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Die Wahrheit · 1904-01-15 · Heft 3 (15.1.1904) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 3 (15.1.1904)
Date
1904-01-15
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10. Die Wahrheit Mt. 3. Ministerpräsidenten verleihe ich. dem Großindustriellen und Großhändler Peter Herzog de Csete, sowie seinen gesetzlichen Nachkommen in Anerkennung seiner um die Hebung der heimischen Industrie und des heimischen Handels erworbenen Verdienste die Würde eines ungarischen Barons taxfrei. Gegeben zu Wien, am 2. Jänner 1904. Franz Joseph m. p. — Graf Stephan Tißa na. p." Noch ehe die Rangserhöhung offiziell verlautbart war, hat die ge>amre ungarische Presse die hervorragenden Verdienste Baron Peter Herzog's de Csete um die Industrie und den Handel Ungarns in warmen Worten gewürdigt. Diese einhellige Würdigung ist wohl der beste Beweis dafür, daß die Hobe Auszeichnung einem Würdigen zuteil geworden ist. Breslau. Wenige Wochen sind erst verflossen seitdem Oberkantor Spiro unter freudiger Teilnahme der ganzen Gemeinde und seiner zahlreichen Freunde und Verehrer seinen 70. Geburtstag gefeiert hat, und schon ist sein liederreicher Mund für immer verstummt. Sonntag, den 21. Dezember wurde Oberkanror Spiro zur letzten Ruhe bestattet, und dort wo er im Leben als würdiger Priester seines Herrn niemals geweilt, in der alten Friedhofshalle und den angrenzenden Räumen war um seine sterbliche Hülle eine unabsehbare Trauergemeinde versammelt, die zu erkennen gab, welcher hohen Verehrung sich der Heimgegangene in weiten Kreisen erfreute. Noch einmal erstand vor unserem geistigen Auge unter den ebenso ergreifenden als charakteristischen Worten des Herrn Rabbiners Dr. Rosenthal die Hoheit des Sängers, der während eines Menschenalters die alte Glaubensgemeinde auf den Schwingen seines Gesanges zu den höchsten Höhen des Gottesthrones zu erheben, zu erbauen und zu trösten verstanden, noch einmal sahen wir vor uns den geraden, grundehrlichen Charakter, dem nichts über die Wahrheit ging. Dann nahmen wir von ihm Abschied für immer. Was der Dichter vom Mimen sagt, die Nachwelt flicht ihm keine Kränze, gilt auch vonk Sänger; das ist sein Schicksal. In den Annalen der Breslauer Gemeinde aber wird der Name Spiro als der eines würdigen Beamten unvergessen bleiben, an dessen Persönlichkeit kein Makel haftete. n'a'mTi Hamburg Mit dem Bau der neuen Gemeinde-Synagoge in der Bornstraße soll zu Beginn des Frühjahres begonnen werden. Man hofft, die Synagoge im September 1905 zum Neujahrsfest eröffnen zu können. Die Baupläne find von der Baukommission und dem Vorstand des deutschisraelitischen Synagogen-Verbands im Einverständnis mit dem Delegiertenkollegium genehmigt und liegen augenblicklich dem Vorstand der deutschisraelitischen Gemeinde vor. Das neue Gotteshaus wird etwa 700 Männerplätze und Galerien mit 500 Frauenstellen enthalten. Der Bau wird nach den Plänen und unter Leitung der hiesigen Architekten Regierungsbaumeister Friedheim und S. Engel ausgeführt. Der Synagogenvorstand hat beschloffen, für die neue Synagoge einen vierstimmigen Chor einzurichten. Warschau. „Die Zeit" vom 13. d. M. meldet: Während eines Trauergottesdienstes in der Synagoge zu Bobirok brach plötzlich der Fußboden ein. Mehrere hundert Personen stürzten in den darunter befindlichen Keller. Mehr als zwanzig Menschen sind bereits den Verletzungen erlegen. An dem Aufkommen vieler anderer wird gezweifelt. Judeuhetze iu Persien. Die „Russische Telegraphenagentur" meldet aus llrmia (Persien): Die persische Bevölkerung hatte eine Judenhetze geplant, doch wurde infolge des energischen Einschreitens des russischen Vizekonsuls ihr Vorhaben vereitelt. Die Rädelsführer sind verhaftet worden Ausweisung von Juden aus Port Arthur. Lemberger Poleublättern wird aus Warschau gemeldet: Den in Port Arthur ansässigen Juden wurde durch einen Erlaß des Gouverneurs Alexejew der fernere Aufenthalt in Port Arthur verboten. Dieselben sandten Delegierte nach Warschau, um die Gestattung ihrer Uebersiedlung nach Warschau oder Lodz zu erwirken. Feuilleton. Königin ßsth-r. Eine Ghettogeschichte von Dr. Max Grünfeld. (Fortsetzung.) Seine Tochter Rosl verdiente einen Doktor. Denn das Mädchen, das ihm vortrefflich die Wirtschaft führte, hatte Herr und Geist für die Bildung, las in ihren freien Stunden Bücher, deren Inhalt sie oft dem bewundernd lauschenden Vater mitteilte. Gegen Mayer Bochur, den intimen Freund des Vaters, hatte sie fteillch