Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 1 (1.1.1904)
- Date
- 1904-01-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Seiten . Nr. :1,;.. .. „ Die Wahrheil Erzählungen Herodot^s wie'mit' hen / gedankenschweren GehlchLech' derPhilosophen Hmpedökles uudFenophanes. i Mi sind'freilich - an düs Lesen von -Kindheit-.aus gewöhnt, -aber Redenmüssen gesprochenwerden, wennsiefeine -volle Wirkung eiMen fffolleni Gedruckte Reden' sind'Körper ohne Geist; es fehlt -ihnen der Zauber,, den. ihnen, nur. die' Persönlichkeit .des Vortragenden verleihen kann, es fehlt die flammende Begeisterung die sich in den Gesichtszügen kundgibt, es fehlt das feurige Auge, die eindruckvolle Geste, der beredte Mund, es fehlt die melodische Stimme, die die Herzen bewegt,, ergreift, erschüttert. Es ergeht darum ernsten Rednern wie dem allen babylonischen Tanna R. Nathan, von welchem der Talmud geistreich bemerkt: „man habe mit ihm auch seine Weisheit zu Grabe getragen." „Wie der Klang verhallet in dem Ohr, verraucht des Augenblickes geschwinde Schöpfung und ihren Rnhm bewahrt kein dauernd Werk." Nur den gottbegnadeten Männern, denen es gelungen, nicht in, sondern mit ihren Reden „dauernde Werke" zu schaffen, kann und wird die Unsterblichkeit oder doch ein Fortleben nach dem Tode zugesprochen werden. Ein solch Gottbegnadeter war der am letzten Dezember 1880 verstorbene Rabbiner S. R. Hirsch. Er hat weder geschriebene noch gedruckte Reden hinterlassen, aber der Geist der diese beseelt, lebt noch im Gotteshanse, das er erbaut, in den Schulen die er errichtet, er lebt in den Familien, in den Herzen von mehreren Generationen. Welche Mittel sind diesem Großen zur Verfügung gestanden? Wie mag er — der so Großes geschaffen — gearbeitet, stylisiert, gefeilt, memoriert, sich auf der Kanzel bewegt, gesprochen haben? War es die Form, war es der Vortrag, die melodische Stimme, die ihm zu den Erfolgen verhalf? Hören wir darüber einen der großen Redner unserer Zeit, Landesrabbiner Dr. Plaöek. Als zwanzigjähriger Kandidat schrieb er in einem Briefe, datiert von rmn »ts?: '2 der eine geradezu bewundernswerte Urteilsfähigkeit des werdenden großen Redners verrät, an seinen Vater: „Im allgemeinen verwendet Rabbiner Hirsch keinen aus Aeußerlichkeiten hinzielenden Fleiß und keine die homiletischen Regeln sorgsam beobachtende Mühe auf die Ausstattung seiner Reden, man hört und-sieht es ihm in unzweifelhafter Weise an, daß er extemporiert, daß er auf der Kanzel erst die paffende Hülle für seine tiefen Empfindungen und überströmenden Gefühle sucht und wählt; man sieht an dem lebhaften Mienenspielein seinem geistreichen Gesichte jeden Gedanken emportauchen, entstehen, sich entwickeln und Ausdruck erlangen, aber weit entfernt, daß dieser Mangel an Vorbereitung dem Gehalte und der eindringlichen Wirksamkeit feiner Reden Abbruch tun sollte, erhöht er vielmehr das Interesse des Zuhörers, dem Gelegenheit geboten wird, mitzudenken und mitzufühlen, jede Idee voraus zu ahnen, zu erraten und zu verfolgen und so dessen Sinne in steter Spannung zu erhalten. Vorzüglich deshalb ist der Einfluß, den er aufs Gemüt übt, ein bei weitem größerer, als bei den übrigen mir bekannten Rednern, weil bei ihm der Erguß von Herz zu Herz unmittelbar gefühlswürmer, nicht durch Zeit und Schrift abgekühlter ist, und abgesehen davon stört bei ihm nicht das Bewußtsein, „daß er gefallen will", wie dies bei den anderen Kanzelhelden der Fall ist, bei denen das unverkennbare Bestreben durchschimmert, emen schön und gesällig gefügten Bau zu errichten, an denen die minutiösesten Kunstlichter nichts zu tadeln und nichts zu bemängeln hätten. Rabbiner Hirsch aber kümmert sich nicht im geringsten um das haarscharfe Seziermesser der Kritik; er spricht als Verkünder des Gotteswortes und der heiligen Wahrheit an seine fromme Gemeinde." Welch eine tiefe Lehre für unsere Redner! „Nicht gefallen wollen," sondern sprechen als „Verkünder des Gotteswortes und der heiligen Wahrheit", das islls, was die Propheten aller Zeiten zu Erfolgen geführt. Keine Kunst, sondern Natur! Wie sagt doch der deutsche Dichter: „Such Er