Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 3 (15.1.1904)
- Date
- 1904-01-15
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 3. Die Wahrheit Lette 5. Z«r Erhaltung der Einheit im Uolke der Einheit. Meinungsäußerung eines Laien. „Und wer wie dein Volk Israel ist ein einheitliches Volk auf Erden?" (Sam. H, 7, 23.) Es war zur Zeit als der Zionsgedauken in seiner jetzigen vielversprechenden Gestaltung noch im Anfangsstadium war, als dieses durch Schmerzen erzeugte Wesen des praktischen Judentums noch embryonisch seiner Entwickelung entgegenharrte, da wogten die Fluten des Für und des Wider bei allen Parteien und allen Schattierungen dieses heimatlosen Volkes turmhoch auf. Hie Argentinien, hie Palästina war der Streitrus in fortschrittlichen Kreisen, deren tonangebenden Organe, beim Ventilieren der idealen wie der vitalen Interessen, die Gelegenheit zum Polemisieren sich nicht entgehen ließen. Die Rabbiner aber, die Repräsentanten der unentwegten Religiosität, waren überhaupt der successiven Wiederaneignung des von ihnen so heiß ersehnten gelobten Landes, in solcher naturalistisch prosaischen Weise, vom Herzen abgeneigt. Denn schon die Frage, wie es mit den, speziell für den Grund und Boden Palästinas verordneten Gesetzen in solchem Falle zu halten sein dürste, konnte bei ihnen nicfjt als leicht zu lösendes Problem erachtet werden. Außerdem aber erwünschen, erhoffen und erwarten sie eine „ U’uluh sclilermxh“, eine ganze Erlösung, eine epochemachende Intervention des Hortes Israels mit allen daranhängenden phantastischen Ausgestaltungen. Und merkwürdig genug, dieser von den Gläubigen strengster Observanz eingenommene Standpunkt, wurde auch von einem, der zu den Ultraliberalen gezählt werden dürfte, adoptiert, der ihm aber auch eine rationalistisch-politische Seite abzngewinnen wußte. Es ist dies der geistreiche Romanzier Carl Emil Franzos, der sich gegen solche stückweise Uebersiedlung nach Palästina in einer der „Allgemeinen Zeitg. des Judentums" beigefügten Abhandlung anssprach. Die Quintessenz seines Jdeenganges war ungefähr folgende: Es sei ja gar nicht daran zu denken, daß Palästina auch in seiner weitesten Peripherie die occidentale Judenheit anfnehmen könnte; es sei sogar recht zweifelhaft, ob diese, bei langsam aufeinanderfolgender Emigration, auch nur um einen erheblichen Bruchteil entartet werden würde. Sollte aber im günstigen Falle die Kolonisation gedeihliche Fortschritte machen und die Eingewanderten gn einem unbestrittenen Heimatsrechte gelangen, so dürfte die Wahrscheinlichkeit nicht ausgeschlossen sein, daß der bereits auf palästinischem Boden geborene und in konsolidierten Verhältnissen erzogene Nachwuchs keinen rechten Begriff von allem Vorangegangenen mehr haben und, mit den gegebenen Verhältnissen rechnend, sich nicht nur als unbeschränkter Besitzer des Territoriums, sondern auch als allein berechtigten Repräsentanten der nationalen Tradition betrachten werde — die gesamte außerpalästinische Judenheit würde also dazu beigetragen haben, von ihren eigenen Schützlingen als inferior erklärt zu werden. Fast sieht dieses Argument wie '-krasser Egoismus aus, als Erdrosselung des warm pulsierenden Gefühls durch die kalten Polypenarme des Verstandes. Allein wer dürfte es wagen, einen Franzos der Herzlosigkeit zu zeihen? ihn, der auch den auf niedrigster Stufe stehenden jüdischen Proletarier zu idealisieren sucht, der Herzenstöne anschlägt, die mit ihrem Rauschen und Wogen jedes empfindende Gemüt hinreißen? Es war aber auch keine kalte Berechnung, die ihm diesen Einspruch diktierte. Gerade diese, wenn auch vielleicht aufgebauschte Besorgnis wegen der nach Generationen zur Frage sich ausbildenden Jdentitätsberechtigung legt Zeugnis dafür ab, daß ihm egoistische Sonderinteressen recht fern liegen. Auch er ist ja sonst dafür, seinen durch unverschuldetes Leiden gefallenen Stammesangehörigen werktätig unter die Arme zu greifen; er ist nur gegen die Palästina-Immigration, um einem partikularistischen Schisma vorzubeugen; das traditionelle Ideal der Gesamtheit sollte nicht durch die Ambition eines Bruchteiles alteriert werden. War