Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 47 (18.12.1903)
- Date
- 1903-12-18
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 47. Die Wahrheit Seite 5 Unsere Jugend, die künftigen Stützen unserer Gesellschaft, die blühenden Weinstöcke, im Hause der Armuth und des Mangels geboren, bekommt ein Gewändchen. Aber wozu die Maskerade der festlichen Veranstaltung? In einem Artikel: »Die Unsttte der öffentl. Kinderbekleidung". welcher im vorigen Jabre in diesem Blatte erschienen ist, hat Schreiber dieses die Abhaltung von Festen aus solchen Anlässen nicht nur perhorresziert, sondern auch die Anregung gegeben, daß die Eltern ans diese Art von Hilfeleistung verzichten mögen. Und diese Mahnung soll wieder erfolgen! Wenn es den diversen Vereinen ernstlich darum zu thun ist, der überhandnehmenden Armuth unter der großstädtischen Jndenschast radikal zu steuern, so müßten sich alle zusammenschließen und eine große Aktion zur Schaffung von Existenzen einleiteu. Es sind genug Mittel und Wege vorhanden, um dieses Ziel zu erreichen. Es bedarf hiezu nur eines wahrhaft guten Willens! N. C h a m e i d e s. Mommsen und die jüdische Geschichte. Von Dr. M. Grünfeld. Der Tod hat Deutschland und der gesammten gebildeten Welt den Altmeister der Geschichtsschreibung, den glänzenden Darsteller versunkener Welten, der ans nahezu verwischten und verwitterten Inschriften eine große Vergangenheit vor unserem bewundernden Auge erstehen ließ, entrissen. Mit Bewunderung lesen wir insbesondere den fünften Band seiner „Römischen Geschichte", den er 1885 erscheinen ließ, in dem er dreißig Jahre nach Veröffentlichung des dritten Bandes den Faden der Geschichte des römischen Volkes, so schwer es ihm auch sein mochte, dort ausnahm, wo er ihn fallen lassen mußte, ivie er sich in der Vorrede zu diesem Bande selbst ausdrückt. Er schildert hier die römischen Provinzen in der Kaiserzeir von Cäsar bis Diokletian. Welche Summe von gelehrter Arbeit hier ansgespeichert ist, wie er m seiner glänzenden Schreibweise uns von Italien nach Spanien, von Gallien, Germanien, Britannien in die Donauläuder, dann wieder nach Griechenland und Kleinasien, an den Euphrat, den Jordan und den Nil nach Egypten und Nordasrika führt, uns überall Land und Leute kennen lernen läßt, das in dem Nahmen eines Zeitungsartikels darznstellen, ist wohl kanm möglich. „Gehe durch die Welt und sprich mit jedem/ dieses Wort Firdusis, es prangt als Motto aus dem Titelblaite des fiturteil Bandes der römischen Geschichte, und es kennzeichnet ihn richtig. Das elfte Kapitel dieses Bandes befchäsrigr sich nun mit „Judäa und den Juden" (von Seile 487 bis 552). Man kann, wellu mau das wahrhaft glänzende Kapitel liest, nicht gerade behaupten, der große Geschichtsschreiber sei von allen Vorurteileil frei geblieben, die mau selbst bei Männern, welche aus den Höhen der Wissenschaft wandeln, findet, wenn sie sich mit den Juden und ihrer Geschichte beschäftigen. Er hat vor allem das Wesen der jüdischen Tradition verkannt, weil er sie gleich Schürer, Delitzsch und anderen nichljüdischen Gelehrten za wenig oder gar nicht kauitle. Ihm ist die jüdische Staatengründung nach dem Ende des Exils eine „klerikale Restauration", das hasmonäische Staatswesen ein „Kirchenunstaat", für die Bedeutung der Erhebung des Judenthnms gegen die seleucidische und römische Fremdherrschaft hat er wenig Verständniß, nichtsdestoweniger wird man gerade in unserer Zeit dieses Kapitel mit großem Interesse lesen; denn entbehrt es auch der Wärme und der Begeisterung, so erfreut es anderseits durch die ruhige Objektivität, mit welcher verwahre Geschichtsschreiber von der hohen Zinne der Wissenschaftlichkeit die Geschichte des jüdischen Volkes bis zum Ausgange des dritten Jahrhunderts betrachtet, fern von jeder Polemik, aber auch Apologetik, die gerade die Behandlung jüdischer Geschichte oft ganz ungenießbar machten. Da itf es nun interessant, zu lesen, wie Mommsen dem jüdischen Staate in Palästina die Juden in der Diaspora gegenüberstellt. Dort das starre Festhalten an der jüdischen Nationalität, hier die hellenisirenden Tendenzen. Wenn aber Mommsen von einer jüdischen Propaganda, von einem Bekehrnngseiser in dieser Zeit spricht