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Die Wahrheit · 1904-01-08 · Heft 2 (8.1.1904) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 2 (8.1.1904)
Date
1904-01-08
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheil Nr. 2. Ueberzeugung dem Zwecke des Friedens, dem Willen der Menge untergeordnet. Dieser mußte vor allem gewahrt und erhalten bleiben. Es ist mir, dem es vergönnt gewesen, durch 28 Jahre neben und mit Dr. Adolf Jellinek zu wirken, dieser höhere Zug seiner Seele als der schönste Beweis seines gottbegnadeten Priesterberufes erschienen. Ich muß an das Textwort des sterbenden Patriarchen Jakob auknüpfen. welcher seine 12 Söhne um sich versammelt sieht und ihnen eindringlich und mit so viel Nachdruck zurust: VersammeltEuch, Ihr Söhne Jakob, s ch a r e t E u ch u m I s r a e l. E u r e n V a t e r! Gibt es ja genug Meinungsverschiedenheiten unter den Mitgliedern einer Körperschaft, ja selbst in einer aus nur wenigen Personen bestehenden Familie. Aber im Hinblicke aus die Eltern, diesen Zentralpunkt der Familie, im Hinblicke aus den die Gesamtheit erhaltenden Frieden, hat jede abweichende Meinung zurückzutreten. Dies ist auch der tiefere Sinn des Zurufes Jakobs an seine Kinder. In diesem Geiste handelte und wirkte auch Dr. Adolf Jellinek. Mit Recht sagen die Weisen: Gott hat kein anderes Gefäß gefunden, welches einen größeren Segen in sich faßte, als den Frieden. Und in diesem Geiste sollen auch wir bestrebt sein, innerhalb unserer Gemeinde den Frieden zu wahren und zu erhalten. Viele meinen, daß sie allein die Träger und Förderer des Judentums seien, und möchten ihre Anschauung als allein maßgebend hinstellen. Aber der Friede der Gesamtheit geht doch über alles und in diesem großen Bestreben wollen wir alle uns einigen im Sinne und Geiste Dr. Adolf Jellineks, dessen Andenken gesegnet sei, Amen! In der Plenarsitzung des Wiener Kultusvorstandes vom 6. Jänner gedachte der Vorsitzende, I. Vizepräsident Dr. Alfred Stern, Dr. Adolf Jellineks mit folgenden eindrucksvollen Worten: „Bevor wir an die Erledigung unserer Tagesordnung gehen, liegt mir die Pflicht ob, eines großen Todten in Israel zu gedenken, dessen Sterbetag nach unserer jüdischen Zeitrechnung sich binnen zwei Tagen, an dem dieswöchentlichen Freitag, zum zehnten Male jährt. Am 28. Dezember 1893, nach jüdischer Zeitrechnung am 20. des Monates Thebet 5654, ist der große Meister der Wissenschaft, der Lehre und Rede, Dr. Adolf Jellinek, aus dem Leben geschieden. Wenige Tage vorher, am Sabbath Wajechi, an dem Sabbate, da diese Paraschah gelesen wird, welche mit dem Worte des Lebens beginnt und ihrem ganzen Inhalte nach zu einer Apotheose des Todes und des uns eigenen treuen Festhaltens pietätvoller Erinnerung an unsere Dahingeschiedenen sich gestaltet, hat Dr. Jellinek von der Kanzel hier in diesem Hause zum letzten Male der andächtigen Menge Gottes Wort verkündet, und an dem Vorabend desselben Sabbates ist vor wenigen Tagen von der Kanzel hier in diesem Hause, wie in allen unseren Wiener Gemeindetempeln sein Gedächtnis gefeiert worden. 36 Jahre hat er in unserer Gemeinde des Lehrer- und Predigeramtes gewaltet. Es liegt mir nicht ob, ich wäre es auch nicht im Stande, seine Bedeutung als Meister der jüdischen Wissenschaft entsprechend zu würdigen. Wohl aber ist in mir unverlöschlich der Eindruck, den so manche seiner Meisterreden auf mich, gleichwie auf seine vielen Zuhörer übte, so eine seine ersten Reden hier bei Legung des Schlußsteines im Leopoldstädter Tempel vor 45 Jahren, am 15. Mai 1858, da er diesen Stein als den „Ewen liaeser“ bezeichnet^ den Stein des göttlichen Beistandes, der göttlichen Hilfe, nach der wir damals — es war für uns eine sehr böse Zeit — Alle seufzten; der Eindruck der Reden, in welchen er die Gemeinde zur Einigkeit, zum Frieden, zum treuen Festhalten, zur Uebung der Wohltätigkeit mahnte. „Lasset uns nicht