Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 3 (15.1.1904)
- Date
- 1904-01-15
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Sette 8. Die Wahrheit Nr. 3. im Tempel des IX. Bezirkes allein einzuführen, hätte viel eher? Aussicht, die Zustimmung und Unterstützung des Kultusvorstandes j zu finden. Bezüglich der Heranziehung der Vereinsfunktionäre zu den Leichenbegängnissen verstorbener Mitglieder des Bezirkes müsse er darauf verweisen, daß gegenwärtig eine Taxregulierung für die Gemeindebeamten bei Leichenfunktionen im Zuge sei und daß bei diesem Anlasse auch die Frage der Heranziehung der Vereinsfunktionäre in den einzelnen Bezirken Berücksichtigung finden werde. Der Vorsitzende begnügt sich mit den in Aussicht gestellten Hofinungen und dankt dem Redner für seine Ausführungen. Hieraus werden nach kurzer Debatte der Kassenbericht und der verlesene Jahresbericht genehmigt. Es wird dann zur Vornahme der Neuwahlen geschritten. Dr. Moriz Sch nepp bewirbt sich im eigenen Namen, sowie im Namen seiner ausgelosten Vorstandskollegen um die Neuwahl und erklärt, daß er und seine Kollegen es sich zur Ehre anrechnen werden, nnt einem Mandate betraut zu werden. In Anbetracht der geringen Teilnahme der Glaubensgenossen im Bezirke und der vielen Hindernisse, denen jede von der Vereinsleitung angestrebte Neuerung begegne, sei es nicht verlockend, sich um ein Mandat zu bewerben, aber die Liebe zum Judentume werden ihn und seine Kollegen aneisern, in ihrem Streben sortzufahren, einen würdigen Gottesdienst im IX. Bezirke zu erhalten. Er müsse jedoch auch den Wunsch aussprechen, daß dieses Streben im Kultusvorstande eine wirksamere Unterstützung als bisher finde. Während des Skrutiniums wird die Diskussion über die Einführung des Damenchores durch eine Anfrage des Herrn W. Pappen heim eröffnet, der den Vorsitzenden interpelliert, ob der an zwei Freitagen angestellte Versuch mit dem Damenchore nur eine Probe gewesen sei oder als definitive Einrichtung fortbestehen solle. Der Vorsitzende erwidert, daß es sich vorläufig blos um eine Probe handle. In formeller Beziehung müsse er jedoch bemerken, daß die heutige Generalversammlung hierüber keinen strikten Beschluß fassen könne, da ein diesbezüglicher statutengemäßer Antrag nicht vorliege. Nichtsdestoweniger werde es ihn und den Vorstand freuen, Aeußerungen der Versammlung, die über die Stimmung im Vereine Aufschluß geben, zu hören. In meritorischer Beziehung wolle er konstatieren, daß finanzielle und ästhetische Rücksichten, resp. die Unmöglichkeit, mit den geringen, dem Vereine zur Verfügung stehenden Mitteln einen guten Herren- und Knabenchor zu erhalten, den Vorstand veranlaßt haben, mit der Einführung des Damenchores einen , Versuch zu machen und so den künstlerischen Effekt der gesanglichen Darbietungen beim Gottesdienste zu erhöhen. W. Pappenheim spricht sich gegen die Einführung des Damenchores aus. Der Tempel ist kein Theater und kein Konzertsaal und bei der Gestaltung des Gottesdienstes dürfen nicht finanzielle und ästhetische Rücksichten obwalten, sondern das religiöse Moment sei das einzig ausschlaggebende. Da es nun nicht zu leugnen ist, daß viele Vereinsmitglieder durch die angestrebte Reform sich in ihren religiösen Gefühlen verletzt fühlen, bittet er im Interesse der bedrohten Einheit diese Frage von der Tagesordnung abzusetzen und die bisherigen Versuche mit dem Damenchore nicht mehr zu wiederholen. Der Vorsitzende verwahrt sich dagegen, daß die Frage so behandelt wird, als ob sie eine Gefahr für das Judentum in sich berge. Er verweist auf hervorragende Gemeinden im Auslande und auf den Tempel im VI. Wiener Bezirke, wo Damenchöre schon seit langem eingeführt sind. Die Einführung richte sich keineswegs gegen die jüdische Tradition, sondern sei zunächst durch die bereits angeführten ökonomischen Rücksichten in Erwägung gezogen worden. Der Tempelbesuch werde immer geringer, und in Anbetracht dessen müsse dem Vorstande jedes Mittel willkommen sein, denselben zu heben. A. Rosenzweig erklärt sich, trotzdem er nicht zu den Hyperorthodoxen zählt, als Gegner dieser Reform.? Architekt Marmorek spricht dem Vorstande das Recht ) ab, mit dem Gottesdienste Experimente zu machen, die dem Geiste des Judentums zuwiderlaufen, und er müsse sich mit aller Entschiedenheit