Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 3 (15.1.1904)
- Date
- 1904-01-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Leite 4. Die Wahrheit . Nr. 3. botenist, daß der Richter die Parteien zu einem Vergleiche auffordere, wenigstens ihnen einen solchen in Vorschlag bringe. Eine dritte Meinung, die des R. Simon, Sohnes des Menaßja, hält einen Mittelweg ein : es ist dem Richter weder geboten noch verboten, sondern es steht ihm frei, den Parteien den Vergleichsweg vorzuschlagen. Auch darüber, bis zu welchem Stadium der Verhandlung der Richter einen Vergleich zwischen den Parteien vermitteln darf, gehen die Meinungen auseinander. Nach der einen, nur so lange, als der Richter aus den Reden der Parteien (das Rechtsverfahren war mündlich) noch nicht erkannt hatte, auf welcher Seite das Recht ist; nach eineranderen auch nachher noch, bis zur Urteilssprechung. Gerade diese letztere Ansicht, die von dem Prinzipe ansgeht, daß der Friede (gütlicher Vergleich) noch höher steht als das Recht, ist bei den Rabbinern, welche früher auch Richter waren, zur gesetzlichen Norm erhoben worden. Maimuni, Jakob Ascheri, Josef Karo kodifizieren die Meinung des R. Josua b. Korcha, die schon der Talmndlehrer Rab als Halacha bezeichnet. Die Juden haben ja zu allen Zeiten den Frieden über das Recht gesetzt und darum auch des lieben Friedens wegen selbst in ihrer eigenen Mitte nicht selten Unrecht geduldet. Nach außen hin ist das immer geschehen, was wohl auch dem Herrn Ministerpräsidenten nicht unbekannt sein dürfte. Ans der Woche. Die korrumpierende, entsittlichende Macht des Antisemitismus hat sich wieder einmal in voller festlicher Beleuchtung offenbart. Der Bürgermeister Dr. Lueger hat sich veranlaßt gefühlt, bei dem'Feste, welches die Wiener Kaufmannschaft in erster Reihe zu Ehren ihres vom Kaiser ausgezeichneten Präsidenten veranstaltete, zu erscheinen, obgleich dieser den in anüsemitischen Kreisen nicht sonderlich beliebten Namen P o l l a ck trägt. Dr. Lueger sagte in seiner Bankettrede, daß er nicht würdig wäre, Bürgermeister von Wien zu sein, wenn er bei dem Feste der Wiener Kaufmannschaft fehlen würde. Dr. Lueger hätte als Bürgermeister von Wien in der Tat die Pflicht, sich als das Oberhaupt der gesamten Bürgerschaft zu fühlen und keinerlei Unterschiede der Konfession zu kennen. In Wirklichkeit geriert sich aber Dr. Lueger bei jeder Gelegenheit nur als der Parteimann, der es für seine vornehmste Aufgabe hält, die Juden samt und sonders als Ausbeuter und Schädlinge zu brandmarken und gegen sie zu hetzen. Bei dem Feste der Wiener Kaufmannschaft hat Dr. Lueger ein anderes Lied gesungen. Die jüdischen Millionäre, die in der Gesellschaft sich befanden, der jüdische Präsident haben ihn zü keiner Hetzrede, sondern zu einer Hymne auf den Handelsstand begeistert, der sonst im Jargon der Antisemiten als ..verjudet" stigmatisiert und daher stets beschimpft wird. Es hat sich eben wieder gezeigt, daß die Antisemiten, die angeblich in den Juden hauptsächlich die Vertreter des Kapitalismus befehden, unter Umständen vor den reichen Juden sich respektvoll verbeugen, während sie gerade die armen Juden — d ie g ewiß mit dem Kapitalismus nichts zu s ch affen haben — mit ihrem tückischen Hasse verfolgen. * * * Der Herr Bürgermeister hat unbekümmert um die Vergani, Schneider st tutti quanti die Kourage, jüdischen Millionären sein Kompliment zu machen. Warum wagt er es nicht, wenn er in Wahrheit würdig seines Amtes als Bürgermeister von Wien walten will, gerecht gegen jüdische Beamte und Lehrer zu sein? Wenn er seines Eides eingedenk, objektiv und vorurteilslos im Sinne der Staatsgrundgesetze bei der Verleihung von'öffentlichen Stellen Vorgehen wollte, dürften die jüdischen Beamten und Lehrer nicht in so rechtswidriger