Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 3 (15.1.1904)
- Date
- 1904-01-15
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Oesterr.-migar. Cantoren Z«r Sufterferer. Der Vorstand des österr.-ungar. Cantoren-Vereines hat itt der am 12. d. M. stattgehabten Sitzung das Programm für die vom Vorstande der Wiener Kultusgemeinde geplante Zentennarfeier in der Synagoge und am Friedhofe endgiltig Perathen, wobei sämtliche aufznführeude Gesangspiöcen aus dem Schir-Ziou gewählt wurden. Da bei beiden Feierlichkeiten eine aktive Teilnahme der Cantoren, respektive ihre gesangliche Mitwirkung gedacht ist. wird in den nächsten Tagen seitens des Cantoren-Vereines ein Aufruf an die gesamte Kollegenschaft zur Beteiligung an der Zentennarfeier in Wien ergehen und jene Kollegen, die teilznnehmen gedenken, werden -gebeten werden, unter Bekanntgabe ihres Stimmcharakters ihre Anmeldung möglichst bald an den Vorstand des österr.-ungar. Cantoren-Vereines gelangen zu lassen. Zur Richtschnur für -anderwärts anläßlich der Zentennarfeier zu veranstaltende Festgottesdienste wird das Programm in nächster Nummer veröffentlicht werden. Papst Pias X. und die Kirchenmusik. Bon Oberkantor I. Singer. II. Daß die jüdischen Cantoratsjünger bei ihren synagogalen Gesangsvorträgen so gern Opernmelodien oder Fragmente derselben benützen, findet zunächst seine Begründung in der spielend leichten Beschaffung derselben; eine Melodie im Theater, von einem Orchester, vielleicht gar von einer Drehorgel rc. ist bald angehört und Eigengut geworden; und wenn der Cantor es nur einigermaßen versteht,,die profane Melodie dem frommen Texte anzupassen, so hat er bei einer gewissen Klasse der frommen Beter alsbald gewonnenes Spiel. — Bei einer gewissen Klasse nur; denn der Gebildete muß empört das Gotteshaus verlassen, wenn er die Heiligtümer desselben durch solch unstatthafte Töne entweihen hört. Die Grundursache dieser synagogal gesanglichen Verunglimpfung jedoch ist die ernst traurige Tatsache des unbewußten F r e v e l n s, da einer großen Anzahl dieser, auch sonst wenig vorgebildeten Cantoratsjünger die Erkenntnis mangelt, daß sie die Heiligthümer der Synagoge gleichsam mit rohen Händen antasten, wenn sie profane Melodien für den Synagogengesang verwenden, oder wie Papst Pins trefflich sagt, die Aeußerlichkeiten der.Oper beim G o t t e s d i e n st e gebrauchen. — Ist es aber auch anders zu erwarten? Wenn wir den Entwicklungsgang eines solchen Cantoratsjüngers genau betrachten, so erfahren wir, daß es lediglich, ja ausschließlich das bischen Stimme ist, welche ihn auf die Cantoratslaufbahn geführt; alle anderen Bedingungen, wie musikalisches Wissen, Verständnis des Textes und ideale Auffassung fehlen zumeist ganz; und gelingt es einem derart Ungebildeten - nicht Kraft seines Könnens — sondern durch das Eingreifen mannigfacher sozial günstiger Umstände, gar einen guten Posten zu erlangen, dann erachtet er es bei seinem mangelhaften Wissen nicht, die ihm so reichhaltig zu Gebote stehende Zeit zur möglichsten Ausfüllung seiner Bildungslücken zu verwenden, sondern sem Hauptaugenmerk ist darauf gerichtet, um sich die kostbare freie Zeit durch Tand und Spiel m ö g l i ch st zu vertreiben. Dieser frivole Zeitvertreib untergräbt selbstredend das persönliche Ansehen des Betreffenden und wirft seine dunklen Schlaglichter leider auch aus andere, dem Cantorstande angehörende Personen, so daß der jüdische Cantorstand, der mit der Lichtgestalt Sulzers und vieler.' seiner Schüler zu großer Bedeutung gelangte, jetzt wieder durch solche, moralisch und wissenschaftlich tief stehende Individuen allmälig zur Bedeutungslosigkeit herabsinkt. Diesen schädigenden