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Die Wahrheit · 1904-01-08 · Heft 2 (8.1.1904) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 2 (8.1.1904)
Date
1904-01-08
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 2. Die Wahrheit Leite 5. Der Respekt vor dem Cide. Der Herr Bürgermeister Dr. Lueger hat, seiner zum System erhobenen Gewohnheit getreu, auch bei der jüngsten feierlichen Lehrer-Beeidigung es nicht unterlassen, mit dem ihm eigenen Pathos die Lehrer an die Heiligkeit des Eides zu erinnern. Fürchtet der Herr Bürgermeister nicht, daß bei einer solchen Gelegenheit einmal ein kouragierter Mann auch ihn daran erinnern könnte, daß der Bürgermeister von Wien bei seiner Bestätigung gleichfalls einen heiligen Eid leisten mußte? Und zwar einen Eid, in welchem es u. A. ausdrücklich heißt, daß der Bürgermeister im Sinne der bestehenden Gesetze seines hohen Amtes walten, also auch keinen Unterschied der Konfession und der Abstammung kennen werde? Der Herr Bürgermeister Dr. Lueger hat sicherlich den Mut, die kühnsten Behauptungen auszustellen, daß aber seine Amtsführung mit den Prinzipien der von dem Gesetze gewährleisteten Gleichberechtigung der Konfessionen vereinbar sei, diese Behauptung dürfte selbst er nicht wagen. Welche Antwort würde er wohl dem Lehrer geben,, der ihn an die Heiligkeit des Eides zu erinnern sich erlauben möchte? Mommsen und die Antisemiten. Anläßlich des Todes des großen Historikers, dem die Größten des deutschen Volkes, Kaiser Wilhelm an der Spitze, den Zoll der Bewunderung und Verehrung nicht vorenthielten, war den Antisemiten die Erinnerung an den lapidarischen Ausspruch Mommsens besonders peinlich: ,.D e r A n t i s e m i t i s m u s i st die Gesinnung der Kanaille." Das historisch feststehende Wort nach dem Tode Mommsens abzuleugnen, war nicht möglich, dafür hatte Mommsen bei Lebzeiten gesorgt. Da wird nun neuestensin der antisemnischen Presse der Versuch gemacht, die Wirkung dieses Mommsen'schen Wortes durch ein andere Zitat aus dessen Werken abzuschwächen. Die antisemitischen Organe befleißen sich ausfallend, bei jeder Gelegenheit das Wort Mommsen's zu zitieren, wonach die Juden „einen Staat im Staate" bilden. Die Herrn verschweigen hiebei krampfhaft, daß dieser Ausspruch in Mommsens „Römische Geschichte" steht und auf eine längst überwundene Vergangenheit sich bezieht. Zn den Uerhnndlnngen des Religionstehrertages. „Grau, teuerer Freund ist alle Theorie, nur grün des Lebens goldener Baum." Diesen Text aus der Bibel des Altmeisters Goethe möchten wir an die Spitze unserer Bemerkungen stellen, wenn wir die Verhandlungen des Verbandstages der israelitischen Religionslehrer an unseren Mittelschulen, der am 27. und 28. Dezember 1903 in Wien' stattfand, gleichsam aus der Vogelperspektive objektivster Unbefangenheit betrachten. Die Mittelschullehrer sind meist ideale Menschen, vielleicht werden manche sogar sagen, unpraktische Leute; gehört doch viel Idealismus dazu, einen Beruf zu erwählen, der viel Mühe, ungeheuere Anstrengungen mit sich bringt, sehr wenig Ehren und — was wohl auch ziemlich ins Gewicht fällt — ein sehr geringes materielles Auskommen gewährt. Zu den idealsten Vertretern dieses Standes gehört aber, wie mir namentlich nach den letzten Verhandlungen scheinen will, der israelitische, oder, wie man jetzt lieber sagt, jüdische Religionslehrer. Denn selbst über die Namensfrage ist man nicht einig, wenn man über unseren Religionsunterricht spricht. ,ll68od omrim“, einige reden nämlich auch von mosaischer Religionslehre. Aber „Namen sind Schall und Rauch"; und so bleiben wir bei der Sache. Daß natürlich, wenn Lehrer, besonders Religionslehrer, und namentlich, wenn solche unseres Bekenntnisses zusammenkommen, die Meinungen etwas hart aufeinanderstoßen, dies zu bemerken, halte ich für ganz überflüssig. Es gibt übrigens auch unter uns große und kleine Schweiger, heiße Debatter. Obstruktionisten, gefürchtete Dauerredner und höchst temperamentvolle Zwischenruser im Streite, die es dem „sehr geehrten" Redner