Weise bei Ernennungen und bei dem Avancement übergangen werden. Sollen wir auch noch daran erinnern, in welcher empörenden, jedes Rechts- und Humanitätsgefühl verletzenden Weise die jüdischen Hausierer in der antisemitischen Aera behandelt werden? Oder soll man vielleicht annehmen, daß diese Armen die wahren Repräsentanten des „jüdischen" Kapitalismus sind? * * * Die . Ethische Gesellschaft" veranstaltete einen Vortragszyklus über die Rassenfrage. Als Erster sprach Dr. Friedrich Hertz über die anthropologische Bedeutung der Rassenfrage. Die Ausführungen des hervorragenden Fachgelehrten sind geeignet, auf die Fanatiker der Rassentheorie wie eine kalte Douche zu wirken. Dr. Hertz erinnert zunächst daran, daß einer der hervorragendsten Sprachforscher des vergangenen Jahrhunderts, Friedrich M ü l l e r, seine Meinung über die Ergebnisse der linguistischen Rassenbeurteilnng in die Worte zusammengefaßt habe: „Rasse ist Schwindel" und setzte dann auseinander, daß die Anthropologie noch gewichtigere Belege gegen die Zulässiigkeit jenes populären Sprachgebrauches liefere. So ist es z. B. wissenschaftlich feststehend, daß der Unterschied zwischen Nordariern und Südariern ein viel größerer ist, als der zwischen Nordariern und Finnen einerseits, Südariern und Semiten anderseits. Ein interessantes Detail ans dem Vortrage verdient besonders angemerkt zu werden: Eine große Zahl der bedeutendsten Dem scheu, so Kant, Goethe, Beethoven, Leibnitz hatten g a n z u n g e r m a n i s ch e Rassenzüge aufzuweisen. Heitere Wirkung erzielte die Bemerkung, daß nachdem die Hetiter zufolge des Sprachengebrauches der Rassentheoretiker Arier waren, die angeblich „jüdische" Nase — ein arisches Erbstück wäre. Wenn die Rassentheoretiker sich wirklich von den Theorien der Wissenschaft und nicht von gehässigen Vorurteilen leiten ließen, dann hätten sie längst — mit langer Nase abziehen müssen. Die grauenhaft-groteske Komödie, die in dem Kisch enewer Gerichts s aale aufgeführt wurde, hat ein würdiges Nachspiel erfahren. Nachdem die russischen Richter es zuwege gebracht hatten, daß die geistigen Urheber der Kischenewer Greueltaten, also die Hauptschuldträger, auch nicht einmal als Zeugen im Gerichtssaale erscheinen durften, ist es nur logisch und gerecht, daß nunmehr auch die Advokaten, welche als Verteidiger der Juden die Ankläger der Hetzer waren, für ihre Vermessenheit bestraft werden. In der perfidesten, böswilligsten Weise werden die edlen Männer, die ihrer Pflicht Genüge leisten wollten, verfolgt und einigen von ihnen wurde unter den absurdesten Vorwänden die weitere Ausübung der Advokatur verboten. Konsequenz kann dieser Art von Justizpflege übrigens nicht abgesprochen werden. Wo Mörder den Schutz der Behörden finden, müssen die Männer des Rechtes drangsaliert werden. Während die Verfolgung der edlen russischen Rechtsfreunde eine beglaubigte Tatsache ist, dringt vorläufig nur als unverbürgtes Gerücht die Nachricht aus Rußland, daß P l e h w e amtsmüde sei und einen Urlaub anzutreten gedenke, von dem er nicht mehr auf seinen Posten zurückkehren werde. Wenn sich die Botschaft als wahr erweisen sollte, dann wäre sie eine Heilsbotschaft, denn sie bedeutete dann eigentlich, daß der Czar müde des Plehwe'schen Regimes sei, dessen Spuren Blut und Tränen sind. . . Es verlautete kürzlich, daß in Darmstadt von Verwandten des Czaren der Versuch unternommen wurde, demselben die Wahrheit über die grauenhaften Judenverfolgungen in Rußland bekanntzugeben. Plehwes Abschied wäre der Beweis, daß der Czar in der Tat die Wahrheit erfahren habe. . . Es hieß auch, daß die Czarin schwer erkrankt sei, daß sie tagelang an Nasenbluteu gelitten. Vielleicht erinnerte sich der Czar hiebei an die Ströme unschuldigen Blutes, die in Kischenew geflossen sind. . . .