ja auch schon eine ähnliche Besorgnis zur Zeit der Okkupation des gelobten Landes laut geworden. Die 2^ transjordanisch ansüßig gewordenen Stämme suchten sich derselben durch Erbauung eines Altares an ihrer Grenze zu erwehren, wie sie es den sie darüber zur Rede stellenden Abgeordneten der Kinder Israels so prägnant und tief empfunden auseinandersetzten. (Josua, 22, 10—34.) Hieraus aber ist auch zugleich zu ersehen, daß die Befürchtung Franzos' unter Umständen nicht so sehr begründet sein dürfte, daß es nur an unserem eigenen Wollen liegt, dieselbe auch dann nie aufkommen zu lassen, wenn die aus Not unternommene, zur Entlastung dienende Abschiebung über Erwarten gelingen sollte, wie sie ja jetzt durch das Ostasrika-Projekt aus der nebelhaften Ferne in die greifbare Wirklichkeit überzugehen sich anschickte. Wer die seit Jahrtausenden kontinuierlich aufeinanderfolgende jüdische Literatur nicht blos vom Hörensagen kennt, wer es ans eigener Erfahrung weiß, was die occidentale Diaspora, vom religiösen Standpunkte ausgehend, nach allen Geistesrichtungen, in ihrem nationalen Idiome und in den meisten Sprachen der Kulturweli geleistet hat, der muß auch zugeben, daß diese Literatur ein weit markanteres Erkennungszeichen für die längste Dauer sei als der monumentale transjordanische Altar. Wohl gemerkt, es müßten auch ferner diese geistigen Schätze nicht blos als Reliquien betrachtet werden, von denen man sich mit scheuer Ehrfurcht fernhült, sie müßten wie gangbare Münze kursieren und den neuen Prägungen gleichwertig bleiben, da sie doch aus ein und demselben Edelmetalle geformt sind. Denn sollte die Stagnation wieder eintreten, der kaum, ja noch nicht ganz überwundene Jndifferentismus bei einem modern sein wollenden beträchtlichen Teile unseres Volkes wieder zu dominieren anfangen, sollte der Skeptiker Recht behalten, der die jetzige nationale Bewegung nur als Zuckungen eines gelähmten Körpers, veranlaßt durch den galvanischen Strom der antisemitischen Reibereien, ansieht, dann, ja dann müßte die Befürchtung Franzos' ihre volle Berechtigung haben. Der immer merkbarer werdenden Jnteressenlosigkeit des Mußjudentums in der weiten Kulturwelt, die, nach hoffentlich bald weichendem Drucke von Außen, wieder eintreten könnte, würde dann die reale und infolgedessen auch die ideale Konzentration Neu-Judäas entgegenstehen und die Entfremdung immer größer werden. Wer würde es dann dem jungen pulsierenden Leben verdenken können, wenn es sich mit dem apathisch gewordenen Vorgänger nicht solidarisch fühlen würde? dem siügge gewordenen Schmetterling, wenn er seine Raupenhülle auf Nimmerwiedersehen verläßt? Aber auch dem in modernen Anschauungen erzogenen Stammesgenossen ist es nicht zu verdenken, wenn er seiner Tradition, seinem geistigen Erbteile bestenfalls nur Gefühle der Pietät entgegenbringt. Er kennt es ja gar nicht und ist daher auch nicht imstande, sich ein Urteil darüber zu bilden. Die winzige Kleinigkeit, die ihm vielleicht in seiner Jugend eingetrichtert wurde, genügt nicht, den Beweis zu bringen, daß die erhabenen Lehren, Gedanken und Erinnerungen auch jetzt und für die spätesten Zeiten aktuell sind und bleiben werden, daß die modernsten Anschauungen sie nicht tangieren können, da sie eine unverwüstliche Akkomodationsfähigkeit besitzen. Er kann aus dem Grunde nicht wissen, weil bei uns noch immer zu sehr dogmatisiert wird. Der Religionsunterricht in der Schule ist auf den Buchstabenglauben gerichtet, der religionswissenschastliche Vortrag ist zumeist an das Althergebrachte sestgebannt und selbst die sich so herrlich entwickelte Homiletik bedient sich nur des Bibeltextes als Rahmen zu ihren Wortbildern. Die Ergebnisse der kritischen Forschung, die Beachtung des damaligen, in solch langer Zeitdauer abwechselnden Milien, das den Gedankengang beherrschte, die Schreibweise diktierte und auch zumeist die Gesetze und Anordnungen veranlaßte, kurz der Sinn, der Kern der biblischen und nachbiblischen Schriften, wird nicht populär gemacht. Das Wort — sie lassen es stahn!" — Muß dies nicht auch auf das Interesse des Gutwilligsten lähmend' wirken? (Schluß folgt.)