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Die Wahrheit · 1904-01-15 · Heft 3 (15.1.1904) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 3 (15.1.1904)
Date
1904-01-15
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 3. Die Wahrheit Lreite 7. und der kommerziellen Bewegung dar, der sich bei ausgebreiteter Tätigkeit mit einem geringen Nutzen begnügte und schon aus Praktischen Geschäftsrücksichten den Bedürfnissen des Bauern in einer für die hiesigen Verhältnisse billigen Art und Weise zu entsprechen wußte. Heute ist der Bauer, an Händen und Füßen gebunden, der Ausbeutung des griechischen, bulgarischen oder rumänischen Kreiswirtes und Dorfwucherers preisgegeben, der ihn rücksichtslos auspreßt, von ihm fünf- und sechsmal höhere Zinsen nimmt, als es früher der Jude getan hat, und durch die Macht, die ihm seine Stellung als einflußreicher Wühler und feine Zugehörigkeit zu einer der großen politischen Parteien gewährt, in die Lage gesetzt wird, die schwersten Ungerechtigkeiten und Vergewaltigungen straflos ausüben zu können. Knabenchor oder Damenchor. Dienstag, den 5. d. fand im Zeremoniensaale des Tempels im IX. Bezirke die Generalversammlung des Belhaus-Vereines „Chewra Beth-Halfilah" statt, die diesmal ein erhöhtes Interesse dadurch gewann, daß in derselben eine vom Vereinsvorstande ausgehende Anregung, den bisherigen Knabenchor durch einen Damenchor zu ersetzen, zur Diskussion gestellt wurde. Da diesbezüglich ein statutengemäßer Antrag nicht vorlag, konnte ein bestimmter Beschluß der Generalversammlung in dieser Frage nicht gefaßt werden, nichtsdestoweniger trat es untrüglich zu Tage, daß die von der Majorität der Vereinsleitung angestrebte Neuerung nicht allseitig mit Befriedigung ausgenommen wird. Die Vereinsleitung, und an ihrer Spitze der allseits geschätzte und hochverdiente Präsident, Herr Gottlieb B e t t e l h e i m, verdient gewiß vollste Anerkennung, wenn sie alles Mögliche versucht, um den Gottesdienst zu verschönern und die Frequenz desselben zu erhöhen, jedoch ganz abgesehen davon, ob die für die Einführung des Damenchores vorgebrachten finanziellen und ästhetischen Momente einwandfrei sind oder nicht, scheint es gerade jetzt, wo ein gewiß nicht unberechtigter Konservativismus durch das ganze Judentum geht, nicht besonders opportun, durch eine, wenn auch nur von der Minorität der Vereinsmitglieder bekämpfte „Reform" den Frieden innerhalb des Tempelvereines ins Schwanken zu bringen. Wir vertrauen übrigens vollkommen dem feinen Taktgefühle des Präsidenten, Herrn Gottlieb Bettelheim, der bekanntermaßen für den Tempelverein im IX. Bezirke große Opfer bringt und ber allen seinen Entschließungen zunächst auf das Gedeihen des Vereines Rücksicht nimmt. Sicherlich wird er auch in dieser Frage alles genau erwägen und auch die warnenden Stimmen nicht überhören, bevor er die bisherigen Versuche mit dem Damenchore zu einer ständigen Einrichtung umgestaltet. Im nachstehenden der Bericht über den Verlauf der Generalversammlung: Der Vorsitzende, Präsident Gottlieb Bettelheim, konstatiert die Beschlußfähigkeit der Versammlung, begrüßt den anwesenden Vertreter der Kultusgemeinde, Kultusvorsteher Dr. Alfred Berger, und erstattet nach Verlesung des Protokolles der letzten Generalversammlung durch den Schriftführer, kais. Rat Ignaz Wilhelm, nachfolgenden Bericht: „Sehr geehrte Herren! Die Erfüllung unserer Pflicht, Ihnen über die Entwicklung unseres Vereines im abgelausenen Jahre Bericht zu erstatten, ist uns diesmal nicht leicht geworden. Sind wir doch nicht in der Lage, aus wesentliche Erfolge hinzuweisen. Die Zahl der Mitglieder — 298 gegen 295 im Vorjahre — ist trotz unserer Bemühungen nahezu gleich geblieben. Die Trauungen — 83 gegen 86 — zeigten im ersten Halbjahre einen vielversprechenden Ausschwung, dagegen im zweiten Halbjahre einen jähen Rückgang. Wir müssen, wenn die ungünstigen Erwerbsverhältnisse und andere schädigende Momente, die auszusühreu hier nicht der Ort ist, andauern sollten, eine weitere Abnahme dieser wichtigen Einnahmsquelle besürchten. Die Einnahmen