Einflüssen muß von maßgebender Seite baldmöglichst energisch entgegengetreten werden; unseres Erachtens, wäre eine solch wohltätige Wirkung ausschließlich durch Aufllärung, d. h. rationelle Belehrung der sich dem Cantoramte widmenden Zöglinge zu erreichen. Eine rationelle belehrende Einwirkung kann jedoch nur von denjenigen erwartet w'erden, dieihreeigenefachmännische und wissenschaftliche Individualität am Borne des Wissens gelabt und gekräftigt. Die Cantorats-Zöglinge müßten durch die Einwirkung ihrer Bildner zum Bewußtsein gelangen, daß sie nicht einem puren Handwerke, sondern einer idealen Kunst zu dienen haben, wenn sie sich dem Tische des Herrn nahen, um das Wort Gottes durch Töne zu illustrieren; daß nicht der oder jener lediglich mit dem Geleitsbriefe der eigenen Machtvollkommenheit ausgerüstet — weil er, abgesehen von einigen Tönen, mit denen er die Welt beglückt, nichts Konkretes gelernt hat. um irgend einer Lebensbeschäftigung zu dienen — eines schönen Tages zum Bewußtsein gelangt, daß er eigentlich zum Cantor bestimmt sei. Hätte so mancher der nun angestellten Cantoren zuvor eine Prüfung bezüglich der mannigfachen Disziplinen der cantoralen Befähigung vor einem autorisierten fachmännischen Forum ablegen müssen, wie es heut zu Tage jedem Lehramtskandidaten gesetzlich vorgeschrieben, bevor er irgendwie in die Praxis tritt, wir leben der sicheren Ueberzeugung, daß so mancher, der lediglich aus eigener Machtvollkommenheit zumRange eines Oberkantors sich emporgeschwungen, mit Bomben und Trompeten durchgefallen wäre. Es erfaßt uns geradezu ein Unbehagen, wenn wir sehen, wie Individuen, die die ganze Woche am Spieltische und an anderen öffentlichen Orten in unpassender Weise zubringen, plötzlich in das Ornat schlüpfen und gewissermaßen mit Blitzeseile zum ernsten sittlichen Manne Gottes umgestaltet werden, um vor dem Vater im Himmel der frömmelnde Dolmetsch des betenden Volkes zu sein. Wir könnten diesen Gedankengang bis ins Unendliche fortspinnen, doch da es nicht unsere Absicht ist, lediglich die klaffende Wunde zu zeigen, vielmehr dieselbe zu heilen, so brechen wir hier mit der Aufzählung noch vieler vorhandener Schäden plötzlich ab, um die Bahnen aufzusuchen, die uns an das Ziel der Heilung und Genesung bringen könnten. Das ist der Weg des rationellen Unterrichtes auf synagogal-ge sanglichem Gebiete. Die Ziele sind ja haarscharf vorgezeichnet, wir stehen am Vorabende des hundertsten Geburtstages Salamon Sulzers, des Mannes, der durch die Darlegungen seines Schir Zion und anderer Veröffentlichungen die Wege angedeutet, die zu wandeln seien, und wir müssen gestehen, daß die Befolgung des Regulativs eine stattliche Reihe ausgezeichneter Cantor-Epigonen hervorbrachte, die jedoch zumeist schon zu ihren Vätern eingegangen. Das Ideal dieser Männer insgesammt — wir brauchen keine Namen zu nennen war die Gründung einer Cantorenschule. In einer solchen Anstalt, die den Behörden anheimgestellt sein muß, sollen die Zukunftscantoren des Judentums in allen Wissenszweigen herangebildet, sollen ihren obligaten Prüfungen unterzogen, und von der Prüfungscommiffion mit einem verdienten Befähigungszeugnisse ausgestatter werden. - Ist das geschehen, daß ein angehender jüdischer Cantor zuvörderst Beweise seines Könnens und Wissens zu geben habe, so wird es auch den wohllöblichen Gemeinden und Vorständen zum Bewußtsein gelangen, daß der jüdische Cantor nicht ein K u n st st ü ck zu leisten habe, sondern der Vertreter eines K u v st- I Werkes sei. Dann wird auch die Protektionsidee in den Hintergrund treten; denn wir wollen nicht liebenswürdig behandelt und geringgeschätzt — vielmehr hart ungefähren, jedoch geachtet werden.