gegen jede Reformbewegung richten, die vom Judentume zum Christentume führt. Darum beantragt er, diese Frage einer außerordentlichen Generalversammlung vorzulegen und inzwischen die Experimente zu sistieren. Kultusvorsteher Dr. Berger betont, daß der Kultusvorstand an dem Prinzipe festhält, in sämtlichen Gemeindetempeln Danien von liturgischen Funktionen ferne zu halten und alles zu vermeiden, was geeignet wäre, Spaltungen in der Gemeinde, besonders in religiöser Beziehung, hervorzurufen. Aus diesem Grunde habe er bisher jede derartige Reform zurückgewiesen. Wenn die Erhaltung des Knabenchores dem Vereine finanzielle Schwierigkeiten bereite, wolle Redner gerne seine Kräfte zur Verfügung stellen, um eine entsprechende materielle Unterstützung seitens der Kultusgemeinde zu erwirken. Im Verlaufe der weiteren Debatte sprachen sich die Herren I. Koppstein, Dr. Schnepp und S. Barber für den Damenchor, und Herr S. Kornmehl gegen denselben aus. Zum Schluffe erklärt der Vorsitzende, daß der Vorstand alles tun werde, was er als im Interesse des Vereines gelegen erachten werde. Das während der Debatte vorgenommene Skrutinium ergab folgendes einstimmige Wahlresultat. Gewählt wurden zu Vorstandsmitgliedern mit Zjähriger Mandatsdauer die Herren: Dr. Moriz Schnepp, Ignatz Simon und kais. Rat Ignatz Wilhelm; mit Ljähriger Mandatsdauer: Herr Emil Fürth. In den Ausschuß wurden gewählt die Herren: Adolf Frankl, Dr. Alfred Glogau, Leopold Hendl, Adolf Kohn, Dr. Emanuel ' Quittner, Wilhelm Pappenheim, Josef Steiner und Isidor Trebitsch. Nach Verkündigung des Wahlresultates wird die Generalversammlung vom Vorsitzenden geschlossen. Tranerfeier im Wiener Ket-Ha Midrasch Zu Ehren Dr. Adolf Jellineks veranstaltete der Wiener Bethamidrasch-Verein am 7. dieses im großen Bortragssaale dieses vom Verewigten ins Leben gerufenen Institutes die 10jährige solenne Gedenkfeier des Todestages, an welcher außer den Mitgliedern und Vertreter des Vereines viele Vorsteher und Beamte der Knltnsgemeinde, der Lehrkörper der isr.- theologischen Lehranstalt, die Kandidaten derselben, viele Gemeinderabbiner, zahlreiche Vertreter der Schriftstellerwelt und ein distinguirtes Publikum, I auch die hier weilenden Söhne und Verwandten des Gefeierten teil-' genommen hatten. Punkt 6 Uhr trat der greise Rabbiner Dr. Schmied! zum Katheder und hielt die Gedenkrede, in der er an das talmudische Wort anknüpfte, welches sagt, daß sich die Sonne verfinstere, wenn ein Heimgegangener ^.d-Lstü-äin, das ist Vorsteher eines Rabbiner-Kollegiums, nicht nach gebührender Weise betrauert wird. Dies kann wohl im figürlichen Sinne verstanden werden und bedeutet eine Verfinsterung der geistigen Sonne, die ein großer Lehrer seinem Volke gewesen ist. Es wäre wahrlich ein Rückgang der Kultur, wenn der Tod großer, führender Männer nicht zum nacheisernden, aufmunternden Beispiele ausfordern sollte; solcher Geistessonne zu folgen. Obgleich an dieser Stelle, sagte der Redner, erst vor einigen Wochen anläßlich des vierzigjährigen Bestandes unseres durch Dr. Jellinek gegründeten Bet-Hamidrasch, das Leben dieses ausgezeichneten Lehrers in Israel in großen Umrissen gezeichnet wurde, so erübrigt doch noch sehr vieles, um ein vollständiges Bild Jellineks zu geben, was erst dem künftigen Biografen Vorbehalten bleiben muß. Zwei Elemente sind es vorzüglich, welche den Kanzelredner ausmachen, das eine ist die Fantasie, das andere die Reflexion. Beide Elemente waren es, die Dr. Adolf Jellinek zu dem berühmten Kanzelredner unserer Zeit und für alle Zeiten in so hohem Grade befähigt haben. Er war ebenso Meister des Wortes, als Meister des Gedankens. Das eine ohne das andere gliche dem Körper ohne Seele, oder einer Seele ohne Körper. Grundlegend für die von Jellinek geschaffene Schule der Predigt war seine außerordentliche tiefe Erfassung des Bibelwortes, dem er durch Wort und äußeren Aufbau in der Predigt die oft kühne und wunderbarste Gestaltung gab. Jellinek verstand es, dem anscheinend sprödesten Bibelstoffe die geistige Bedeutung abzulauschen. Ein Beispiel hiefür sei die wunderbare Predigt über den Bibelvers, in welchem von den drei unreinen Tieren, dem Kameel, dem Kaninchen und dem Hasen, in drei verschiedenen Zeitformen gesprochen wird, nämlich die Klanen sind nicht gespalten, die