an Sitzmieten haben sich um X 335, die Spenden um X 567 vermindert. Im ganzen haben die Gebahrungsüberschüsse, trotzdem die hohen Feiertage in eine vorgerückte Jahreszeit fielen, kaum hingereicht, um die Wert- Verminderung am Gebäude und Inventar auszuwiegen. Dagegen warenwir in der erfreulichen Lage, die namhaften Kosten einer bereits notwendig gewordenen Renovierung unserer Synagoge vollständig aus den Zuflüssen und Widmungen zum Baufonde zu decken. Auch die Konfirmationen, 46 Knaben, gegen 36, und 50 Mädchen, gegen 46 im Vorjahre, zeigen einen erfreulichen Aufschwung. Den im November 1902 versuchsweise eingesührten Sabbath-Frühgottesdienst mußten wir im September 1903 wegen zu geringer Teilnahme wieder auslassen. Unsere Bemühungen, dem unwürdigen Unterbieten der Trauungstaxen durch Einigung der Tempelvereine aus eine gemeinsame Skala, ein Eude zu machen, scheiterte an dem Widerstande des Brigittenauer Tempelvereines. Wir werden jedoch in unserem Streben nicht erlahmen und hoffen, daß schließlich unserer Ausdauer der Erfolg nicht fehlen wird. Um auch in unserem engen Wirkungskreise zur Hebung des religiösen Sinnes beizutragen, haben wir bei der Kultusbezirks-Kommission angeregt, dieselbe möge vom Vorstande der Kultusgemeinde die Abhaltung von Snbbathgottesdiensten für Mittelschüler des IX. Bezirkes ansuchen, indem wir uns erboten, Tempel und Chor unentgeltlich zur Verfügung zu stellen. Angesichts der 400 übersteigenden Zahl jüdischer Studenten schloß sich die Kommission mit Begeisterung unserem Wunsche an. Der Kultusgemeinde-Vorstand aber war aus unbekannten Gründen derzeit nicht in der Lage, dem Ansuchen zu willfahren. Auch ein Einschreiten, der materiellen Lage unserer Beamten die dringend notwendige Verbesserung mindestens dadurch angedeihen zu lasten, daß dieselben entsprechend den Geboten der Pietät, bei Leichenbegängnissen im Bezirke verstorbener Glaubensgenossen herangezogen werden, blieb bisher ohne Erfolg. Für die Märtyrer von Kischenew, die unschuldigen Opfer einer kurzsichtigen herzlosen Politik, haben wir, um unserem schmerzlichen Mitgefühle Ausdruck zu verleihen, eine Trauerfeier veranstaltet, und die dabei gehaltene, ergreifende Trauerrede im Abdrucke an unsere Mitglieder verschickt. Im abgelaufenen Vereinsjahre haben wir zu unserer Betrübnis unser Ehrenmitglied Herrn Moritz Karpeles und weitere 9 Mitglieder durch den Tod verloren. Es siud dies die Herren: Gerson Abeles, Gottlieb Diamant, Leopold Kern, Joses Krauß, Hermann Lewin, Alexander Neumann, Joses Thalberg, Dr. Leop. Weinberger und Sigm. Neustadtl. Wir bitten Sie, die Hingeschiedenen zu ehren, indem Sie sich von Ihren Sitzen erheben. Noch haben wir an dieser Stelle Herrn Johann Kremenetzky für seine selbstlose Mitwirkung bei der Installation der elektrischen Lichter und die unentgeltliche Beistellung der Glühlampen, Herrn Adolf Moser für die Widmung eines Fensters und dem anonymen Spender eines Ner Tomid zu danken. Möchte es uns vergönnt sein, in kommenden Jahren von einem Wiedererwachen des Interesses weiter Kreise an unseren kulturellen Bestrebungen berichten zu können." Dr. Alfred Berger anerkennt die große Opserwilligkeit, die der Verein und dessen Leitung für die Gestaltung eines würdigen Gottesdienstes im IX. Bezirke jederzeit bekundeten, und spricht hiesür den Dank des Kultusvorstandes aus. Er könne es jedoch nicht unterlassen, auf zwei im Jahresberichte enthaltene Bemerkungen zu reagieren. Es wurde in demselben erwähnt, daß die Einführung eines Jugendgottesdienstes für den IX. Bezirk im Kultusvorstande aus Widerstand gestoßen sei. Was aber verschwiegen wurde, ist die Tatsache, daß der - Antrag der Bezirkskommission dahin ging, den Jugendgottesdienst I abwechselnd im VIII. und IX. Bezirke einzusühren. Für einen! derartigen Gottesdienst „aus Reisen" sind im Kultusvorstande! gewichtige Bedenken geltend gemacht geworden, und abgesehen i davon ist der diesbezügliche Antrag für das heurige Jahr zu spät eingebracht worden. Der Antrag, den Jugendgottesdienst

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