Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 48 (25.12.1903)
- Date
- 1903-12-25
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Die Wahrheit Nr. 48 . sollte sich mit derselben ernstlich befassen. Aber die Angelegenheit berührtz nicht nur die Wiener Gemeinde sondern sämtliche jüdischen Cultusgemeinden und er halte dafür, daß die II. Commission sich auch mit anderen Faktoren zur Lösung der Frage ins Einvernehmen setzen solle. Dr. Maximilian Steiner betont gleichfalls die Notwendigkeit einer Lehrerpräparandie uub hält die Gründedie Vizepräsident Dr. Kohn für die Vertagung der Frage mangels momentaner Bedürfnisse anführte, für nicht stichhältig. Kaiserlicher Rat Wilhelm P o l l a k schließt sich dem Anträge Dr. Spitzers an, der geeignet wäre, den jüdischen Religionsunterricht auf ein höheres Niveau zu bringen. Den Standpunkt des Vizepräsidenten Dr. Kohn, der gegenwärtig die Gründung einsr Lehrerpräparandie noch nicht für zeitgemäß halten, könne er nicht teilen. Zu warten, bis ein Teil der jetzigen Religionslehrer, welcher nicht aus der Höhe seiner Aufgabe steht, wie er meint, absterbe, sinde Redner nicht richtig; er wünsche allen diesen Lehrern ein recht langes Leben, doch seien jene älteren, für ihr Fach nicht geeigneten Personen, welche seinerzeit vielleicht protektionshalber angeftetlt wurden, durch neue, tüchtige Kräfte zu ersetzen. Daß eine derartige Anstalt Kosten verursachen wird, ist zweifellos, doch glaube er sich im Einverständnis mit allen Herren, wenn er die Ansicht ausspreche, daß der Anfang einer Reorganisation stets bei der Jugend, resp. bei der Schule gemacht werden müsse. Der Herr Finanzreferent wird von solchen neuen Ausgaben für eine Lehrerpräparandie selbstverständlich nicht erbaut sein, doch erlaube ich mir, auf eine Einnahmsguelle zu verweisen, welche aus dem Titel der Ehe-Trennungen und Scheidungen erfließen könnte. Wie aus dem Budget, Seite 2, zu ersehen, erwachsen der Cultusgemeinde aus dieser Post keine Einnahmen, sondern nur eine Belastung von Xi 600.—. Ich neide diese Art Einkünfte dem Rabbinate gewiß nicht, aber wenn die Cultusgemeinde zur Deckung ihres Haushaltes die Taxen für Leichenbegängnisse und Hochzeiten heranziehen muß, so soll wohl auch der derjenige mit einer Taxe belegt werden, der sich den Luxus einer Scheidung gönnt. Er halte auch die Aendernng des MittelschnULehrplancs für notwendig, damit von dem Auswendiglernen und Büffeln endlich abgegangen und dafür ein wirklicher Religionsunterricht eingeleitet werde; die Schüler sollen, wenn sie einmal in den Tempel kommen, wissen, wo sie das Gebetbuch anfzuschlagen haben, sie sollen, wenn sie in die traurige Lage kommen, Kaddisch sagen zu müssen, nicht dastehen und von den Gebräuchen und Ceremonien des Judentums keine Ahnung haben, wie mau dies leider öfters zu bemerken Gelegenheit hat. Uebergehend auf den von ihm eingebrachten schriftlichen Antrag, betreffend die Freihaltung des Sonntages und die Aeuderuug des Lehrplanes, hofft Redner, daß die nenangestellten Religionsschnl-Jnspektoreu baldigst Vorschläge zur Aendernng des Lehrplanes, besonders an den Mittelschulen, machen werden, damit die Jugend, anstatt mir unnötigem Gedächtnißballast vollgepfropft zu werden, der schon kurze Zeit nach Verlassen der Schule verflüchtigt ist, von wahrhaft religiösem Sinne und für das Judentum begeistert sei. Dr. Alfred Berger glaubt, daß eine Lehrerpräparandie erst dann creirt werden solle, wenn eine jüdische Bürgerschule das Material für die Lehrerpräparandie geliefert haben wird. Die Cantorenschule hingegen solle privaten Faktorei: überlassen bleiben. Die Scheiduugstaxen sind so minimal, daß sie als Einkünfte gar nicht in Betracht gezogen werden können. Nach beendigter Debatte wirv hierauf der Antrag Spitzer an die Unterrichtscommission gewiesen und Abschnitt B des Budgets einstimmig angenommen. Beim Abschnitt 6) stimmt kais. Rath Jonas Weil dem Antrag Dr. Spitzers bei, verarmten Steuerträgern ein würLigeres Leichenbegängnis zu veranstalten. Jedoch möchte er das Gleiche für die Beeidigungen aller armen Leute wünschen, damit das schöne jüdische Princip der Gleichheit Aller, das früher wenigstens bei Beerdigungeir immer zum Ausdruck kam, auch jetzt beachtet werde. Der Unterschied zwischen Leichenbegängnissen armer und reicher Leute sei