Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 48 (25.12.1903)
- Date
- 1903-12-25
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 48 . Die Wahrheit ' Seite 7 | Somit empfehle ich Ihnen die Annahme des Ihnen vom > -VerLretercollegiüm vorgelegten Bndgets. Es gelangt hieranf das gesammte Bltdget zur Annahme, stind nach einer Danksagung des Vorsitzenden für die anßecor- -dentliche Mühewaltung des Neserenteu, kais, Rath Moriz Hirsch, wird die Sitzung geschlossen. Zur Vermehrung der KeligionLstimden in der Weite» Klaffe der Volksschule. - Auf der Tagesordnung der am 27. d. M. stattfindenden israelitischen Religionslehrer-Konserenz für Volks- und Bürgerschulen befindet sich Pnter anderem der Punkt: .Die Vermehrung der Religionsstunden in der zweiten Klasse der Volksschule um eine Stunde". Wir verdanken diese Anregung dem verdienstvollen Inspektor Professor Kanitz, welcher unablässig bemüht ist, beii Religionsunterreicht zu reformieren und aus ein höheres Niveau zu heben. Vpn der richtigen Erkenntnis ausgehend, daß das Uebel nicht oben sondern unten an der Wurzel angefaßt werden müsse, um heilsam einznwirken, wurde der Hebel hier, an der richtigen Stelle augelegt. Ein jeder vernünftig denkeilde Pädagog muß sich aufrichtig^ sagen: sollen die vielfachen Klagen über zu geringe Fertigkeiten'ituserer Schuljugend im hebräischen Lesen verstumm'», so muß demselben eine größere und mehrfache Uebung gewidmet werden, und zwar auf der unteren Stufe, welche grundlegend für alle Jahrgänge sein sollte. Mau muß auch bedenken, daß eine einzige Stunde in der Woche für 30—40 und mehr Schülerin einer Klasse ganz ungenügend ist, da dieselbe nur zum Teile für's Lesen und hie übrige Zeit zum löbl. Geschichtsunterrichte und Prüfenr verwendet wird. Biele Laien schütteln bedenklich den Kopf und machen häufig den Lehrer für die mangelhaften Unterrichtserfolge verantwortlich, ohne zu untersuchen, welche Momente und Faktoren daran schuld tragen. In erster Linie möchten wir hierfür das Elternhaus verantwortlich machen, welches mehrfach dem israelitischen Religionsunterrichte ih'-es Kindes zu wenig Interesse entgegen bringt und denselben nur als ein notwendiges Uebel betrachtet. Diese Gleichgiltigkeit empfindet der Religionslehrer sehr. Keinem Fachlehrer gegenüber wird eine solche Animosität an den Tag gelegt, wie dem Religionslehrer. Hier fallt mir eine vor kurzem gehörte Äußerung einer Mutter ein. Die Mutter eines jüdischen Schülers wurde wegen dessen ungenügender Kenntnis aus Religon vor den betreffenden Religionslehrer zitiert und gefragt: „Wie so kommt es, daß Ihr Junge aus allen Lehrgegenstängen gute bis sehr' gute Leistungen aufweist, nur nicht in Religion?" — Die Gefragte antwortete: „Wissen Sie, Herr Lehrer, mein Sohn hat für die Religion gar kein Talent!" Diese Antwort kennzeichnet zur Genüge manches Elternhaus. Hier, woselbst der Lehrer auf ein wichiiges Verständnis für die heilige Sache und eine kräftige Unterstützung im Lerne: rechnet,^ findet er den kalten Jndifferentismus. In allen Lehrgegenständen wird dem schwachen, rückständigen Schulkinde von Seite der Mutter, des Vaters, des Bruders, der Schwester rc. nachgeholfen, in den seltensten Fällen im hebräischen Lesen, teils, weil den Eltern und Geschwistern die genügende Fertigkeit hierin fehlt, teils aber auch weil sie keine Zeit haben, aber meist, weil sie diesen Gegenstand ilicht als Hanpt-, sondern als Nebenfach ansehen und auch so behandeln. Aus diesen und anderen Gründen ruht die ganze schwierige Last und Aufgabe auf dem jüdischen Religionslehrer, welcher in der knappen ein- und zweistündigen Zeit, die ihm für seine Tätigkeit gewidmet ist, seine ganze physische und geistige Kraft einsetzen muß, um das vorgeschriebene Lehrziel zu erreichen. Wenn dennoch nun trotz all dem günstige Resultat vielfach erreicht werden, so ist das nicht hoch genug einznschätzeu. Wenn heute bei wöchentlich einer Stunde so viel als möglich erreicht wird, welche Erfolge werden sich infolge der Vermehrung der Religionsstuuden in der 2ten Volksschulklasse ergeben? Gewiß noch bessere! In der zweiten