Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 1 (1.1.1904)
- Date
- 1904-01-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 1. geber, Leiter und Mtarbeiter der „Neuzeit" geziemenden Anteil Nehmen dürfen. Die Zeit, in der „Die Neuzeit" gegründet wurde, erinnert in vielen Beziehungen an die Gegenwart. Wütender Ansturm von Außen, arge Zerfahrenheit im Innern. Und so sind die Erscheinungen, mir denen die jüdische Presse sich zu beschäftigen hatte, fast die gleichen geblieben, aber die Form, in welcher sie oft die auftauchenden Fragen behandelt, hat eine gewisse Veränderung erfahren. Der vornehme, abgeklärte Ton, der auch den Gegner niemals verletzen konnte, ist aus der Mode gekommen und der erbitterte Kamps hat einen Stil gezeitigt, der dem sensationslüsternen Publikum besser behagt. Nicht sachliche uud belehrende Aufsätze und Abhandlungen, nicht Produkte ernster Gedankenarbeit, sondern rüde Polemik und persönlicher Klatsch und Tratsch sind die Lieblingsspeise großer Leserkreise geworden. Gegen diese Geschmacksverirrung anzukämpfen halten wir für eine vornehme Aufgabe der ernsten jüdischen Publizistik, und in diesem Sinne wollen wir unser Programm im Einklang mit den Forderungen unserer Zeit zu verwirklichen streben, und auch das geistige Erbe der „Neuzeit", das die derzeitigen Herausgeber in der letzterschienenen Nummer uns mit einer wohlwollenden Empfehlung an das jüdische Lesepublikum übergeben haben, Hochhalten. _ Belgrad und Krschenew. i Amerika scheint man noch, auch wenn es sich um Juden handelt,! für die Sprache der Menschlichkeit Empsindung zu haben.! Europa zittert vor dem Zaren und schweigt.! Die jüdischen Korrespondenten des „Deutschen ' Volksdlattes." Ein Wiener Journal hat kürzlich die pikante Enthüllung j gemacht, daß der Belgrader Korrespondent des ..Deutschen Volksi blattes", dessen Berichte den Stolz Vergani's bilden, ein Jude > ist. Nun Belgrad ist weit und das „Deutsche Volksblatt''dürfte! sich vielleicht der Hoffnung hingeben, daß man auf diese Entfernung hin die Konfession seines Berichterstatters nicht erkennen wird. Wie soll man sich es aber erklären, daß Vergani — wie uns ein Freund unseres Blattes mitteilt — auch in einer Wien nahe gelegenen Stadt einen Korrespondenten hat, der nicht nur Jude ist, sondern mit seinem Vornamen — Ahron heißt. Man denke nun, wie viele (!) Vergani für den Träger dieses Namens verbrauchen würde, wenn derselbe in einer anderen Eigenschaft als just in der eines Korrespondenten in den Spalten des „Deutschen-Volksblattes" figurieren würde. Dazu muß aber noch bemerkt werden, daß der betreffende Korrespondent sich nicht etwa unter falschem Namen in das „Deutsche Volksblatt" eingeschmuggelt hat, sondern daß derselbe von Vergani in der höflichsten Weise eingeladen wurde, seine Berichte auch ihm, wie anderen Wiener Blättern zur Verfügung stellen zu wollen. Der Zar zürnt Peter I. dem König von Serbien. Er brüskiert ihn, indem er seinen Gesandten nicht empfängt und die Träger serbischer Offiziers-Uniformen als unwürdige Soldaten stigmatisiert. Der Zar will dem König von Serbien die einem Monarchen gebührenden Ehren erst dann zuteil werden lassen, wenn dieser zuvor die Meuchelmörder, die den König Alexander und seine Gattin aus dem Wege räumten, bestraft hat. Ueber die Belgrader Mordnacht, der zwei Menschenleben zum Opfer fielen, kann der Zar nicht hinwegkommen und er anerkennt keine Milderungsgründe, die König Peter zur Milde gegen Mörder zwingen könnten. Er beachtet nicht, daß das erbitterte serbische Volk in den Gemordeten — mit Recht oder Unrecht — wahre Scheusale erblickte; es kümmert ihn nicht, daß Peter I. den Mördern seine