Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 48 (25.12.1903)
- Date
- 1903-12-25
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Kesterr-ungnr. Cantoren-Zeitung. Beitage zur Zeitschrift „Die Wahrheit." 48. 23. Iahrg. Ein Zeichen -er Zeit. (Schluß.) Run wissen Sie, geehrter Herr St—6g, wo uns der Schuh drückt, und ich ein armer Landchasan, von dem die Seilte meinen, er wäre nicht der schlechtest n Einer, glaube Ihnen das klipp und klar bewiesen zu haben. Ich gehe aber noch weiter vnd sage ganz keck: Mag der Rabbiner ein gottbegnadeter Meister dcs Wortes, und der Cantor ein erstklassiger Sangeshclo, ein Virtuos in seinem Fache sei», sie werden nur jene Neugierigen ins Gotteshaus locken, die einen Sinnenreiz und Ohrenschmaus als gelegentlich billigen Kunstgenuß hoch schätzen, sür die Dauer aber, wenn Glanz iu d Pstanz nicht mehr ziehen, werden Kaffee- und Vergnügungshaus voll, die Tempel aber leer und leerer werden. Wir Inden Oesterreichs verdienen die Cauioren, die wir haben, rnd in gleicher Weise die Rabbiner. Mein Gott und Herr, wer solls erschwingen? Die Großge me »»den die haben „Wiener" und darum auch Diener. Die Klein-- gemeinden, die haben nur Kleingeld, und auch dieses wird immer^ rarer. Sie hängen den Brölkorb immer höher und schreiben jahraus, jahrein einen neuen Konkurs aus. Wer da kommt, ist gern gesehen, notabene, wenn der Mann Alles macht, was zum Cultus einer kleinen jüdischen Gottesgemeinde gehört. Da stnden wir eine Kumulierung von Aemtern, die, wäre sie nicht lächerlich, geradezu ideal genannt werden müßte. Wem sind die typischen Gestalten der Dispensrabbinrr Böhmens unbekannt, und wer weiß es nicht, was sie Alles um ein Linsengericht tun müssen? Lehrer und Prediger, Rabbiner und Cantor, Schochet und Kare, Gemcindeschreiber und Menakcr. — So kommt der Mann billig zu stehen und der Rest heißt gualiL rsx, talis grex. Ist es da nicht ein Kinderspiel, Ca-tor zu werden, wenn die Znrigcn nur ein Melrscheualier brauchen, um all die schönen Sachen recht und schlecht zu erlernet»? Will mau dem Cantorentnm wiedergeben, tvas ihm voi» Rechtswege,» gebührt, tvill man ihm die Achtung und Würde, die Weihe und Heiligkeit der Lenkilng und Leitung aller gotlesdienstlichen Teuivelsnnktionen neidlos zuerkennen, so gibt es nun, nach ter Ansicht des Herrn St—g und maßgebender Wiener Kollegenkreise, nur einen Weg. der unfehlbar zum Ziele führt: Die Gemeinden selbst müssen der» Studien- und Werdegang ihrer dereinstigen Cantoren streng überwachen. Es soll, wie schon eirgangs erwähnt, an dem schon vo»handenen Rabbiuerseminar in Wien, vielleicht auch an dem Proseminar in Brünn, eine Schule sür Cantoren angegliedert werden. Das wäre ein Novum, eine Unterrichtsstätte von jener Spezialität, wie sie zur Zeit selbst in Deutschland noch nicht besteht.*) Ist diese praktische Idee bei uns in Oesterreich durchführbar? Aufrichtig gesagt nein!**) Die Slimmbitdnng und Saugestechnik eines Cantors verweisen ans eine Musikschule, das hebräische und liturgische Wiffcn aus eine spez-elle Religionsschule, das Ritualfach, die Befähigung zun, Kore und zur Schtchita Ubedika ans den Privatfleiß, und nur das Lehrer- und Religionsunterrichtssach auf das Seminar. Von der Notwendigkeit und Ersprießlichkeit solch vorgcbildeter Cantoren ganz *) Der geschätzte Autor scheint da nickt richtig informiert zu sein. Der deutsch-israel. Gemeindebund hat die Notwendig! it derartiger Anstalten schon längst eingesehen und für die Ausbildung von Cantoren an den jüdischen Seminaren Sorge ge.ragen. (Die Redaktion.) **) Wir stehen auf einem ganz gegenteiligen Standpunkt. Wir sind von d»r Notive digk-.it einer öffentlichen Cantorenbildungsanstalt vollkonimen überzeugt i nd werden auch jederzeit n it aller Energie für dieselbe einrreten. Wir haben es auch mir Freuden begrüßt, daß diese Angelegenheit in der letzten Sitzung des Wiener Cultusvorstandes zur Dis-- kuffion gestellt wurde. (Die Redaktion.) durchdrungen, muß nun gleichwohl fragen: Ist der Kostenanf-. , wand sür solch ein nützliches Unternehmen hierzulande anfbringbar?