Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 2 (8.1.1904)
- Date
- 1904-01-08
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2. Die Wahrheit Seite 9. Legangenen Rechtsverletzungen sind so zahlreich, daß das Berufungsgesuch ziemlich umfangreich sein wird. Die wichtigsten bestehen in den widerrechtlichen Einschränkungen der Oeffentlichkeit des Verfahrens. Bekanntlich fand die Verhandlung auf Anordnung des Justizministers bei verschlossenen Türen statt. Während aber die vom Gesetz gewährleisteten Rechte der Zivilpartei und der Angeklagten verletzt wurden, hielt man es andererseits für angebracht, die Vertreter der Gendarmerie und des Ministeriums des Innern zuzulassen, lvas vom Gesetz ausdrücklich verboten ist, da es auf die Unabhängigkeit der Zeugen und des Gerichtshofes selbst störend wirken kann. Eine weitere Rechtsverletzung bestand darin, daß bei der Berkiindigung des Urteils gar keine Vorbereitungen getroffen wurden, um die geschlossenen Türen wieder für das Publikum zu öffnen. So war es möglich, daß die Urteilsverkündigung in Gegenwart Don etwa fünf oder sechs Personen stattsand. Bon wesentlicher Bedeutung war die ausfallende Unvollständigkeit der Voruntersuchung. Wie sich der Untersuchungsrichter Freinat den Zeugen und ihren Aussagen gegenüber benahm, ist bekannt. Ein geschädigter Jude sah eines Tages eine Frau auf dem Markte, die die Stiefel seiner Frau trug. Er zeigte sie dem Untersuchungsrichter an; dieser wollte ihn jedoch gar nicht verhören und gab seiner Anzeige keine Folge, obgleich dieselbe Frau auch von anderen Zeugen bei der Plünderung gesehen worden war. Ein anderer Fall: Es wurde bemerkt, daß die Hauptstätten der antisemitischen Agitation die Wirtshäuser Kronstadt und Moskau waren. Einer der Zivilkläger hatte dem Untersuchungsrichter einen Kellner aus dem ersteren Wirtshause angezeigt. Der Untersuchungsrichter gab auch dieser Anzeige "keine Folge. Und als später einer der Vertreter der Zivilkläger darauf zu sprechen kam, antwortete er gelassen: ..Ach, was wollen Sie: Ich habe festgestellt, daß die Kellner dieses Wirtshauses schon ein paar Tage vor den Kravallen auf den Straßen mit Steinen herumwarfen." (Dabei ist zu bemerken, daß viele Leute der Ansicht sind, daß das Einschlagen der Fenster in den jüdischen Häusern am ersten Ostertage nur den .Zweck hatte, diese Häuser zu markieren.) Ein dritter Fall: Der Untersuchungsrichter kam einmal ins jüdische Krankenhaus, um die verwundeten Juden zu vernehmen. Dabei protokollierte er ihre Aussagen so ungenau, daß die Kranken sich darüber aufregten und die dabei anwesende freiwillige Krankenpflegerin, Fräulein Nerutschew, den Untersuchungsrichter auffordern mußte, das Krankenhaus zu verlassen. Die Staatsanwaltschaft war auch nicht besser. Es wurden ihr von den Geschädigten 3000 Klagen auf Schadenersatz eingereicht, sie .wurden jedoch nicht berücksichtigt, ja nicht einmal dem Untersuchungsrichter überwiesen. Welche Bedeutung die Verzettelung des Prozesses in .zweiundzwanzig Einzelprozesse hatte, ist klar; es wurde dadurch die Gesamtübersicht vernichtet, der Zusammenhang zerrissen, und in einzelnen Fällen wurde es ganz unmöglich, den Grad der Teilnahme des Angeklagten an den Ausschreitungen festzustellen. Bekannt ist auch, wie sorgfältig der Untersuchungsrichter die Spuren der intellektuellen Urheber des Massakres zu verwischen suchte. Einem Zeugen hatte er sogar mit der Reitgerte gedroht, wenn er auf seiner Aussage bestehen würde. * * * Wie aus Odessa unterm 30. v. M. gemeldet wird, ist in Kischenew der Advokat S o k o l o w, einer der eifrigsten Vertreter der Zivilankläger verhaftet worden. Die Verhaftung ist dadurch erklärt worden, daß er der eigentliche Leiter der von den Zivilklügern veranstalteten Privaterhebungen gewesen sei. Sokolow hat neun Monate in Kischenew zugebracht. Er genießt die wärmsten Sympathien in den breitesten Schichten der jüdischen Bevölkerung. Nach dem bekannten Exodus aus dem Gerichtssaal hörte man dies einfache Volk sprechen: „Sokolow bleibt; er wird uns nicht im Stiche lassen." Sokolow war schon bereit, abzureisen, da er in Kischenew nichts mehr zu tun hatte. Es ist kaum anzunehmen, daß die Kischenewer politische Polizei die Verhaftung aus eigenem Antrieb veranlaßt hat; wahrscheinlich hat sie eine Petersburger Ordre befolgt. Ich weiß aus sicherer Quelle, daß man schon lange aus ihn ein Auge hatte, seine großen Konnexionen jedoch ließen die größte Vorsicht geboten erscheinen; Sokolow ist ein Sohn des Hofpriesters des Zaren. Wenn die Vorsicht jetzt fallen gelassen wurde, so ist das sicher aus Anordnung Plehwes geschehen. Es ist hier das Gerücht verbreitet, daß gegen die Verteidiger im Kischenewprozeß weitere Maßregeln der Regierung zur Ausführung gelangt sind, nachdem einer der