Krone dankt und in einem peinlichen Dilemma zwischen Dankbarkeit und Rechtsgefühl sich befindet. Der Kaiser von Rußland kennt nur den kategorischen Imperativ der sittlichen Pflicht, daß Mörder besttaft werden, und er ist nicht gesonnen, den König von Serbien dieser Pflicht zu entbinden. In Krschenew wurden 38 Menschen, darunter Frauen, Kinder und Greise ermordet; Hunderte schwer verletzt, ihrer Habe beraubt, zu Bettlern gemacht. Die vertierten Mordbrenner waren von gewissenlosen Hetzern in dem Irrwahn bestärkt worden, der Zar habe den Raub und Mord anbefohlen! Und was geschah den Mördern von Krschenew? Wie haben die Richter. die im Namen des Zaren Recht sprechen, ihre hehre Ausgabe erfüllt? Sie haben es zu verhindern gewußt, daß die intellektuellen Urheber der Gräuel von Kischenew auch nur als Zeugen vor Gericht erscheinen; jene aber, die auf der Anklagebank saßen, die rohen Werkzeuge, kamen zumeist mit geringfügiger Kerkerstrafe davon. In Belgrad wurden zwei Menschen sttaflos gemordet, wie müßte die zivilisierte Welt, Fürsten und Völker, die Gräueltaten der Kischenewer Richter beurteilen, wenn sie sich ein Beispiel an der sittlichen Empörung nehmen, die der Zar Peter I. König von Serbien gegenüber bekundet. * * * Europa schweigt nicht nur zu den verübten Schandtaten, sondern vernimmt es mit Gleichmut, daß in Kischenew eine neue barbarische Judenverfolgung unter der Pattonanz der Polizei und des Militärs als bevorstehend angekündigt wird. Nur in „Christliche Aerzte." Ein Wiener antisemitisches Blatt hat anläßlich des Weihnachtsfestes eine Liste der in Wien lebenden christlichen Aerzte veröffentlicht. Die Absicht, die es damit verband, liegt auf der Haud: die christlichen Familien sollen keine jüdischen Aerzte rufen. Die Hetze gegen die jüdischen Aerzte, die Dr. L u e ge r im niederösterreichischen Landtage inszenierte, findet hier ihre Fortsetzung. Es bedarf wohl keines Wortes, um die Niedrigkeit und Verwerflichkeit dieser Kampfart zu stigmatisieren. Ergötzlich ist aber jedenfalls ein Irrtum, der sich in das antisemitische Blatt eingeschlichen hat. In der boykottierenden Liste des Antisemitenblattes figuriert nämlich auch ein jüdischer Arzt, der in Wien hauptsächlich dadurch bekannt ist, daß er in jüdischen Familien acht Tage nach dem Eintreten eines freudigen Familienereignisses zu erscheinen pflegt, nm einen männlichen Sprößling in den Bund Abrahams aufzunehmen. Weshalb gerade dieser jüdische Arzt von dem Antisemitenblatt den christlichen Familien empfohlen worden, ist wohl schwer anders als mit einem Irrtum in der Person zu erklären. Amraphet-Hammnralki. Von Dr. Kahan, Znaim. Die einst so mächtigen Assyrer sind längst untergegangen und ihre Kultur war seit Jahrtausenden begraben und vergessen. Aber seit kurzem ist diese wieder lebendig geworden, da nicht nur viele herrliche Bauten der Assyrer vom Schutte befreit und ans Tageslicht befördert, sondern auch ganze Bibliotheken in assyrischer Schrift aufgefunden wurden, die ein nie geahntes Licht auf die alte Welt verbreiten und viele Vorurteile gründlich zerstört haben. Es ist noch nicht lange her, da waren viele sehr weise und grundgelehrte Männer fest davon überzeugt, daß Moses nie existiert und die nach ihm benannte Thora nicht geschrieben habe, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil man damals überhaupt noch nicht schreiben konnte. Nun aber zeigt es sich, daß schon mehrere Jahrhunderte v o r Moses nicht nur ägyptische Staatsmänner mit den assyrischen Kollegen in eifrigem Briefwechsel gestanden, sondern daß auch jeder Kaufmann in Assyrien seine Bücher führte und jeder Schusterjunge seine Quittung ausstellen konnte!