Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 47 (18.12.1903)
- Date
- 1903-12-18
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Oie Wahrheit Nr. 47 Hohepriester den Vorsitz führte, läßt sich aus der jüdischen Traj dition nicht Nachweisen. Hier werden ganz bestimmte Männer j genannt, die den Titel „Nässt" führten, während ihre Stellvertreter „Ab bet Din" genannt wurden, die das Präsidium iw! dieser höchsten Körperschaft des Volkes übernahmen. Sie hatte das ganze religiöse und sittliche Leben im Volke zu regeln, . sorgte für Schulen und Gerichtsbarkeit, kurz war die höchste geistliche Behörde im Lande, und ein ganzer Talmudtraktat beschäftigt sich mit ihrer Wirksamkeit, aus dem der Geschichtschreiber der Juden manches Belehrende schöpfen kann. Auch der Traktat der Mischna, der neuerlich von Strack in Berlin übersetzt und kommentirt wurde und der „Sprüche der Väter" heißt, gibt uns Kunde über die Grundsätze der „Nassi" (Fürst) genannten Vorsitzenden des Synhedrions und ihrer Stellvertreter, „Ab bet Din", das heißt „Vater des Gerichtshofes", genannt. Wir müssen aber auch in Mommsen's Darstellung des jüdischen Krieges den mangelnden Einblick in jüdische Quellen I leider konstatieren. Es ist ja richtig, wenn Mommserl die Schuld I an dem großen Unglücke, welches das jüdische Volk betroffen, indem es sein Staatswesen und seinen Tempel verlor, auch theilweise diesem selbst zuschreibt. Das Hohepriesterthum, das durch Herodes entwürdigt,worden war, indem derjenige, der in der Kriecherei und Verleugnung des Nationalgefühls am weitesten ging, es erhielt, war in gewissen Familien käuflich geworden. Die Entsittlichung der fürstlichen und hohepriesterlichen Geschlechter nahm immer mehr überhand, äußere Frömmigkeit stand höher als Sittlichkeit; aber wie werden diese Zustände gerade von den Edelsten der Nation beklagt! Wenn man nun die Darstellung des Ausbruches jenes unseligen Krieges, der zum Untergänge Jerusalems führte, bei Mommsen lieft, so ist man erstaunt za hören, wie er alle unleugbaren Sünden der Mächtigen in Juda, wie etwa die des Ananias, des Nebedäus Sohn, herworhebt und ihnen alle Schuld an dem unsäglichen Leid, das je eine Nation^betroffeu, zuschreibt und wenig Mitgefühl zu haben scheint mit einem Volke, das sich himmlische Hilfe erwartete von dem schweren Drucke, der aus ihm lastete. Wer nicht die im jüdischen Volke nie ansgestorbenen messianischen Hoffnungen in Beleuchtung zieht, wie dies Döllinger in seinem großen Werke „Judenlhum und Griechenthum als Vorhalle zum Christentum" thut, der versteht weder die Entstehung des neuen Glaubens, noch den blutigen Krieg, in den das verzweifelte Volk getrieben wurde. Weder Josephus noch alle Inschriften der Welt können hier allein als Quelle dienen. Auch beu Ansstand des Bar- Kochba unter Hadrian versteht man nicht, wenn man nicht die Hoffnung ans messianische Erlösung, die tief im Judenthum wurzelt, stets im Auge behält. Und so stehen denn Mommsen und Gregorovius, in seiner sonst so vortrefflichen Monographie über „Kaiser Hadrian", diesen Kämpfen wie Fremde, wie kalte Beobachter gegenüber. Gallier, Germanen, Briten führten schwere Kämpfe gegen die Römer, sie kämpften für ihre Freiheit; aber die Judenkämpse sind mehr, sie haben einen religiös-messianistischeu Charakter. Ein Einblick in das Buch Daniel mit seinen Schilderungen und Bildern, die damals vielfach auf das römische Reich bezogen wurden, hätte den neueren, nichtjüdiichen Geschichtschreibern des Jüdischen Volkes manches erklärt. So anregend und belehrend, so intereffaut und anziehend Mommsens Schilderung von „Judäa und den Juden" auch sein mag, ihr fehlt das tiefere Eindringen in das Wesen dieses unglücklichen Volkes, das ja doch nur aus seinem Schriftthum erfaßt werden kann. Die hervorragendsten Orientalisten wie Franz Delitzsch oder Wünsche haben dies erkannt. Und wie einstens Reuchlinns schenten sie sich nicht, zu jüdischen Gelehrten zu geben und sich von ihnen über jüdisches Schriftthum belehren zu lassen. Dies wäre auch nothwendig gewesen, wenn Mommsen's Darstellung nicht nur blendend, sondern auch dem Charakter des Jüdischen Volkes entsprechend hätte -sein sollen. Ohne Kenntniß griechischer und römischer Quellen ist es schwer, griechische oder römische Geschichte zu schreiben, ohm die hebräischer, jüdische Historie. Und doch