Hauptverteidiger bereits verhaftet worden ist. Rechtanwalt Kalmonowitsch soll die Ausübung seiner Praxis für zwei Jahre verboten sein. Der Mitarbeiter des Rechtsanwalts Karabtschewski soll aus fünf Jahre in die Verbannung geschickt sein. Verschiedene Nachrichten. Wien. Dienstag. den 5. d., 1 Uhr abends, fand im Zeremoniensaale des Tempels, IX., Müllnergaffe, die Generalversammlung des ifraelitischen Bethausvereines „Chewra-Beth-Hatfilah" im IX. Bezirke statt. Nach Erstattung des Jahresberichtes durch den Präsidenten, Herrn Gottlieb Bettelheim, und Bornahme der Wahlen, entspann sich eine überaus lebhafte Debatte über die Einführung eines Damenchors als Ersatz für den Knabenchor. lieber diese äußerst interessante Diskussion, sowie über den Verlauf der Versammlung werden wir in nächster Nummer ausführlich berichten. Wien. (Zum 10. Todestage Dr. Ielliueks.) Am 28. Dezember v. I. — nach jüdischem Datum ist es der 20. Tebet d. I. — waren es 10 Jahre, daß der gefeierte Kanzelredner Dr. Jellinek seine Augen schloß. In besonders würdiger Weise gedachte Herr Inspektor Professor Kanitz am Sabbath „Wajigasch14 beim Jugendgottesdienst im Tempel der Inneren Stadt des verewigten großen Gelehrten und seiner Verdienste, besonders um die studierende israelitische Jugend, der er seine schönsten Reden widmete. Stehend und voller Spannung hörten die zahlreich anwesenden Studenten den geistvollen Vortrag an, der dem Andenken dieses Großen in Israel galt und tiefen Eindruck machte. Wir wollen bei dieser Gelegenheit ein Wort Dr. Jellineks über „Exhorren an die Jugend" erwähnen: '„Biel mehr Müde geben dem Redner die Borträge an die Jugend, als die an die Gemeinde, da es viel schwieriger ist zur Jugend als zu Erwachsenen zu sprechen." Wien. (Ein Hundertjähriger.) Am 2. d. M. vollendete Herr M o r i z Weiß seinen hundertsten Geburtstag. Die von dem Philantropen Herrn B e ck m a n n gegebene Anregung, den Jubelgreis zu ehren, nahm der „Verein zur Bekleidung armer alter Männer" und sein ausgezeichneter Obmann, Herr Isidor Schwarz, auf und so wurde zu Ehren des Hundertjährigen eine religiöse und eine weltliche Feier begangen. Die letztere stand bereits unter günstigem Zeichen, denn in der Vorwoche hatte der hochherzige Förderer des genannten Vereines, Herr Back, anläßlich der Geburt seines Enkelkindes, im Vereine mit seinen trefflichen Schwiegersöhnen, der Herrn K l e b i n d e r und D e i x n e r, den von ihm begründeten Stistungsfond mit einem ansehnlichen Beitrag erweitert. Die Tempelfeier für den Hundertjährigen, die im Leopoldstüdter Tempel stattfand, war überaus solenn. Dank dem Entgegenkommen des verehrlichen Vorstandes wurde der Jubelgreis zur Thora gerufen und ihm gestattet, die Haftara zu rezitieren, welcher Aufgabe er nach dem von Oberkantor Guttmann selbst verfaßten und vortrefflich rezitierten Mischeberach bestens entsprach. Nun betrat der altehrwürdige Rabbiner Dr. Schmied! die Kanzel und gab in seiner unvergleichlichen Rede die flammenden Beweise rühmlicher Herzensgröße und musterhafter Priesterwürde. Mit vieler Wärme kennzeichnete er auch die Bestrebungen des Vereines zur Bekleidung armer alter Männer, dem er, wie er sagte, mit Stolz angehöre. Das am 3. folgende Bankett in den Bereinsräumen (Sohr's Restauration, Zirkusgasse), welches die Mitglieder, Förderer, Freunde des Vereines und Abordnungen anderer wahlverwandter Vereinigungen (die Herren Frankl und Engel) versammelte, wurde mit einer hinreißenden Rede des Obmannes Isidor Schwarz eröffnet. Noch unter dem Eindrücke der Meisterrede Dr. Schmiedls stehend, führte der wackere Obmann aus, wie man das Alter ehren und die Menschen lieben solle, und seine schwungvollen Ausführungen riefen wahren und gerechten Jubel hervor, der sich noch verstärkte, als dem Greise eine ansehnliche Geldspende überreicht wurde. Isidors Schwarz's große Rührung und Ergriffenheit teilte sich allen Anwesenden mit, und man fühlte intuitiv die Herzensreinheit und Hingebung des für seine Aufgaben erglühten Redners. Nicht minder innig klangen die Worte des Obmannstellvertreters Karl D. I o s k o w i tz, daß der Verein mit seinen Bestrebungen Anschluß bei den jüdischen Frauen, den mächtigsten Agitatoren allen humanitären Strebens, suchen möge. Reicher Beifall lohnte den Redner. Hierauf erhob sich unter gespannter Aufmerksamkeit Prof. Nascher, der sein siegreiches Wort freudig in den Dienst der Menschenliebe stellte, zu einer Apotheose für den greisen' und weisen Seelsorger Dr. S ch m i e d l „an dessen Leuchtfackel — wie er sagte — Redner die winzige Ampel seiner Beredtsamkeit entzündete." Er stellte Alter, Judentum und Wohltätigkeit > als einen harmonischen Dreiklang hin, schöpfte hiefür Belege ans Geschichte, Bibel und Talmud, und führte aus, daß das Judentum nicht verweist