Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 1 (1.1.1904)
- Date
- 1904-01-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. Die Wahrheit Nr. 1. Verfasser die ideale Berechtigung, seine Predigten dem Drucke zu übergeben, nicht blos durch originelle Ideen und die förmliche Eigenart dokumentiert, sondern auch durch den Umstand, daß diese Predigten eine Resonanz der Zeitströmungen und Zeitstürme bilden, die über die Juden in Rumänien hinweggehen. Um die Eigenart dieser Predigten näher zu bezeichnen, sei deren aphoristische Abrundung der Gedanken, die von selbst eine gewisse Kürze bedingt, hervorgehoben. Diese Gedanken bewegen sich nun nicht blos in den Grenzen der Schriftauslegung, der Zitierung und Anwendung von Midraschstellen, der Deutung religiöser Vorschriften und Bräuche, sondern ziehen ebenso einerseits chassidische Anklänge (S. 11, 12) als auch solche der Profanliteraturen in ihren Bereich. Kein Zitatenkram, noch sonst irgend ein gelehrter Apparat stören die angenehme Spannung, in der diese Reden den Leser zu erhalten wissen. Einzelnen Redewendungen und Allsdrucksweisen, wie „Apostel der Thora", „Kulturmissionäre", merkt man die Umarbeitung an, die aus ursprünglichen Predigten Zeitungsartikel gemacht hat. Die Kasualreden, die ein Stück Zeitgeschichte darstellen, vereinigen idealen Sinn, praktische Klugheit mit schwungvoller Beredsamkeit. Um auf einzelne besonders hinzuweisen: Die Eröffnungsrede bei dem Kommunitäten- Kongreß, dem rumänischen Gemeindebunde, ist ein Meisterwerk würdevoller Agitation; die „Ansprache, gerichtet an die Beterversammlung in der Zentralsynagoge zu Jassy anläßlich der Krankheit des Prinzen Ferdinand von Rumänien" ist ein Kabinetstück kunstvollen Taktes, das man lesen muß, um es zu bewundern. Wir begrüßen in dem „Sichron Nahum" eine interessante, wahrhaft wertvolle Bereicherung der homiletischen Literatur, für welche dem Verfasser unser wärmster Dank gebührt. Dr. S. G-. Feuilleton. König in ßst st «r. Eine Ghettogeschichte von Dr. Max Grüufeld. I. Reb Awrom Pulitzer streckte sich behaglich auf der Ofenbank aus. Was hätte er auch am Sabbath-Nachmittage vordem Mincha-Gebete besseres tun können? Zwar fehlte ihm die allerdings schwer entbehrte Tabakspfeife, aber es gibt doch kein behaglicheres Hochgefühl, als nach trefflicher Mahlzeit, im Bewußtsein, seinem Gotte fromm am Vormittage gedient zu haben, sich auf der Ofenbank zu dehnen, die Glieder zu recken und zu strecken, und dabei heitere Liedchen zu singen zum Preise desjenigen, der uns die Sabbathruhe gespendet. Freilich, eine Pfeife Tabak würde gut schmecken und zur Verdauung nicht unwesentlich beitragen; aber nur der gehört zum auserwählten Volke, der dazu erzogen wird, Enthaltsamkeit zu üben, und nicht den Begierden des Herzens und des Auges uachzugeben. Also dachte Reb Awrom, ebenso wohl auch der Bochur Mayer, der am Tische saß und sogenannte „geschwellte Erbsen", eine nach der anderen, in den finsteren Schlund seiner Speiseröhre verschwinden ließ, ..geschwellte Erbsen", die, nach der Aussage bewährter Autoritäten, ganz vortrefflich den Tabak ersetzen sollen. Und wenn er für Augenblicke in seiner gastronomischen Tätigkeit stille hielt, stimmte er ein in Reb Amroms Weise: „Fels, der uns gespeist, gepriesen seist du starker Gott." Und dann wieder: „Wenn zurückführt der Herr die Gefangenen Zions." Und so ging es fort im melodischen Zwiegesang. Awroms Antlitz leuchtete vor Freude, und Mayer ließ immer mehr Erbsen verschwinden. Dazu heulte draußen der winterliche Sturm und peitschte dicke Schneeflocken an die mit Eisblumen bedeckten Fensterscheiben. Desto behaglicher war die Wärme in Awroms Stube. „Was sagt Ihr, Mayer," wandte er sich nun an den rastlos kauenden Bochur, „was sagt Ihr zu dem neuen Vorbeter und Lehrer, den wir angestellt haben? Was, der singt, daß es dem lieben Herrgott Wohlgefallen muß? Das war heute eine Keduschah! Man hat fast über dem Gesänge die Kält' vergessen, die in Schul' herrschte. Eine schöne Stimme, sage