Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 48 (25.12.1903)
- Date
- 1903-12-25
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3062972-3063163-3063211--02807-3069515- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 4 Die Wahrheit. Nr. 48. Dankschreiben des Herrn Vorstehers Salo Eohu sür das ihm anläßlich des Ablebens seines Bruders ausgesprochene Beileid des Cultusvorstandes. Endlich eine Note des Bezirksfchnlrathes der Stadt Wien, mit welcher unter Bezugnahme auf die Eingabe vom 30. Juni1903 dcm Vorstande mitgetheilt wird, daß (im Sinne des Gesetzes) der Concurs zur definitiven Besetzung der Oberlehrerstelle an der allgemeinen Volksschule für Knaben, II., Untere Augartensiraße 3, unter Forderung des Nachweises der Befähigung zur Ertheilung des israelitischen Religionsunterrichtes ausgeschrieben wurde. Wräjldiakbericht. Herr I. Vicepräsideut Dr. Alfred Stern bringt im Präsidialberichte zur Kenntnis' daß Samstag, 19. Dezember 1903, die Chanukaseier in der Versorgungsanstalt in überaus feierlicher Weise stattgesunden habe. Wie alljährlich, so auch Heuer, sind in dankenswerther Weise die Kosten von Herrn Vorsteher Salo Cohn bestritten worden. (Lebhafter Beifall.) Weiters bringt Vicepräsideut Dr. Stern zur Kenntnis, daß von den zufolge Plenarbeschlusses vom 8, November 1903 adznhalteuden Vorträgen aus der jüdischen Geschichte, der des Herrn Dr. Grunwald über „Die Juden in den Weltstädten des Alterthums" bereits stattgesunden hat. Dieser Vortrag war überaus zahlreich besucht und erfreute sich allseitig deS lebhaftesten Beifalles. Es ist zu hoffen, daß auch die folgenden 3 Vorträge für Erwachsene, sowie dex 8 Vorträge umfassende Cyclus für die reifere Jugend sich des gleichen Zuspruches erfreuen werden. , WermeHrimg der Niötiotheksturrden. II. Vicepräsideut Dr. Kohn referirt namens der Unterrichtscommission über die Vermehrung der Bibliothekstundeu. Die Bibliothek war bisher au drei Tagen der Woche 1172 Stunden der öffentlichen Benützung c.nheimgegeben. In Folge einer Eingabe mehrerer studentischer Verbindungen und Privatgelehrter beantragt nun die Unterrichtscommission eine Vermehrung der Bibliothekstundeu von 11Stunden aus 24 Stunden tvöchentlich, und zwar soll die Bibliothek an Sonntagen, christlichen Feiertagen und Freitagen von 9—1 Uhr und an den Tagen Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag von 3—7 Uhr nachm, geöffnet sein. (Der Antrag der Unterricht s - commissiou wird einstimmig angenommen.) Worarrschlag pro 1901. Kaiser!. Rath Moriz Hirsch legt folgendes Budget vor: Die präliminirten Einnahmen betragen.K 2,098.643*77 die präliminirten Ausgaben.... „ 2,297.536*01 so daß sich für das Jahr 1904 ein unbedecktes Gebahrungsdeficit von.K 108.892 24 ergibt. Dieses Deficit setzt sich aus folgenden Ziffern zusammen: Zuschuß zur ordentlichen Gebahrung des Jahres 1904 .K 35 657*46 Zuschuß für außerordentliche Anslagen ...„ 52.930.— Zusammen. L 88.587*46 hierzu kommt. An Darlehensrückzahlungen und Annuitäten.„ 20.304*78 In Summa.L 108.892*24 Dieses Deficit soll gedeckt werden: aus dem Cassasaldo des laufenden Jahres, aus Ersparungen, eventuell M^hreingängen an Cultussteuer, und wenn dies nicht hinreicht, durch Aufnahme einer schwebenden Schuld. Die einzelnen Capitel des Budgets weisen folgende Ein-ahmen und Ausgaben auf: Abschnitt A Bethäuser, Cultus- und rituelle Angelegenheiten: Abschnitt B Unterrichtsangelegenheiten Einnahmen. L 213.713*— Ausgaben. .„ 468.087*— Zuschuß. L 247.374* — Einnahmen. L 56.878 28 Ausgaben..,, 300.614*28 . . Zuschuß.L 243.736 — Abjchnrtt.,6 Friedhofs- «nd Beerdigungsangelegenhciten Einnahmen.L 451.602 — Ausgaben..,, 265.836 — sUeberschuß.L 185.766*-- welcher dem Abschnitte Armenwesen und Wohlthätigkeitsanstqlten zuge« wiesen wird. Abschnitt v Israelitisches Spital - Einnahmen .L .79 264.05 Ausgaben. 