müde werden" — so sagte er — „das Wahre, Rechte und Gute zu fördern, wo und wann wir es können. Erfteuen wir uns auch nicht eines schnellen Erfolges und wird unser Streben auch nicht sofort verwirklicht und genießen wir auch nicht die Früchte unserer Aussaat, so müssen wir dennoch treue Diener der Wahrheit bleiben und unsere Hoffnung auf die Zukunft, auf die kommenden Geschlechter setzen." Das sind die Worte, die er (Redner zeigt auf das im Sitzungssaale befindliche Bild Jellinek's) auch heute an mich, der ich an der Neige meines Lebens stehe, richtet, die er an uns Alle richtet, die wir hier am Beratungstische für die Zukunft unserer Glaubensbrüderschaft zu sorgen die heilige Pflicht haben und diese auch üben. Sein Andenken sei gesegnet!" Ans der Woche. Arische Aerzte. Wir haben vorige Woche an dieser Stelle auf den ergötzlichen Irrtum hingewiesen, der dem „Deutschen Bolksblatte" bei Abfassung seiner Liste der christlichen und arischen Aerzte in Wien widerfuhr. Die Empfehlung eines jüdischen Arztes, der zumeist als Operateur bei „rituellen" Funktionen in jüdischen Häusern fungiert, hat große Heiterkeit erregt. Von anderer Seite wurde aber auch daran erinnert, daß unter den „arischen Aerzten". für welche das „Deutsche Volksblatt" schwärmt, in erster Reihe Herr Dr. Kaspar Schwarz sich befindet, der bekanntermaßen von unverfälscht jüdischer Ab - st a m m u n g i st. Der Großvater und der Vater des Dr. Kaspar Schwarz wurden im Mühlviertel allgemein nur „Haarjuden — eine Bezeichnung, die sich auf ihre geschäftliche Tätigkeit bezog — genannt. Herr Dr. Kaspar Schwarz, der getaufte Abkömmling dieser ..Haarjuden", hat es inzwischen allerdings bis zum Obmann des „katholischen Schulvereines" gebracht; aber das genügt wohl doch nicht, um in seiner Abstammung nicht ein — Haar zu finden, das ihn zumindest in der Liste „arischer" Aerzte als eine etwas komische Figur erscheinen läßt. * * Uebrigens erfordert die Gerechtigkeit das Zugeständnis, daß Dr. Kaspar Schwarz unter den „arischen" Medizinern eine ebenso würdige Position einnimmt, wie etwa die Herren Doctores juris Löw und Porzer unter Wiens „arischen" antisemitischen Advokaten. Die Abstammung hat auch diesen Herren in den christlich-sozialen Kreisen, zu deren führenden Geistern sie zählen, nichts geschadet. Vielleicht werden aber demnächst die Schwarz, Löw, Porzer re. dazu herhalten müssen, von dem „Deutschen Volksblatt" als Beweis für die von den Antisemiten immer wieder behauptete Tatsache angeführt zu. werden, daß wirklich „alles verjudet" sei, auch der Antisemitismus. Christlich-soziale Lehrer. Ein Lehrerprozeß, in welchem der Charakter einiger in Wien zu besonderer Geltung und Ansehen gelangter ch r i st l i chsozialer Lehrer in eine eigenartige Beleuchtung gerückt wurde, hat dieser Tage die öffentliche Aufmerksamkeit erregt. Insbesondere der Bürgerschuldirektor Karl Prohaska, der in der antisemitischen Aera weniger wegen seiner pädagogischen als seiner parteipolitischen Verdienste eine rasche, glänzende Karriere machte, erschien nach den Zeugenaussagen als ein Mann, der in der von ihm geleiteten Schule geradezu eine „Schreckensherrschaft" etabliert hatte. Die Wirksamkeit des Herrn Direktors wurde damit bezeichnet, daß sie „Recht und Gesetz mit Füßen trete" und der Vorwurf des Denunziantentums und der Gewinnsucht war noch einer der gelindesten, der ihm von vielen Seiten gemacht wurde. Auch ohne Rücksicht auf das Urteil in dem Prozeß mußte es klar werden, daß einem Lehrer, über dessen moralische Qualitäten von unter seiner Botmäßigkeit stehenden Lehrern ein solch vernichtendes Urteil gefällt wurde, in der Lueger-Aera die schönste Karriere gesichert war. Terrorismus, Mißachtung von Recht und Gesetz, Favorisierung des Denunziantentums — das sind ja auch die charakteristischen Merkmale des christlich-sozialen Regimes.

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