ich Euch, Mayer, hat er und ein ordentlicher Mensch soll er auch sein. Nun, wir können solche Leute brauchen, die uns an Sabbathen und Feiertagen ein Vergnügen antun in Schul', und welche die Kinder gut unterrichten in der Thora. Ich bin mit dem Manne zufrieden." ..Aber ich nicht ganz," begann Mayer Bochur, während er eine ganze Ladung Erbsen mit unheimlicher Geschwindigkeit hinabgleiten ließ. „Er leient (liest die Thora) nicht-ganz ohne I Greisen (Fehler)." Wie man sieht, war Mayer Bochur ein Kritikus, wie es deren bekanntlich in unserer Mitte viele gibt, und ich will nun die geneigten Leser mit dieser Persönlichkeit etwas näher bekannt machen. Mayer hatte die Fünzig überschritten, war aber ein Junggeselle geblieben, wie sich dies auch in dem Epitheton ausdrückt, das ihm die Gemeinde gegeben; er war ein, wenn auch etwas ältlicher Bochur. Wodurch sich Mayer besonders hervortat, das war fein geradezu phänomenaler Appetit. Mayer hatte immer Hunger, und ach, oft nicht das nötige, um ihn zu stillen. Er lernte sein Blatt Gemarah vortrefflich, darin hatte ihn sein seliger Vater unterrichtet, der vor Jahren Dajan (geistlicher Richter) in der Gemeinde gewesen. Reb Heschel, so hieß dieser ehrwürdige Mann, verstand es zwar, die Schätze zu sammeln, die im Talmud aufgespeichert sind, aber seinem Sohne hinterließ er nichts als seine Folianten. In diesen studierte Mayer fleißig, Tag und Nacht, während sein Magen bei diesem Studium in allen Tonarten knurrte. Wohlhabende Gemeiudemitglieder pflegten Mayer, auf die Gefahr hin, daß dieser alles wegaß, was zu Tische kam, zum Essen einzuladen, besonders an Sabbathen, und dann erfreute sie der Bochur mit „einem Stück Thora". Er tauschte, wie er sagte, für das Mehl die Thora ein. Zu seinen hervorragenden Gönnern gehörte Reb Awrom Pulitzer, Privatier und Besitzer einer schönen Tochter, mit Namen Rosl. Reb Awrom besaß einige von jenen Gütern, die zwar vergänglich sind, aber dennoch zur Behaglichkeit des Daseins nicht wenig beitragen. In seinen jüngeren Jahren betrieb er einen ziemlich einträglichen Handel mit Leinwand und anderen zur Bekleidung des Menschengeschlechtes ' unumgänglich nötigen Waren. Nach großen Schätzen und Reichtümern mar sein Streben nie gegangen. Als ihm daher das unerforschliche Geschick seine treue Gattin Hannah genommen, die ihm eine zärtliche Tochter Rosl hinterlassen hatte, gab er sein Geschäft auf; für sich besaß er genug, und auch Rosl konnte er eine stattliche Mitgift geben, wenn sich der rechte Mann träfe, der sie auf dem Lebenswege begleiten sollte. Aber das nahm sich Awrom vor, der Gatte seiner Tochter müsse ein gebildeter Mensch fein, wenn möglich irgend ein Doktor. Die Fakultät war ihm gleichgiltig. Der Schwiegersohn werde nicht viel verdienen müssen, dafür hatte der Schwiegervater gesorgt, er solle nur mit dem Titel die eheliche Verbindung gleichsam heiligen, wie die Flagge die Ladung deckt. Awrom war nämlich ein gewaltiger Am-Hoorez. Sein Vater, ein armer Hausierer, hatte ihn wenig oder gar nichts lernen lassen. Von seiner frühesten Jugend an mußte er verdienen, um die Not des Daseins wirksam bekämpfen zu können. Und er hatte sich durch eigene Kraft zu einem wohlhabenden Manne emporgeschwungen. Einen Sohn hatte er nicht, dem er sein Vermögen hätte vererben können, und so sollte seine Tochter an der Seite eines gebildeten Mannes sorglos, -soweit das der Mensch voraussehen kann, ihr Leben genießen. Vor der Bildung hatte der einfache Awrom einen gewaltigen Respekt. Natürlich schätzte er vor allem die Talmudgelehrsamkeit. Mayer Bochur, der ewig Hungrige, war ihm das Ideal eines Lamdon (Talmudgelehrten.) Aber Awrom hatte einen viel zu nüchternen Geist, als daß er nicht eingesehen hätte, mit der Talmudweisheit sei das Gebiet des Wissens nicht ganz abgeschlossen. Viele Söhne der Gemeinde studierten bereits auf dem Gymnasium und der Universität, kamen als Doktoren nach Hause, und einen solchen Doktor hätte er sich am liebsten „eingesetzt". (Fortsetzung folgt.)