296.053*— Zuschuß. L 216.788 95 Abschnitt L Ist elitische Verforgungsanstalt Einnahmen. L 58.752 42 Ausgaben..., 155.097* — Zuschuß.^ 96.314*58. Abschnitt F Armenwesen und Wohlthätig*eitsanstälten' * Einnahmen. 1< 19.780*02 . . ." . ... Ausgaben..,, 234.501* — - - - Zuschuß. K 214.720*98 AbschnittO finanzielle.und administrative Angelegenheiten Einnahmen. 1,217 011 91 . * ' Ausgaben.. „ 472.400*86 UeberschußlL 744,611*05 Darlehensrückzahlungen und Annuitäten.K 20.304*78 Generakdebatle znm ZLndget. lieber Antrag des Cnltusvorstehers Dr. Spitzer eröffnet der Vorsitzende die Generaldebatte. Hermann Ellbogen: Der Voranschlag pro 1904 weist ein Deficit von 108.000 K auf. Dieser Umstand gibt besonders mit Rücksicht darauf, daß die letzten Jahre ohne Deficit abgeschloffen haben, manchem Anlaß, die finanzielle Situation der Gemeinde in allzn düsteren Farben zu beurtheilen. Redner könne diese Ansicht nicht theilen. Für ihn sei die Hauptsache, daß die Cultusgemeinde den Bedürfnissen in Bezug auf Pflege vom Tauroh, Awaudoh und Zedokoh voll und ganz entspreche. Und wenn aus den laufenden Einnahmen die diesbezüglichen Ausgaben nicht gedeckt werden können, müsse ein Anlehen ausgenommen werden. Dem gegenwärtigen Cultusvorstande dürfe die Anelkennung nicht versigt werden, daß er manches Versäumte uachgeholt hat, aber bei Erhöhung der Steuern wurden manche Versprechungen gemacht, die bisher nicht erfüllt wurden. So überlasse die Gemeinde den Vereinen in den einzelnen Bezirken die Errichtung von Gotteshäusern und Schulen, für welche sie selbst auszukommen hätte, und wenn dann ein Verein zu diesem Zwecke eine Subvention beansprucht, wird jedesmal ein ganz ungerechtfertigter Spektakel gemacht. Auch auf anderen Gebieten trägt das als oberstes Princip hinbestellte Sparsystem keine guten Früchte. So z. B. wurde seinerzeit zur Fürsorge für die jüdischen Findelkinder, die in Folge Üeberlassung an christliche Erzieher zumeist vom Judenthume abfallen, ein Comits eingesetzt, das jedoch, weil es angeblich an Geld fehlt, schlummert, und auch die Resultate des Regierungsunterrichtes sind nur deswegen so unbefriedigend, weil wir schlecht bezahlte Lehrkräfte haben. Um diesen und ähnlichen Uebelständen abzuhelfen, dürfe man nicht immer ängstlich in die Zukunft blicken, sondern müsse vielmehr den Anforderungen der Gegenwart Rechnung tragen. Vorsitzender kaiserl. Rath K l i n g e r: Ohne den Anschauungen der nachfolgenden Redner vorzugreifen, will ich in Kurzem nur daran erinnern, daß die Finanzen der Gemeinde sich früher in desolatem Zustande befunden haben, so daß zur Deckung der Schulden Entlehnungen aus den Stiftungsgelderu erfolgen mußten. Dies hat sich, Gott sei Dank, jetzt geändert, und wenn die Herren vo.urtheilsfrei prüfen, werden sie gewiß erkennen, daß vieles geschehen ist. Nur müsse mau der Gemeinde Zeit lassen und dann werden auch gewiß die gerechtfertigten Ansprüche auf allen Gebieten der Gemeindeverwaltung nach Thunlichkeit befriedigt werden. Obersinanzrat Dr. Nappaport: Das vorliegende Budget zeigt fast das Bild eines Normalbudgets und das Defizit von 108.000 Kronen müsse umso ernster genommen werden, als die Deckung desselben aus Steuererhöhungen absolut undenkbar sei. Ein Anlehen müsse er unbedingt perhorreszieren, da laufende Ausgaben nur durch laufende Einnahmen gedeckt werden dürfen. Redner weist dann nach, wie viel in der letzten Zeit auf allen Gebieten, namentlich im Armen- und Wohltätigkeitswesen in Wien geleistet wurde, und gelangt zu dem Schlüsse, daß nur strenge Sparsamkeit das Mittel sei, um das drohende Defizit zu beseitigen.