sei den Manen des großen Meisters für das Kapitel, das er der jüdischen Geschichte gewidmet, Dank gebracht. Hitfsvereiil für die nothleidende jüdische Kevölkermig m Galhien. Die Generalversammlung des „Hilfsvereines für die nothleidende jüdische Bevölkerung in Galizien" fand unter dem Vorsitze des Herrn Vicepräsidenten Sigmund Mayer am 8. Dez. halb 5 Uhr nachm, im großen Saale des Humanitätsvereines „Wien" Bnai B'rith bei zahlreicher Betheiligung von Delegirten befreundeter Körperschaften und Delegirter der Ortsgruppen. statt. Nach Constatirnng der statutengemäßen Einberufung der Generalversammlung begrüßt der Vorsitzende die erschienenen Vertreter der Ortsgruppen, der befreundeten Körperschaften und die Ehrengäste. Er theilt sodann mit, daß zum größten Bedauern des Ausschusses Herr Maxim. Paul-Schiss von seiner Stellung als Obmann des Hilfvereines zurückgetreteu sei. Er beantragt namens der Vereinsleitung, Herrn Maxim. Paul-Schiff für sein erfolgreiches Wirken den Dank zu votireu, diesen Dank protokollarisch zu verzeichnen und Herrn Paul-Schiss zur Keuutuiß zu bringen. (DerAntrag wird mit Acclamation angenommen.) Der Vorsitzende theilt weiters mit, daß der bisherige Secretär des Hilfsvereines, Herr Dr. Alois Pollak, aufseine Stellung refignirte, daß ihm in der Vereinsleitnngffitznng für seine eifrige und erfolgreiche Thätigkeit der Dank votirt und er einstimmig zur Wahl in die Vereinsleitung vorgeschlagen wurde. Es ist nun gelungen, Herrn Dr. H e r s ch in den Ausschuß zu cooptiren und hat derselbe die Leitung des Bureaus übernommen. Als Einleitung zum Berichte gibt der Vorsitzende folgende Darstellungen: Das von unserem Vereine unternommene Werk, die Jndustrialisirung eines Landes oder eines Theiles der Bevölkerung, ist bisher nur von Regierungen versucht worden. Einer Negierung stehen zu solchem Zwecke große fiuauzielle Mittel zur Verfügung. Sie verfügt aber auch, um eine Industrie zu erzwingen, über das große Machtmittel des Zollschntzes. Unsere Vereinigung besitzt keine solchen Machtmittel, - verfügt nur über geringe finanzielle Ressourcen. Die Arbeit, die sie durchführen soll, gleicht der langsamen Aufforstung eines Karstgebietes. Wir verkennen nicht die Schwierigkeiten' und Hindernisse, die sich uns gegenüberstellen. Vor Allem die Größe der Ausgabe. Doch zeigt sie sich, ziffermäßigersaßt, nicht als unlösbar. Rechnen wir von den 800.000 jüdischen Seelen in Galizien vorerst die weibliche Hälfte, die nur mit einem verhältnißmäßigea Percentsatze mitzuzählen ist, ab, und ebenso von dem verbleibenden männlichen Theile die Kinder unter vierzehn Jahren, die Greise — berücksichtigen wir ferner, daß doch ein ziemlich ansehnlicher Teil der jüdischen männlichen Bevölkerung .im Stande ist. seinen Erwerb im legitimen Handel zu finden, so reducirt sich das Problem daraus, ungefähr 100- bis 150.000 Menschen, die heute erwerblos sind, durch Erwerb Arbeit zu verschaffen. Das ist möglich, denn wir haben in den letzten zwei Jahren schon einige Tausende Menschen dem Erwerb zngeführt. A uch das zweite Hinderniß, die sehr peinliche Indolen; und Theilnahmslosigkeit gerade der jüdischen Geschäftskreise, der jüdischen Unternehmer u. s. w., au die wir uns ^gewendet haben, Hüffen wir zu überwinden. Wenn einmal durch die Einführung von Hausindustrie ein bestimmtes Arbeitsmaterial geichaffen sein wird, so werden sich schließlich Unternehmer bereit finden, in ihrem eigenen Geschäftsinteresse diese Arbeitskraft, wie sie so billig in ganz Oesterreich nicht mehr existirt, zu benützen. Wir haben darum unsere ganze Kraft zunächst der Einführung der Hausindustrie gewidmet. Unser Programm ist allerdings ein ungleich größeres und erstreckt sich aus die geistige Hebung der jüdische» Bevölkerung in Galizien, aber vor Allem muß Erwerb geschaffen werden, daun wird auch das geistige Niveau sich heben. Als vor einem halben Jahrranseud Casimir der Große die Inden ins Land ries, tat er es, weil die Juden damals materiell und kulturell höher standen als die polnische Bevölkerung; erst die aus den verschiedensten Gründe» speziell über die dortigen Juden ganz besonders hereinbrechende wirtschaftliche Not hat sie aucv geistig verelenden lassen. Meine Herren! Zum Geliugeu unseres Werkes gehört dreierlei: Mur, Geschicklichkeit und eine uuerschütterliche, „leidenschaftslose Beharrlichkeit."