Klasse wird mehrfach der Swff der ersten Klasse wiederholt, und ist dieselbe die leichteste von allen. Hier, nachdem das Schulkind das mechanische Lesen im Deutschen überwunden und darin eine gewisse Fertigkeit erlangt hat, -wird es den Schülern nicht schwer fallen, den hebräischen Lesestoff mit Leichtigkeit zu erfasse» und sich auch zu seinem Eigentum zu machen, was in der ersten Klasse nicht so leicht möglich ist, weil hier das Kind noch mit dem Erlernen des Lesens im Deutschen viel zu tun hat. Nun soll es zugleich eine zweite Sprache erlernen, was Erwachsenen Schwierigkeiten bereitet, somehr einem 6jährigen Kinde, dessen Gehirn noch vielfach der Schonung bedarf. Man halte sich den richtigen pädagogischen L>atz vor: Non multa, sed multum. Die gründliche Erlernung der vielen Gegenstände leidet darunter und führt nicht zur gewünschten Co rcentration, sondern leider meist zur Decentration des Geistes und Verständnisses der Sache. Wenn einige bemooste Häupter zurück denken, wie sie das hebräische Lesen erlernt haben, so werden sie sich erinnern, daß nur Uebung den Meister und die Fertigkeit macht. Sie haben täglich des Morgens, des Mittags, des Abends und zu jeder Tages- und Nachtzeit beten, L'seübungen vornehmen müssen, so daß sie fast alle, oder sagen wir alle Gebete auswendig kannten, worauf der ehemalige Knabe nicht wenig stolz war. Unsere Jugend legt heutzutage wenig Stolz darauf und Viele glauben mehr zu tun, indem sie in dem Nichtbeten eine ganze Heldentat erblicken. Zu allen Zeiten, wenn die Säulen des Judentums schwankend geworden sind, wenn JsraelsGeschichte der Vergessenheit anheimfallen und die alte ruhmreiche Tradition verfallen und uutergehen sollte, so war die Schule immer noch der rettende Anker, der Hoffnungsstrahl, woselbst unsere Jugend eine wahre Stätte des Heiles gefunden und neues Leben, Begeisterung »lud Mut, sowie richtiges Verständnis für ihren Glauben und Israels große Vergangenheit erhalten hat. Möge die Conferenz sich einstimmig für den angeregten, trefflichen Gedanken aussprechen._J. F. Weite Ermesse in Kischinew in Sicht. Kaum ist durch den Kischinewer Prozeß der Vorhang von den blutigen Metzeleien am letzten Osterfest einigermaßen fortgezogen und die große Mitschuld der russischen Behörde» an den Massenmorden festgestellt, so kommt aus Kifchinew die AUarmmeldnng, daß angesichts des bevorstehenden Weihnachtsfestes eine neue Auflage der Massnkres beinahe zu erwarten ist. Ein dem Berl. Tagbl. zugegangenes Privat-Telegramm, das am 10. Dezember ans Kischinew abgesandt ist, meldet darüber: Es ist deutlich ein scharfer Umschlag in der Haltung sämtlicher Regierungsverireter den Juden gegenüber bemerkbar. Von dem üllffallenden und unfreiwilligen Umfall l es Gerichtsvorsitzenden haben wir bereits berichtet. Diesmal handelt es sich um den neuen Gouverneur von Befsarabien, Fürsten Urusow. Am 8. Dezember hatte dieser eine Unterredung mit dem Vorsteher der jüdischen Gemeinde Dr. Mutschnik. Der Fürst war überaus freundlich und meinte, es müsse Frieden geschlossen werden. Er bat Mutschnik, die hervorragenderen Mitglieder der jüdischen Gemeinde zu bewegen, an dem üblichen Weihnachtsempfang mit ihren Damen teilzunehmen. Mutschnik bezweifelte, ob besonders die Damen dazu zu bewegen seien. Nach drei Tagen brachte Mutschttik dem Fürsten einen negativen Bescheid und bemerkte dabei zu seiner Verwunderung eine völlig veränderte Stimmung beim Fürsten. Von Versöhnlichkeit war jetzt keine Rede mehr. Fürst Ursow hielt sich vielmehr für verpflichtet, mitzu eilen, daß die' Haltung der Civilvertreter während der Gerichtsverhandlung das Militär erbittert hätte, sodaß er de? Haltung des Militärs im Falle einer neuen Jndenhetze nicht sicher wäre. Ueberhaupt habe der Prozeß viel Unfrieden gestiftet. Es sei das Schlimmste zu befürchten. Er könne die Verantwortung für die Ausrechthaltung der Ruhe nicht mehr übernehmen. Aus sicherer Quelle verlautet, daß der Chef der politischen Polizei in Kischinew Sabarsin einen ähnlichen Ausspruch getan habe. Daß Urusows Sinnesänderung spontan gekommen fei, erscheint ganz ausgeschlossen.