Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 2 (8.1.1904)
- Date
- 1904-01-08
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2. Seite 6. Die Wahrheit gewissen Verbitterung, wenn er sieht, wie wenig Entgegenkommen er gerade bei seinen Glaubensgenossen findet, ob es nun Nationale oder Assimilanten — so nennt man sie ja — sind, ob wir die Herren vom löblichen Vorstande oder die Gemeindemitglieder überhaupt in Betracht ziehen. So ist es schon etwas wichtiges, wenn einer der sehr geehrten Herren Redner immer wieder ans das Wohlwollen der hohen Unterrichtsbehörde hinwies. Dies gefiel freilich gewissen Herren nicht ganz, es machte sie etwas nervös, sie traten aus ihrer manchmal lethargischen Reserve hervor; vielleicht war es die Stimme eines nicht ganz rnhigen Gewissens, die sie an gewisse unersüllte Pflichten mahnte, ab eigesund mar schon diese Aufrüttelung, obgleich wir uns von ihr gar nichts versprechen. Es wird viel aus einem solchen Verbandstage gesprochen, aber ich meine, es sind keineswegs leere Worte, die man hier hört. Eine solche gründliche Aussprache tut not. Man sagt einander, wo der Schuh am meisten drückt. Und manches Wort fallt wie ein fruchtbringendes Samenkorn auf einen aufgewühlten Ackerboden, und manche Rede verklingt nicht, wie leerer Schall, sie wird vielmehr der Ausgangspunkt für eine segenbringeude Tätigkeit. So rufen wir denn auch dem Verbände der jüdischen Religionslehrer an unseren Mittelschulen zu: „Der Worte ist genug gewechselt, nun lasset uns auch Taten sehen'; manches hat unser Verband schon durchgesetzt, vieles ist aber auch noch zu tun. Vor allem lassen wir alle kleinlichen Eifersüchteleien und Nörgeleien. Schon 2000 Jahre vor Schiller ruft Ezechiel seinem Volke zu: „Wehoju leadiodim“, d. h. „seid einig?" Und seid stark in der Eintracht. Hamaskil. A«s dev Wiener Kultusgemeinde. So ist also leider dennoch die Demission des Präsidenten der Wiener Kultusgemeinde, Herrn kaiserl. Rat Heinrich Kling er, von welcher der I. Vizepräsident, Herr Dr. Alfred -Stern, in der Plenarsitzung vom 6. Jänner offizielle Mitteilung machte, zur Tatsache geworden. Schon vor 2 Jahren hatte kaiserl. Rat Klinger die Absicht, mit Rücksicht auf seine geschwächte Gesundheit von seinen Ehrenamte zurückzutreten, aber auf dringliche Vorstellungen seiner Vorstandskollegen, die sein weiteres Verbleiben im Amte als im hervorragendsten Interesse der Gemeinde gelegen, hinstellten, fand sich der von einem seltenen Pflichtgefühl beseelte Präsident bestimmt, noch weiter auszuharreu und im Dienste der Allgemeinheit große persönliche Opfer zu bringen. Die Präsidentschaft Heinrich Klingers fällt in eine bedeutungsvolle Epoche der Wiener Kultusgemeinde. Ihr Wirkungskreis erhielt im letzten Jahrzehnte eine gewaltige Ausdehnung, große, segensreiche Institutionen wurden geschaffen und die weitesten Kreise der Gemeinde zur Verwaltung derselben herangezogen. Um den erhöhten Anforderungen zu genügen, bedurfte es naturgemäß auch großer materieller Leistungen seitens der Gemeindemitglieder, und daß diese beschafft und das in früheren Jahren gestörte Gleichgewicht im Gemeindehaushalte hergestellt wurde, ist nicht zum geringen Teile auch ein Verdienst des abtretenden Präsidenten, dessen Wirken in den Annalen der Wiener Kultusgemeinde unvergeßlich bleiben wird. In den Dank, welcher ihm hiefür in der am 6. Jänner stattgehabten Vorstandssitzung einstimmig votiert wurde, werden gewiß auch alle Mitglieder der Gemeinde einstimmen. Im Nachstehenden geben wir den Bericht über die letzten drei Vorstandssitzungen: Im Einlaufe der Plenarsitzung vom 30. Dezember 1903, unter dem Vorsitze des Präsidenten kais. Rat H. Klinger (Beginn V26 Uhr abends), befindet sich eine Zuschrift des Kultusministers Dr. Härtel, mit dem Danke für die ihm seitens des Kultusvorstandes bekundete Teilnahme anläßlich seiner Erkrankung. An Spenden werden bekanntgegeben: Von Herrn L. Breitauer für besonders bedürftige Arme, aus Anlaß des Todestages seines Vaters K 300.