jetzt zu craß, und dieser Uebelstand, der schon zu vielen Klagen Anlass gab, sollte, wenn es auch Kosten verursacht, behoben werden Nach weiterer Debatte, an welcher sich die Herren Ritter v. Goldschmidt, kais. Rath Pollak, Kauders, Baurath Stiaßny und Dr. Spitzer betheiligen, wird/.der Antrag des letzteren der Friedhofs-Commission zugewiesen und hierauf Abschnitt C) angenommen. Bei Abschnitt D) wünscht Professor Dr. Ehrmannn eine Resolution dahingehend, daß die Pstegerinnen-Schule am israel. Spital baldigst activirt werde. Resolution und Abschnitt D) werden angenommen. Abschnitt E) wird ohne Debatte, Abschnitt E) nach kurzer Debatte, Abschnitt 6l) debattelos angenommen. Kaiser!. Rat Moriz Hirsch: In der heute abgeführten Debatte wurden von den geehrten Herren Collegen in weitgehendem Maße Wüirsche und Forderungen dargelegt, deren Realisirung Unsummen verschlingen müßte und zu deren Bedeckung — selbst wenn der Cultusgemeinde gar keine anderen als die erwähnten Aufgaben oblägen — die gesammten Einnahmen des Jahres 1904 nicht hinreichen würden. Durch die Aufstellung dieser verschiedenartigen Wünsche, denen ich, falls die erforderlichen Mittel vorhanden wären, freudigen Herzens zustimmen würde, mag es den geehrter: Herren College:: gelungen sein, sich im gewissen Sinne beliebt zu machen. Speciell mir jedoch obliegt leider die ernstere Aufgabe, mich weniger gefällig zu zeigen, und ich muß mir die Frage, welche von keinem der geehrten Herren Vorredner mit Ausnahme des Herrn College:: Oberfinanzrath Dr. Nappaport aufgeworfen wurde, pflichtgemäß stellen, wie ich die Bedeckung für alle diese Erfordernisse finden kann. Sie wissen, meine geehrten Herren, ebenso gut wie ich, wie schwer es bereits fällt, auch nur für die unumgänglich nothwendigsten Bedürfnisse der Gemeinde die Bedeckung zu schaffen. An eine weitere Erhöhung der Cultussteuer ist selbstredend nicht zu denken, eine weitere Anspannung und Heranziehung der Bevölkerung zur Steuerleistung müßte verhängnißvolle Wirkungen mit sich bringen. Die Contrahirung von Schulden, ohne deren Tilgung sorgsam vorbedacht zu haben, ist weder nach meinem/ noch sicherlich auch nach Ihrem Geschmacke. Ein Decennium mußten wir vorübergehen lassen, ehe wir die Renovirung des Tempels II., die Vergrößerung des Altersversorgungshauses, den Bau des Siechenhauses und größere Subventionirnngen an Tempelbauvereine vornehmen konnten; und es ist bei - sorgsamer und weiser Haushaltung nicht ausgeschlossen, daß wir in einem weiteren Dezennium nach und nach die Erfüllung aller der begründeten Erfordernisse erreichen können. Dazu gehört eben wieder eine Reihe von Jahren, in welchen sich der Sparsinn und die öconomische Wirthschafts-Gebahrung unserer Verwaltung zu bethätigen haben wird. Für diesen Augenblick jedoch ist dies Alles sofort nicht erreichbar. Ich wiederhole, daß die von den geehrten Herren College:: ausgesprochenen Forderungen derzeit zurücktreten müssen. Es wäre unbillig, von uns zu verlangen, daß Alles das, was in den von den geehrten Herren Vorrednern angedeuteten Richtungen Jahrzehnte hindurch etwa verabsäumt wurde, nunmehr von uns auf der Stelle realisirt werde. Eine derartige, über das zulässige Maß hinausschießende und die Unzulänglichkeit der verfügbaren Mittel außeracht lassende Politik müßte naturgemäß auf unsere Finanzen geradezu katastrophal wirken und würde das von uns im Laufe der letzen Jahre nur schwer und mühevoll erreichte Gleichgewicht in unserem Haushalte für unabsehbare Zeit hinaus wieder vernichten. Ich spreche nicht nur meine innerste Überzeugung ans, soudern es ist dies auch die feste Anschauung der überwiegenden Majorität des Vertretercollegiums, wenn ich erkläre, daß die Frucht einer langen Reihe schwieriger Arbeit und fürsorglicher Wirtschasts-Gebahrung in dem Momente nicht wieder in Frage gestellt werden darf, wo wir erfreulicher Weise die Aussicht auf sichere Ordnung unserer Finanzlage endlich erlangt haben. Zur Mitwirkung in diesem Sinne werden Sie mich nach 'meinen bescheidenen Kräften stets bereit finden. Sollten jedoch, was ich als ein Unglück für unsere Gemeinde nicht wünsche und nicht hoffe, die entgegengesetzten Tendenzen in Ihrem Schoße das Uebergewicht erlangen, dann wäre ich nicht Ihr Mann und müßte dieses Amt Ihnen sympathischeren Händen übergeben.