und diesen dem des Christenthums und des Islams in späterer Zelt gleichftellt, so könnte dies aus dem jüdischen Schriftthum kaum erwiesen werden. Die Rabbinen Judäas betrachteten den Tag, an dem die griechische Bibelübersetzung, genannt Septuaginta, entstanden war, als einen Uuglückstag, und doch wurde die Bibel gerade durch diese Uebersetzung der ganzen gebildeten Welt der damaligen Zeit zugänglich. Wurde diese Uebersetzung von den Griechisch sprechenden Juden Egyptens gleichsam als der erste an das Heidenthum gesandte Apostel betrachtet, so fürchteten die Lehrer Palästinas von ihr eine Verkennung der wahren Lehre des Judenrhums. Es werden wohl andere Motive gewesen sein, die damals zur Verbreitung des Judenthnms beitrugen, als das Heidenthum in gänzlichen Verfall geralhen war. Seneka, der Lehrer des Kaisers Nero, ruft darüber klagend aus: „So weit hat die Lebensweise dieses schädlichen Volkes überhand genommen, daß sie schon fast in allen Ländern angenommen wurde und die Besiegten den Siegern Gesetze geben!" Auch die aus edlem Geschlechte entstammte Gemahlin Neros, Poppäa Sabina, neigte dem Judenglanben zu und war eine eifrige Beschützerin der Inden, wie dies auch Siukiewics in seinem 'Roman „Quo vadis” in nicht gerade vorurtheitssreier Weise darslellt. Ein Hauplverlreter dieses jüdischen Hellenismus war der Alexandriner Philo, der das Judenthum auch vor Kaiser Kalignla zu vertreten berufen war. Auch das Wesen dieses Mannes ersaßt man wohl nicht richtig, wenn man von ihm gleich Mommsen, mehr geistvoll als richtig, sagt, „er stehe zu seiner Landesrelrgion nicht viel anders, als Cicero zu der römischen." Mit dem spitzfindigen Advokaten Cicero, der auch im politischen Leben keine allzu reinli he Rolle spielte und der sich eine Philosophie aus den Weltanschauungen griechischer Dichter zusammenstoppelte, darf man den überzeugungstrenen, keusch-reinen Philo denn doch nicht zusammenstellen, der haushoch über dem Hellenisten und nicht ganz ehrlichen Geschichtsschreiber Josephns Flavins, seinem etwas jüngeren Zeitgenossen, steht. Philo ist das Haupt der Alleaoristen, der gegen die Schmähungen eines Avion anftritr. den Ptinins ln der Vorrede zur Naturgeschrchte „publica amae tympanum“, das heißt „Posaune seilles eigenen Ruhmes" geuauut hat. Philo hebt hervor, wie die jnüäischen Gesetze Menschlichkeit und Liebe künden, diese sogar gegen Thiere uno Pflanzen einschärsen. „Und da verschreien die elenden Sykophanten das Jnoenthnm als menschenfeindlich, während es doch gerade ans Liebe beruht." Freilich, zwei Seelen wohnten in Philos Brust; der judäische Geist einerseits und andererseits der hellenische beherrschten ihn, und vergeblich ist sein Bemüheil, diese Gegensätze in Ernklang zu bringen. Das Christenthum allerdings muß Philos ehrfurchtsvoll gedenken, da er es gewesen, der zuerst die Logos-Lehre, die Lehre von dem „Fleisch gewordenen» Worte" ausbildete, so daß man ihn mir Recht als den erilen Kirchenvater bezeichnele, während er im Jnüenthume in Vergessenheit gerieth, bis im 1v. Jahrhundert Asaria de Ross» in Modena in seiner „Angenlenchte" ihn, wie man heule jagt, wiede,. ausgrnb und aus seine Bedeutung, auch für das Jndenthnm, hinwies. So sind denn die theologlsch-relrgiöjen Fragen, die sich nun einmal aus der Geschichte des Judenlbnms nicht ansscheiüen lassen, nicht gerade die Stärke des Kapitels, das Mommsen über das Juderilhum geschrieben hat. -Wir vermissen in diesem Kapitel auch nähere Angaben über Josephns, den jüdischen Geschichtsschreiber, dem »vir ja doch die Kenntniß der ganzen Zeit, die Mommsen schildert, verdanken. Ueber ihn, der natürlich fast aus jeder Seite eines Geschichrslverkes über die Inden cttiit werden muß, hat Schürer in seiner „Geschichte des Volkes Israel zur Zeit des Stifters der christlichen Religion" sehr lehrreiche und richtige Angaben geinacht. Daß es nicht geht, jüdische Geschichte zu schreiben, wie inan etwa die der Syrer oder Parther schildert, ersehen wir sehr deutlich aus jener» Seiten unseres Kapitels, in denen Mommsen über spezifisch jüdische Einrichtungen spricht, wie über die dies Synhedrions. Schon die Behauptung, daß im Syuhedrion, judaistrt Salchedriu, diesem „Rath der Aeltcsten", der