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Die Wahrheit · 1904-01-01 · Heft 1 (1.1.1904) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 1 (1.1.1904)
Date
1904-01-01
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Oesterr.-ungar. Cantoren-Zeitung. Ur. 1. Seilage M Zeitschrift ^Vie Walirheit". 84. Zahrg. Im Interesse der Erhaltung des Fachblattes! werden die geehrten Herrn Cantoren dringendst - ersucht, das Abonnement umgehend zu erneuern! und auch an den Begleich der Rückstände zu denken. : Die Administration, j (|Duol'ilntioneit des öfterr.-ung. Simtoreu-Heteines. j Der Vorstand des österr.-ungar. Cantoren-Vereines hat! sich in den letzten Sitzungen mit wichtigen Standesfragen und den Vorbereitungen für die Sulzer-Centennar-Feier beschäftigt! und wird über den letzteren Punkt in der nächsten Nummer! dieses Blattes und über ersteren in dem demnächst erscheinenden; Jahresberichte ausführlich berichtet werden.! An Mitgliedsbeiträgen sind eingegangen: Brunner, Jglau > L 1.50; Haas. L.-Szt.-Miklos, L 3; Friedl, Dürmanl. K 8; j Weiß, Zobitschau, K 2; Dnnmann, Wien, K 10; Rothwein, ' Wien, K 6. ' Die P. T. Mitglieder werden dringendst ersucht, zum j Jahresschlüsse die rückständigen Beiträge an den Vereinskassier, I Herrn Obercantor M. Schorr, Wien, II., Ob. Donau- \ st raße 47, einzusenden. Zur Aufklärung diene, daß die Auf-! nahmsgebühr K 4 und der Jahresbeitrag K 8 beträgt. j Der V o r ft a n d. __-_ _ __ { Die traditionelle Musik des! Judentums. Von E. I. Stark, Obercantor der Gemeinde „Emanu-El", in San Francisco, i Californien.! Man nennt die Musik mit Recht den Dolmetsch der! Gemütsbewegungen, und es läßt sich daraus wohl wieder j folgern, daß sie ihre Mission besonders dann gut erfüllt, wenn j sie zum Ausdruck jener erhabenen Gefühlsäußerungen Anj Wendung findet, die bei dem Gedanken an die göttliche Liebe! das Herz erheben. Religion ist im Grunde genommen die . Erläuterung der selbstlosen Liebe, und Worte vermögen die! davon beseelten Gedanken nicht halb so gut auszudrücken, wie i die Musik, welche durch ihre erhebenden Kadenzen unsere Gebete > zum Throne des Allmächtigen trägt.! Es ist eine bemerkenswerte Tatsache, daß es in den! zahlreichen Wandlungen, welche die Religion durchgemacht, nur i eine Phase gibt, die mit Recht darauf Anspruch machen kann,! typische Musik als Teil ihres Zeremoniells beim Gottesdienst zu haben. Die jüdische Religion allein kann sich rühmen, I jüdische Musik zu haben, und obwohl diese Musik nicht im strengen Sinne jüdischen Ursprungs ist, so ist sie doch so lange und beharrlich beim jüdischen Gottesdienst angewendet worden, daß sie durch Gebrauch und Tradition zur jüdischen geworden ist. Die Motive dieser reizenden und außerordentlich schönen Melodien bergen eine solche Fülle romantischer und charakteristischer Einfachheit, daß sie eine teure Erinnerung in der Geschichte der jüdischen Religion sind. Es ist eine bekannte Tatsache, daß die herrlichsten Weisen der musikalischen Literatur in der Sammlung der einfachen deutschen Volkslieder zu finden sind. Zn den meisten Füllen ist der Name des Komponisten unbekannt. Der Ursprung dieser deutschen Weisen ist eben so unergründet, wie deren unwiderstehlicher Reiz und ihre Schönheit. Sie werden zuhause gesungen, in der Schule und sehr oft auch in der Kirche. Dasselbe ist auch mit den jüdischen Melodien der Fall — dem jüdischen Volksgesang, wenn man so sagen will — der das Herz des Juden, besonders in den Stunden des Gebetes, erhebt. Das Geheimnis des Ursprungs dieses jüdischen Volksliedes und wie es fast allgemein beim jüdischen Gottesdienst eingeführt wurde, hat schon vielen Gelehrten Kopfzerbrechen gemacht. Ich habe viel Zeit aus die Lösung dieses Problems verwendet und eine Theorie gesunden, welche einiges Licht in diese Angelegenheit bringen mag. Ich versteige mich natürlich nicht zu der Behauptung, daß diese Theorie die einzig richtige ist, aber sie erscheint mir als der einzig mögliche Schluß, zu dem ich in dieser Frage kommen kann. In früheren Zeiten zogen die Chasanim von Ort zu Ort, ja sogar von einem Lande ins andere, um in den verschiedenen Synagogen mit Hilfe der sogenannten Meschorerim (Baß und Singerl) den Gottesdienst zu leiten. Sie waren weder ausgebildete Sänger, noch theoretische Musiker, besaßen aber ein besonderes Talent, Melodien zu erfinden, Melodien ganz eigentümlicher Art (orientalisch), die für ihren besonderen Zweck sich besonders eigneten. Diese Melodien waren mit einer Menge von vollendeten Tönen, Trillern und Passagen überladen, die im Vergleich zum modernen Styl in der Musik jetzt als musikalische Karrikaturen betrachtet würden. Dennoch läßt es sich nichr bestreiten, daß die Grundgedanken dieser Melodien beibehalten und auch in viele von Sulzers Synagogen- Kompositionen ausgenommen worden sind, der als der Vater des modernen jüdischen Synagogengesanges betrachtet wird. Einige dieser jüdischen Troubadurs müssen, obwohl sie keine ausgebildete Musiker waren, hervorragend in ihrem Fache gewesen sein; denn viele ihrer Melodien sind so charakteristischer Art, daß sie in dem musikalischen Ohr der jüdischen Rasse anschlugeu und sich so fest in die Herzen der deutschen, polnischen und spanischen Juden einwurzelten, daß sie sie von einer Generation auf die andere übertrugen. Diese Auffassung erscheint mir nicht blos als Theorie, sondern ich weiß aus zuverlässiger Quelle, daß die improvisierten Gesänge solcher jüdischen Ministrels positiv als Grundlage bei den späteren Gesängen benützt wurden. Mein Vater,*) Gott habe ihn selig, der einer der ersten Schüler des Altmeisters Sulzer war, versicherte mir, daß er oft Zeuge des folgenden Zwiegespräches zwischen Sulzer und diesen wandernden Chasanim gewesen ist. Der erstere rief bei solchen Zusammenkünften in der Regel aus: „Nu, singen Sie mir jetzt etwas jüdisch!"**) worauf der Chasan dann Auszüge aus seinem Repertoire zu singen begann, und wenn eine dieser Melodien bei Sulzer besonderen Anklang fand, zeichnete er sie sofort auf, arbeitete sie dann um und fügte sie seinem Schir-Zion ein. Da wir demgemäß diese Musik mit Recht als typisch jüdische betrachten können, warum sollten wir dann nicht alle möglichen Anstrengungen machen, um sie auch bei dem reformierten jüdischen Gottesdienst beizubehalten'? Haben nicht die Franzosen, die Deutschen, die Engländer, die Amerikaner, und tatsächlich alle Nationen der Welt, ihre patriotischen Lieder, die bei ernsten, wie fteudigen Anlässen ihr Blut in Wallung bringen? Warum soll dann nicht der Jude dadurch, daß man den Sinn für die Beibehaltung dieser altertümlichen Melodien weckt, an die einst so ruhmreiche Geschichte seiner Nation erinnert werden? (Schluß folgt.) *) Josef Stark, seinerzeit Oberkantor in Hohenems (mein Geburtsort). **) Suizers eigene Worte.

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