^ - Die verschiedentlichen Fachlehrer allein sind es nicht, die Za in Berechnung kämen, hier wird auch für ein geeignetes Schnlermaterial zu sorgen sein. Und da es bei den dermals obwaltestden. Umständen durchaus nicht verlockend erscheint, jüdischer Cantor zu werden, sei es mit oder ohne die obzitierten Nebenämter, so ist vorauszusehen, daß nur Kinder sehr arnier 'Eltern daselbst um Aufnahme bitten werden, was in materieller Hinsicht .. ganz erhebliche Opfer erforderlich macht. - - Das Judentum braucht Cantoren und feilte Künstler, - Vorbeter, die singen können und nicht Sänger, die vorbeten . können. Der Chasan von Einst, der Vorleser und Erklärer der P »rascha schel schabbos, war auch ein besoldeter Scheliach Zibbnr, ein wsirdiger Vorbeter und Gesandter des Kahal, aber ein Künstler ersten Ranges, wie der jüd. Cantor von heute es sein zu sollen, ., glaubt, war er durchaus nicht und wollte es nicht sein. Damals hieß die Synagoge Bäs haknsses litib nicht Tewpel- Allerdings winde auch daselbst gebetet, recht stcißig und sehr fromm, Erew^ waboker, wezohorojim. In diesem schlichten Bethnns^ (Ws-Hatefila) konnte man Alles vereinigt finden, was nach ErNarnng und Belehrung über die Vorfallenheiten des Tages pich was nach dem Worte Gottes Verlangen trug^ Es war ein Simmel-, ort für Jung und Alt, ein Brennpunkt geistiger Negsanlkeit derer, die allsabathlich und zur Festeszeit dahergewallt kamen, um Trost und Labsal aus der h.iligen Quelle der Sinailehre, ans den Urevangelien der Altpropheten zu schöpfen. Solchermaßen lvaren die Emotionen von dereinst. Schier zwei Jahrtausend zehrt das Jndentnm von dem Glorienschein seiner Heroen; die Vergangenheit i|t fein Nahm, seine Geschichte. Fort und fort bröckelt ein Sleinche» vom Felsen der Heilsbotschaft ab, die uns Moses mit der Apokalypse knndgetan hat Wer fragt heute noch, was wir beten, wie wir beten und ob wir überhaupt noch beten? Man geht in den Ternpel, , Wenns sein muß, nicht weniger und nicht mehr, spendet seine»» Obulns, »int nicht dem und jenem znrückzustehen. Redet der Prediger allzutief ins Moralische sich hinein, denkt so mancher recht schnippisch: Ihr lieben Leute, laßt euch sagen! Geht der Cantor beim Vortrage gar zu ausladend in die Breite, munkelt verdrießlich Mann zu Nachbar: Will der uns allewiglich da behalten? In vorstehender Aufführung habe ich die Dinge so genommen, wie sie tatsächlich vor uns liegen, um sie dem Verständnis Aller näher zu bringen. Weiß Herr St—g. einen Answeg ans dem beständigen Wirrsal, so würde er uns;n Dank verpflichten, lvenn er demnächst, uns damit bienen wollte. Es tut mir leid, den Jllusionsbau eines wackeren Mannes zerstört zu haben, der uns Cantoren wahrhaft wohl will. Aber Rabbiner n.»d Cantor, ob sie gleich lax oder faul, redegewaltig oder sang^stüchtig, ob sie allezeit gleich gut disponiert und gleich aufopfernd in Amt und Tätigkeit sein mögen — sie vermögen es dennoch nicht, auf den mangelhaften Besuch der modernen jüdischen Gotteshäuser bestimmenden Einfluß zu nehmen. Nur ' die bedingungslose Rückkehr zu den Sitten und Riten der srommen Altväter kann im Judentum den jüdisch-religiösen Volksgeist wiedererwecken. Mit der seichten Neumoral vorn Tage, die Alles vom heiligen Vermächtnis der Altzeit bekrittelt, finden nur jene Ginndgeschkiten das Auslangen, die ihren Gott im Herzen tragen und von Glaubenszwang und Glanben^zeremonien, weil von Menschenhand und Menschengeist ersonnen und geschaffen, nichts wissen wollen;