eine gewisse instinktive Abneigung, denn sie wußte, er redete ihrem Vater für sie Schidduchim. Gegen diese alte Einführung der Ghettos, welche die Mädchen oft an ungeliebte Männer verkuppelt, sträubte sich Rosls reiner Sinn. Sie war keine Uebergebildete, welche die Liebe aus Romanen kennen gelernt hatte, aber das hatte sie sich vorgenommen: sie wollte ihre Hand nur dem Manne reichen, zu dem sie Liebe gefaßt hätte, auch wenn er kein Doktor wäre. Doch kehren wir'- nun wieder zu Awrom und Mayer zurück. Nachdem dieser sich über die Kunst des Thoravorlesens des breiteren ausgesprochen und mit gelehrten Floskeln um sich geworfen hatte, die der arme Awrom desto mehr bewunderte, je weniger er sie zu verstehen vermochte, begann er über den. Charakter des bereits von ihm durchgehechelten Vorbeters und Lehrers seine nicht sehr menschenfreundlichen Glossen zu machen. „Ich sage Euch, Awrom, dieser Mordechai," so hieß besagter Lehrer, „besitzt eine Einbildung, als wäre er ein Licht Gottes, das mit ihm der Gemeinde aufgeleuchtet. Er meint, er habe die Bildung und Wissenschaft mit Suppenlöffeln gegessen. Ihr glaubt, er verkehre mit jedem? Stolz zieht er sich zurück, und wenn man ihn zum Kartenspielen einlädt, sagt er: Karten spielen nur Müßiggänger. Er spricht am liebsten hochdeutsch. Hat sich was mit dem hochdeutsch. Möchte er ein wenig lernen, Gemarah lernen! Die ganze Wissenschaft Mordechais ist keinen Kreuzer wert. Dummheiten, sage ich Euch, Awrom, Dummheiten sind alle diese Wissenschaften, Weisheit ist nur rat Talmud. Durch die Wissenschaften wird man ein Posche (Abtrünniger), die Gemarah aber bewahrt uns vor einem sündigen Leben und schärst den Geist." Während sich Mayer so in die Hitze redete, bearbeitete er mit seinem kräftigen Gebisse ein Stück Barches und machte ihm schließlich den Garaus. „Lieber Mayer," wagte nun Awrom einzuwenden, „es gibt doch auch gute Menschen, die keinen Talmud kennen?" Mayer hörte ein wenig zu kauen auf, zog seine Brauen in die Höhe und fiel dem über seine Worte fast erschreckenden Awrom in die Rede: „Das will ich nicht leugnen, aber viel Gutes haben wir von den Wissenschaften, in denen heute unsere Jugend unterrichtet wird, nicht zu erwarten. Seht Ihr nicht, Awrom, wie die Gottlosigkeit und Abtrünnigkeit immer mehr sich ausbreiten? Betrachtet Euch diese jungen Poschim, wie sie reden und handeln. Ein Geschlecht von Chazifim (Frechlingen) sind sie. Und der Mordechai, der für die Gemeinde beten und die Jugend unterrichten soll, ist auch von der Bildung angesteckt, ich erwarte mir von ihm nichts Gutes. Auch verkehrt er viel in dem Hause der alten Jungfer, der Esther, die wird uns noch die ganze Jugend verderben. Gebt, lieber Awrom, auch auf Euere Tochter acht, die ist auch sehr oft bei Esther zu sehen; was dort in deren Hause vorgeht, davon erzählt man sich in der ganzen Gasse wirklich nicht ganze schöne Geschichten. Eine schlechte Welt, sage ich Euch, eine traurige Zeit!" Also klagte Mayer, wie der selige Cicero, über die Verderbnis der Zeiten und Sitten. Awrom nahm die Sache anscheinend nicht so ernst, wie der griesgrämige, hungrige Junggeselle und erwiderte: „Ihr seht zu schwarz, Mayer, viel zu schwarz. Was sollen die lieben Kinder tun, die doch keine Unterhaltung und keine sonstige Freude am Leben haben. Esther, meines Freundes Eleasar Tochter, ist wirklich ein Glück für die Gasse und ihre Jugend. Dort kommen sie zusammen, junge Männer und Mädchen, lesen Bücher, spielen auch manchmal Theater, wie ich höre, tanzen sie auch und fteuen sich des Lebens, das ihnen doch wahrlich wenig bietet. Ich preise Esther, daß sie mit dem Lichte ihrer Heiterkeit ein wenig die Finsternis unserer Gasse erhellt, sie verdient dafür gelobt zu werden, weil sie, die doch selbst wenig Freuden im Leben hat, andere erfreut; laßt mir Esther in Ruhe, lieber Mayer!" Mayer, der nun nichts mehr zu essen hatte, war zu gescheit, um nickt zu erkennen, daß er hier in ein Wespennest gestochen. Esther, oder wie sie sich so gerne nennen hörte, „Esther ha Malta", hatte es in der Tat allen Leuten iu der Gasse angetan, auch diesem schlichten Awrom. Ein Mordsfrauenzimmer, dachte Mayer bei sich. Nun wollte Mayer es sich wegen einer alten Jungfer mit Awrom nicht verderben. Er hatte ja mit diesem Pläne, wichtige Pläne. Einen Sckidduch wollte er dem alten Freunde für Rosl reden. Einen Doktor, oder einen solchen, der es werden wollte, hatte er auf dem Lager. (Fortsetzung folgt.)

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