Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 48 (25.12.1903)
- Date
- 1903-12-25
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 48. Die Wahrheit Salo Cohn vertritt den Standpunkt, daß jedes Budget mit Vorsicht und Sparsamkeit aufgestellt werden müsse,- und es sei immer besser, wenn das Jahr mit eurem Gebahrnngsüberschnsse als mit einem Defizit endet. Der Vorstand verwaltet fremde Gelder und muß bei den Ausgaben doppelt vorsichtig sein. Aber gerade diejenigen Herren, die aus eigener Tasche wenig geben, nehmen es mit den Gemeindegeldern sehr leicht. In keiner Großstadt ist die Gemeinde mit dem Armenbndget so sehr belastet, wie hier in Wien. Was anderwärts gut fundierte Fonde besorgen, muß bei uns der Gemeindesäckel leisten. Die Stenern sind zudem so bedeutend erhöht worden, daß manche Personen jetzt das doppelte bis vierfache der früheren Treuer zahlen und es schon einer gewissen Pietät und Charakterstärke bedarf,, derartige Lasten willig zu ertragen. Es wäre nicht klug, das Seil allzu straff zu spannen, und darum ist Redner ganz der Ansicht Dr. Rappaports, daß möglichst viel gespart tverden müsse. M. Kanders mißbilligt von seinem konservativen Standpunkte ans den gegenwärtigen Zustand der Mikwah, bezüglich welcher Wien höchst unvorteilhaft von anderen Großgemeinden absticht.' Wien ist auch die einzige Stadt, wo man, abgesehen von einigen Fleischbänken, kein Koscher fleisch bekommt, und auch für koschere Küche ist wenig gesorgt. Die Fleischfrage muß > anders behandelt werden, jetzt wird das Geld unnütz ausgegehen. Hingegen muß anerkannt werden, daß auf dem Gebiete des „Gemiluth chassodim" nirgends so viel wie in Wien geleistet wird. Der Vorsitz.ende gibt dem Vorredner die Beruhigung, daß das Vertreterkolleginm von der Verpflichtung des Vorstandes, bezüglich der Mikwah in allernächster Zukunft Wandel zu schaffen, vollkommen durchdrungen ist. Ritter von G o ld s ch m i dt ist nicht der Anschauung Dr. Rappaports, daß das vorliegende Budget ein Normalbudget sei, denn alle Tage kommen neue Bedürfnisse, und so werden z. B. in nächster Zeit die Mikwah, die Gründung des Pslegerinnenheims und andere Dinge wieder viel Geld ko>ten. Bezüglich der Subventionierung der Tempelvereine und der Errichtung von neuen Gotteshäusern würde er jenes System Vorschlägen, wie es Staat und Commune bei Errichtung von Schulen beobachten. Der eine Teil übernimmt den Ban, deHiudere sorgt für die Erhaltung. Dann würde es nicht so oft Vorkommen, daß Vereine, die nicht lebensfähig sind, um die Bewilligung zur Errichtung von Bethäusern ansnchen. Vorsitzender kais. Rat K l i u g e r konstatiert gegenüber der an den Bethausvereinen vom Vorredner geübten Kritik, daß in Wien einige ausgezeichnet geleitete Bethansvereine existieren. So z.LB. habe der unter der Leitung des Collegen Architekten Max Fleischer stehende Mariahilfer Tempelverein noch niemals die Unterstützung der Cultusgemeinde in Anspruch genommen. Dr. Markus Spitzer: Jede Post im Budget ist vom Vertreterkollegium und in den Kommissionen gründlich dnrchberaten worden, daher soll die öffentliche Sitzung nur in großen Zügen die Gesichtspunkte feststellen, von welchen sich der Vorständ bei der Gemeindeverwaltung leiten läßt. Die Anregung des Herrn v. Goldschmidt bezüglich der Errichtung von Bethäusern erscheine ihm nicht zweckmäßig. Wenn man bisher so vorgegangen wäre, hätten wir seit Jahren kein einziges neues Gotteshaus in Wien bekommen. Seit dem Jahre 1859 hat die Gemeinde keinen Tempel gebaut und was nach dieser Nichtnng geleistet wurde, ist der Opferwilligkeit tatkräftiger Männer in ' den einzelnen Bezirken zu danken. Diese Bestrebungen der Vereine verdienen die wirksamste Unterstützung des Vorstandes. Äußerst dringend wäre die Errichtung eines Bethaufes am Volkert zur Befriedigung der religiösen Bedürfnisse der ärmsten Bevölkerung. Bezüglich der Koscherfleischfrage steht Redner auf dem Standpunkte, daß so lange nicht Gewißheit herrscht, daß man Koscherfleisch bekommt, das Alle mit Beruhigung als koscher essen können, Schade für jedenKrenzer sei,der hiefür ausgegeben wird. Den wichtigsten Teil des Budget bildet das Unterrichtsbuoget. Das sei die einzige Ausgabe, die für die Zukunft sorgt. Und da erscheine es ihm als höchst dringlich, daß die Gemeinde eine