „Ihr seid also Christ?" „Ja, Gott sei Dank." „Dann kehrt getrost wieder heim. Christliche Aerzte habe ich selbst genug. Ich hielt Euch für einen Juden, die m. A. n. eine natürliche Befähigung zum Kurieren haben." Der König ließ sich darauf vom Sultan einen jüdischen Arzt schicken, der ihn mit Eselsmilch heilte." Dieses fast wörtlich aus einem s. Z. berühmten Werke eines spanischen Philosophen des 16. Jahrhunderts stammende Histörchen trägt zwar den Stempel der Unwahrscheinlichkeit, illustriert aber den Nimbus, den die jüdischen Aerzte zu jenen Zeiten hatten. Ja, ihre Beliebtheit im Volke und bei Fürsten > war so groß, daß Staat und Kirche einschreiten „mußten", obwohl Päpste selbst jüdische Leibärzte hielten. Dieser gute Ruf hat sich merkwürdigerweise trotz der veränderten Lage der Juden bis heute erhalten, selbst bis in die Kreise — der ..Staatsbürgerztg." hinein. Ob er berechtigt ist, worauf er sich gründet, wollen wir unerörtert lassen. Jedenfalls entnehmen wir einem Leitartikel des antisemitischen Blattes, daß man ihnen nachsagt, sie wären tüchtig, human, weichherzig und mitleidsvoll. Die Tüchtigkeit ist Geschäftstlugheit, die andern schönen Eigenschaften sind nur zum Schein, — sagt die ehrenwerte „Staats- bürgerztg.", und sie ist darin sachverständig. Daß es überhaupt zu viele Juden gibt, hat das edle Antisemitenblatt schon immer behauptet, obwohl ich nicht weiß, wovon seine Unternehmer leben würden, wer es kaufen würde, wenn sie ungestraft beleidigen dürften, wenn es keine Juden gäbe. Seine erregte Phantansie bat nun auch entdeckt, was seine Logik schon lange hätte schließen können, daß es auch zu viele jüdische Aerzte gibt. Das Blatt behauptet, 30—40% der deutschen Aerzte wären Juden. Eine groteske Uebertreibung. Aber selbst wenn es wahr wäre, spräche es nicht gegen die Juden, wenn sie gern einen so edlen und leider so notleidenden Beruf ergreifen. Es klingt beinahe wie der beliebte „Vorwurf" daß die Juden keine guten Trinker wären. Daß die Juden von jeher in einzelne Berufe gedrängt worden sind, und die Folgen davon haben sie selbst stets beklagt und hat machen in tiefe Seelen- und Gewissensnot gebracht. Speziell der starke Andrang armer Juden zum medizinischen Studium ist schon seit lange erörtert worden. Vor einiger Zeit wurde sogar berichtet, daß 50 jüdische Aerzte von der Berliner Gemeinde unterstützt werden mußten. Gewiß hat das manche Uebelstände zur Folge, haben doch schon die alten ärztlichen Ethiker in Indien und auch bei uns verlangt, daß der Arzt reich sei. Aber zunächst sind die Reichen nicht immer die Fähigen und Strebsamen, und mancher große Arzt wäre der Menschheit bei diesem Prinzip verloren gegangen. Andererseits wird der Prozentsatz der Minderbegüterten gerade unter den christlichen Medizinstudirenden größer sein, da dem reichen Christen viel glänzendere und angenehmere Berufe offen stehen. Aber vor allem machen die jüdischen Aerzte nicht ihren christlichen Kollegen durch ihre Anzahl die Konkurrenz und verursachen den Notstand, sondern einander selbst. Diesen stehen die besoldeten Assistentenstellen, die Universitäten, die Leitung der Krankenhäuser, die Aemter und Stellen des Staates, der Kommunen, der sanitären und wohltätigen Gesellschaften, der Armee und schließlich das platte Land, die kleinen Städte, fast frei von jüdischer Konkurrenz, zur Verfügung. Der soziale Antisemitismus hat bei den Juden trotz ihrer Beliebtheit in ihrem Berufe auf privatem Wege das fertig gebracht, was in Rußland die Regierung besorgt: er hat sie in die großen Städte zusammengepfercht. Ich habe schon von manchem jüdischen Arzt gehört, der zu allgemeinem Erstaunen eine glänzende Landpraxis aufgegeben hat, um in die Großstadt zu ziehen, neuen Kämpfen entgegen, aber wenigstens um Mensch unter Menschen sein zu dürfen. Hier machen sie sich gegenseitig Konkurrenz, die dann allerdings auch erzieherisch und auslesend wirkt. Wenn sie dann etwas erreichen, so dürfen sie sich stolz self-made-men nennen, denn sie haben. sich nicht durch langjährige Assistenz eine ordentliche Professur ersessen, sie haben keine Onkel und Vettern, keine Korpsbrüder in den Ministerien und Fakultäten. Kommunen und Regierungen stellen ihnen in den seltensten Fällen Gelder und Anstalten zur Verfügung, und meist erst dann, wenn sie schon selbst etwas geleistet haben. Der ärztliche Notstand wird also nicht von den Juden hervorgerufen, wie die antisemitische Phantasie will, sondern durch ganz andere und verschiedene Faktoren. „Katzbuckeln" sollen jüdische Aerzte vor den Kassenbeamten, um Stellen zu erlangen. Gekatzbückelt wird leider, aber das geschieht paritätisch, und nicht nur von den Aerzen. Als Bismarck