den redlichen Gewinn! Es trügt Verstand und rechten Sinn Mit wenig Kunst sich selber vor; Und wenns euch ernst ist, was zu sagen, Jstts nötig, Worten nachzujagen? F. Ans der Wiener KNttnsgernMKe. (Au» der. Plenarsitzung des Kultnsvorstandes vom 22. Dezember19p3, unter dem Vorsitze des Präsidenten kais. Rat H..,Klinget. ' Beginndtzt Sitzung Yoß Uhr abends. . Im Einlaufe gelangt zur Verlesung: Eine Mitteilung der israelitischen Armenanstalt, wonach Herr Albert Landüü aus Anlaß des Ablebens seines Bruders Hvraee Ländau in Florenz, der Armenanstalt eine Spende. von L 5(M--- p? gewendet hat; von Herrn Salo Kohn für Talmudschüler 100.—. Den Spendern wird der Dank votiert. Bor Uebergang zur Tagesordnung bemerkt Herr Vize- Präsident Dr. Stern, welcher zu Beginn der Sitzung den Vorsitz führt, daß er sich veranlaßt sehe, ans die in der letzten öffentlichen Plenarsitzung seitens eines Vorstandsmitgliedes vorgebrachten Aeußeruugen hinsichtlich der Koscherfleischfrage zurückzukommen. Es sei zunächst darauf verwiesen, daß sich diese Beschwerden allerdings nicht auf die unter Aufficht stehenden Fleischbänke bezogen und daß Vorstand und Rabbinat seit Jahren unausgesetzt bemüht sind, die Hemmnisse, welche sich einer allseitigen Regelung der Koschersiei'schfrage entgegenstellen, zu beseitigen. — Vize-Präsident Tr. Kohn ergänzt die Ausführungen des Vorredners nach der Richtung, daß das Schechita-Wesen in tadelloser Weise organisiert sei. Wenn die Frage des Koscherfleisch-Verkauses noch nicht in der gewünschten Weise geregelt ist, so sei dies weder dem Kultusvorstande noch dem Rabbinate, sondern einzig und allein den früheren Wiener Verhältnissen zuznschreiben. Diese sofort mit einem Schlage zu ändern, liege aber nicht in der Macht des Vorstandes oder Rabbinates. Vorsteher Dr. Alfred Berger schließt sich den Ausführungen der Vorredner an, hält jedoch eine Stellungnahme des Vorstandes zu den in der vorhergehenden Sitzung vorgebrachten Bemerkungen nicht für notwendig, nachdem sich diese, wie bereits erwähnt, überhaupt nicht gegen jene Fleischbänke richteten, welche unter spezieller Aussicht des Rabbinares stehen und dies auch durch die Firmatafel zum Ausdrucke bringen. Bezüglich dieser Fleischbänke sind auch gegenwärtig alle Garantien hinsichtlich des Kaschrus geboten. Ueber Vorschlag der Chewra Kadischa wird Herr naock Dr. Isidor Schnabl zum Vorstandsmitgliede der Chewra Kadischa ernannt. Vize-Präsident Dr. Alfred Stern berichtet, daß zur Beratung der anläßlich des 100. Geburtstages Salomon Sulzers im Marz 1904 zu treffenden Veranstaltungen ein Komitee eingesetzt wurde, bestehend aus Mitgliedern des Kultusvorstandes, des jüdischen Museums, des österr.-ung. Kantorenvereines rc. Dieses Komitee habe Uach wiederholten Beratungen Vorschläge erstattet, welchen sich teilweise das Vertreter-Kollegium angeschlossen habe. Nach längerer Debatte wird beschlossen, zu Ehren des verewigten Altmeisters des synagogalen Gesanges eine Gedenktafel in der Vorhalle des Stadttempels anzubringen, weiters eine Gedenkfeier im Stadt- und Leopoldstädter Tempel abzuhalten, endlich unter Mitwirkung der Kantoren eine Feier am Grabe Sulzers zu veranstalten. Die Detailbestimmungen für diese Festlichkeiten bleiben Vorbehalten. Nach Erledigung von Steuer-Angelegenheiten wird die Sitzung geschloffen. Kleine Chronik. Wien. (Israelitische K it (t u 3 g e m e i u b e Wien.) Die Bibliothek der israelitischen Kultusgemeinde Wien, I., Seitenstettengasse 4, ist von nun ab an Sonn- und Feiertagen und Freitag von 9—1 Uhr vormittags, Montag, Dienstag. Mittwoch und Donnerstag von ,/24—%8 Uhr abends zum Besuche geöffnet. Wien. (Vortragsabend der „L e ste r r. - I s r a e lit. Union".) Dienstag, den 5. Jänner 1904, präzise halb acht Uhr abends, veranstaltet die „Lesterreichisch-Jsraelitiiche Union" im Festsaale des Niederösterreichischen Gewerbevereines, I., Eschenbachg. 11, einen Vortragsabend, bei welchem der bekannte Ethnograph, Herr Univ.-Pros. Dr. M. W i n t e r n i tz aus Prag, über das Thema „M e n s ch h e i t, Rasse, Volk" sprechen wird. Die Aktuellität des gewählten Themas sowie die