Lehrerbildungsanstalt in Verbindung mit einer Cantorenschule creire. In der gottesdienstlichen Liturgie steht der Cantor in ganz gleichem Rang mit dem Rabbiner. Die Canloren-Schule soll nun nicht Leute heranbilden, die nur schölt singen können, sondern gebildete Leute, die auch als Religionslehrer. Sekretäre etc. Verwendung finden. Abgesehen davon soll der Cantor auch ein Mann von Charakter und PM)'treue sein, und solche Leute können nur in einer schule erzogen werden. Für die Errichtung einer Lehrerpräparandie in Verbindung mit einer Cautorenschule könnte die Goloschmidt-Stiftung herangezogen werden?.Er stelle sohin den Antrag, der Vorstand möge die 2. Commfsion beauftragen, über diese Angelegenheit zu berathen und dem Plenum Vorschläge zu erstatten. Auch für eine angemessene Bezahlung der Religionslehrer müsse Sorge getragen werden, denn gegenwärtig hat die Cultusgemeinde nur Stundenlehrer. Notwendig sei schließlich eine Aenderung des Lehrplanes, der gegenwärtig so beschaffen ist, als ob wir nicht 2 Stunden sondern 6 Unterrichtsstunden wöchentlich hätten und darum nichts Ersprießliches leisten krnn. Bezüglich des Friedhof-Budgets bedauert Redner, daß nicht die Ueberschüffe aus dieser Post seit jeher thesaurirt wurden. In Pest z. B. erhält^die Chewra Kadischa aus diesem Fonde das jüdische Lpital. Schließlich möchte er die Anregung geben, daß bei Leichenbegängnissen verarmter Steuerträger, die gratis bestattet werden müssen, auch ein Cantor und ein Prediger snngiren, und er beantragt eine diesbezügliche Resolution. Redner schließt seine interessanten Ausführungen, mit der Erklärung, daß er für das Budget stimmen werde, weil dasselbe von jüdischem Geiste durchdrungen ist und er die Uebcrzengung habe, daß der jetzige Vorstand bestrebt ist, den jüdischen Geist und die alte Tradition aufrecht zu erhalten. Speziakdebatte. -Zu Abschnitt A) meldet sich kein Redner und wird diese Post ohne Debatte einstimmig angenommen. Zn Abschnitt B) gelangt folgender schriftlicher Antrag deS kaif. Rat Wilhelm Pollak zur Verlesung : „Sechs Tage sollst Du arbeiten, und am siebenten Tage sollst Du ruhen" —, so lautet eines der Grundprinzipien der jüdischen Glaubenslehre. Wenn nun die Einhaltung dieses Gebotes bei der allgmeinen. interkonsessionellen Schale für viele Kinder undurchführbar ist, da auch die jüdischen Schüler am Sabbat dem Unterrichte beiwohnen müssen, so sollte man doch glauben, daß mit Rücksicht daraus wenigstens dafür gesorgt wird, auch diesen Kindern den zur körperlichen und geistigen Erholung unbedingt nöthigen Ruhetag zu wahren. Dies ist aber nicht der Fall, foiiberu die Kinder müssen am Sonntag ebenso früh anfsiehen wie an jedem Wochentage, weil eine Stunde des Sonntag-Vormittages dem Religions-Unterrichte gewidmet ist. Dadurch ist den Kindern die Möglichkeit benommen, am Sonntag eine Partie ins Freie unternehmen, oder z. B. durch längeres Ansruhen Erholung finden zu können. — Ich stelle daher den Antrag, die vereheliche Cultusgemeinde möge dafür Sorge tragen, daß durch entsprechende Einteilung des Stundenplanes der jüdische Religions-Unterricht in Zukunft nicht mehr an Sonntagen ertheilt und aus diese Weise einem von Lehrern und Kindern längst gehegten Wunsche Rechnung getragen werde; ferner, daß daran geschritten werde, den gesammten Lehrplan, speziell der Mittelschulen, mit Hilfe der neuen Religions-Inspektoren einer genauen Sichtung und Verbesserung zu unterziehen." Der Antrag wird an die Schnlkomission verwiesen. II. Vizepräsident Dr. K o h n bemerkt in Stellungnahme zu dem Anträge Dr. Spitzers bezüglich der Lehrerpräparandie. daß derzeit kein Bedürfnis für eine solche Anstalt vorhanden sei und die Absolventen einer derartigen Anstalt gegenwärtig keine Anstellung finden könnten. Erft in einigen Jahren werde man der Frage näher treten können. Die Behauptung Dr. Spitzers, daß die Cultusgemeinde blos Stundenlehrer besitzt, muß dahin richtig gestellt werden, daß heute schon 16 Religionslehrer in die Kategorie der Beamten eingereiht sind. Bezüglich der Cantorenschnle stehe Redner ans dem Standpunkte, daß die Cultusgemeinde eine derartige Anstalt nur subventionierea, aber nicht selbst eröffnen solle. Professor Dr. E h r m a n u hält die von Dr. Spitzer angeregte Frage für äußerst wichtig und die Schnlkommiffion