wahrlich nicht leicht machen, die wohleinstudierte Rede über sehr vieles und manches andere ruhig, wie er es sich vorgenommen, vom Stapel zu lassen. Und nun zur Begründung der aufgestellten These vom Idealismus der Religionslehrer. Ich greise da aus gut Glück einige von manchen Rednern behandelte Gegenstände heraus. Es wurde viel gesprochen von dem Verhältnisse der Religionslehrer zum Staate einerseits, und zu den löblichen Gemeinden andererseits. Mir stillem Beobachter kam es vor, als meinten die sehr geehrten Herren Redner, die hohe Unterrichtsverwaltung, die übrigens ihr nicht genug hochznschätzendes Wohlwollen den jüdischen Religionslehrern an unseren Mittelschulen zuwendet, hätte keinen anderen Kummer, als den, was in unseren Religionsstnnden gelehrt werde. Ich kann die Herren beruhigen, darum kümmert sich die Staatsbehörde sehr wenig, ihr ist es mehr darum zu tun, wie der zu behandelnde Lehrstoff durchgenommen wird. Sie wünscht, daß die mosaische Religionslehre keine Ausnahmsstellung einnehme, daß, mit einem Worte, auch bei uns alles in Ordnung sei. Disziplin, sorgfältige Verteilung des Lehrstoffes, gesetzliches öfteres Prüfen der Schüler, Verhinderung des so beliebten „Schulschwänzens", weise Ausnützung der nur so kurz bemessenen Lehrzeit, Anhalten der Schüler zu den religiösen Hebungen, das ist Einführung einer obligatorischen Exhorte, aber auch ihre regelmäßige Einhaltung, nicht allzumildes aber auch nicht allzustrenges Vorgehen bei der Zensur der Schüler, ein vernünftiger, womöglich einheitlicher Lehrplan, wirklich gute Schulbücher, wissenschaftliche und sittliche Qualifikation der Lehrer, Vertrautheit mit dem vorgetrageuen Lehrstoffe, wenn man auch nicht alle „Hawajoth" von Abaje und Rabba kennt, feiner pädagogischer Takt, das sind so ewige Anforderungen, welche die Unterrichtsverwaltung auch an den jüdischen Religionslehrer stellen zu müssen glaubt. Um es kurz zu sagen: sie will wirklich den jüdischen Religionsunterricht allen anderen Gegenständen gleichstellen. Was nun die löblichen Gemeinden anbelangt, so meine ich allerdings, daß sie, d. h. einige ihrer Mitglieder wenigstens wünschen, es möge in den zwei Stunden soviel gelehrt werden, als der Knabe in früheren Jahren während des ganzen Tages an Uebung des religiösen Lebens kennen zu lernen Gelegenheit hatte. Aber die Herren Idealisten unter uns geben sich auch da einer großen Täuschung hin, wenn sie meinen, das Interesse für den Religionsunterricht und den Religionslehrer sei ein großes und tiefgehendes. Die meisten unserer „Glanbensbrüder" sind froh, wenn ihre Kinder wenig mit dem häuslichen Studium in der Religionslehre behelligt werden. Der Herr Lehrer der mosaischen Religion wird von den sehr geehrten Eltern nicht immer mit auserlesenen Kosenamen bezeichnet, sein Gegenstand als ein notwendiges Uebel betrachtet, und eine „Verschandelung" des Zeugnisses durch eine minder gute Note aus der Religionslehre als ein Vorgehen des Religionslehrers hingestellt, das nicht schwer genug geahndet werden kann. „Meine Herren Idealisten," so möchte ich die Herren Lehrer der Religion ansprechen, ..gebt Euch keiner Täuschung hin, auch über uns schreitet die Zeit hinweg. Unser Judentum, das wir lehren, ist ein edles, unser Kämpfen ein gewaltiges, ein Ringen gegen die Vorurteile der Zeit, aber mir Veränderung der Worte Walters von der Vogelweide können wir ausrusen: ..Wo sind die Juden zu finden, die sich zu einem solchen idealen Judentum bekennen?" Es ist ja richtig, der Lehrer hat sich um die vielfachen Strömungen im Judentum nicht zu kümmern, er hat vor allem zu lehren, zu unterrichten, zu unterweisen, die Jugend zu erziehen, sernzuhalten von der Schule jedes Zeichen des Kampfes, durch den unser Judentum, heute mehr denn je, zerrissen ist, die Schule sei die Stätte idealsten Friedens, des Gottesfriedens, den unsere Religion verkündet. Und doch, die Verhältnisse sind oft stärker als der Einzelne. Und da erfüllt es oft den jüdischen Religionslehrer mit einer

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