—, Sammelspende des Herrn i Dr. Berger für die Schulküche in der Brigittenau K 69.—, | von Herrn Max Hiller für die Chanukafeier im Versorgungs-! Hause K 50.— , Sammelbüchse int Stadttempel K 173.63, I Sammelbüchse im Tempel XV K 338.48, Tempelspende | I. Bezirk, am 24./12. 1903, von 4 Personen K 170.—, j Tempelspende XV. Bezirk, am 26./12. 1903, von 6 Personen - K 69.—.; Im Präsidialberichte gibt der Vorsitzende den Kassastand! der Gemeinde und die Einnahmen derselben aus den ver- : schiedenen Titeln in der Zeit vom 1. Jänner 1903 bis j 29. Dezember 1903 bekannt, unter Vergleich mit den diesbezüglichen Daten des Vorjahres, und läßt sodann eine j Zusammenstellung statistischer Daten, betreffend die Administration! der Knltnsgemeinde in dem zu Ende gehenden Kalenderjahre i unter den Vorstehern zirkulieren. Ans dieser statistischen! Zusammenstellung sei hervorgehoben:! Im Jahre 1903 fanden 25 Plenar-, 88 Vertreter- und! 92 Kommissions- und Komitee-Sitzungen, sowie 19 Sitzungen I der Schützungskommission und der Steuerbezirks-Kollegien statt, j Im Einlaufe befanden sich rund 16.500 Stück gegen 13.000 j im Jahre 1902 und 12.000 im Jahre 1901. Religionsunterricht wurde erteilt an 148 Volks- und Bürgerschulen von 7ö Lehrern, an 29 Mittelschulen von 15 Lehrern; ferner Privat-Religionsnnterricht an 5 Bibelschulen der Knltnsgemeinde, 7 Privatbibelschulen, 1 Talmudschnle und 7 Leseübungsschulen der Knltusgemeinde. Der Jugend-Gottesdienst wurde abgehalten in 5 Gemeinde- und 8 Vereinsbethäusern für Volks- und Bürgerschüler, ferner in 5 Gemeindebethünsern für Mittelschüler. Der Prüfung für das Religionslehramt an Volks- und Bürgerschulen unterzogen sich 20 Kandidaten, an Mittelschulen 2 Kandidaten. Beerdigungen fanden bis 28. Dezember 1903 statt: 827 gegen Entgelt und 1316 unentgeltlich. Weiters gibt der Präsident bekannt, daß er vor einigen Tagen einer Sitzung des Kuratoriums der Pollak v. Rndinffchen Familienstiftung beigewohnt habe, da im Sinne der stiftbrieflichen Bestimmungen diesem Kuratorium der jeweilige Präsident der israelitischen Kultusgemeinde angehöre. Die ihm stiftbriefgemüß zustehende Präsenzgebühr per K 200.— widme er zu wohltätigen Zwecken und zwar K 120.— der Armenanstalt und X 80.— dem Wöchnerinnenverbande. Vorsteher Salo Kohn berichtet über den Verlauf der Generalversammlung des Mariahilfer Tempelvereines, welcher er als Delegierter des Kultusvorstandes beigewohnt hat. Dev Bericht, welcher sich über die Leitung des Tempelvereines unter dem Präsidium des Herrn Max Fleischer in besonders anerkennender Weise ausspricht, dient zur befriedigenden Kenntnis. Kais. Rat Dr. Lieben referiert über die M. L. Biedermann- Waisenstiftung. Der vorgelegte Rechnungsabschluß für das Jahr 1903 wird genehmigt, und der Bericht des Kuratoriums, sowie die Anträge desselben betreffend die Verleihung der Zinsen für das Jahr 1904 angenommen. Weiters wird die .Jonas Königswarterffche Theologenstiftung entsprechend den Anträgen des Kuratoriums der israel. theol. Lehranstalt und des für diese Stiftung bestehenden Komitees an zwei Hörer der israel. theol. Lehranstalt verliehen. Hierauf werden Personalien in Betracht gezogen. Im Laufe der Sitzung hat Vize-Präsident Dr. Stern an Stelle des Herrn Präsidenten, kais. Rat H. Klinger, welcher durch Unwohlsein verhindert war, dem weiteren Verlaufe der'Sitzung anzuwohnen, den Vorsitz übernommen. (Schluß der Sitzung V2IO Uhr abends.) In der Plenarsitzung des Kultusvorstandes vom 3. Jänner 1904 unter dem Vorsitze des I. Vize-Präsidenten Dr. Alfred Stern wurde das vorgelegte Projekt des Tempelbauvereines für den XIX. Bezirk in eingehende Beratung gezogen. Bei voller Anerkennung der Verdienste des Tempelvereines, -dessen eifrigstes Bemühen dahin gerichtet ist, im