Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 47 (18.12.1903)
- Date
- 1903-12-18
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Die Wahrheit. Nr. 47. auf den Christen mehr als auf den Juden Rücksicht nahmen und dem hebräischen Unterricht nur ein sehr bescheidenes Plätzchen gönnten. Ja, diese Anstalten wurden bald Pflanzstätten für eine radikale religiöse Reform; ihre Leiter.und Lehrer gaben der ihnen anvertrauten. Jugend zumeist das Beispiel gänzlicher Mißachtung der religiösen Gesetze und Bräuche und redeten namentlich der Abschaffung derjenigen Satzungen, die den Verkehr mit Andersgläubigen behinderten, aufs eifrigste das Wort. Auch sonst machte sich um die Mitte des 19. Jahrhunderts, besonders in den Großgemeiuden, ein immer stärkerer Terrorismus auf Seite der reformistisch gesinnten Gemeindeleitungen gegen die gesetztreue Minderheit geltend, am stärksten in Frankfurt a. M., wo auf Veranlassung des Gemeiudevorstaudes die noch vorhandenen Lehrhäuser zur Pflege des Talmudismus polizeilich geschloffen wurde». Gerade dort in Frankfurt a. M. traten nun 1848 eine Anzahl gesetztrener jüdischer Männer zusammen und erwirkten nach langen, unausgesetzten Bemühungen die Erlaubnis, eine Religionsgesellschatt auf streng religiöser Basis zugründen. Zum Rabbiner dieser Religionsschule wurde der als unermüdlicher Vorkämpfer des gesetztreuen Judenthums in Wort und Schrift bekannte Verfasser der „Neunzehn Briefe" und des- „Choreb", Samson Raphael Hirsch, damals Landrabbiner in Nikolsburg, berufen, der 1851 sein Amt antrat. Er wußte den opferwilligen Mitgliedern dieser Vereinigung sofort klar zu machen, daß eine Schule das notwendigste und wichtigste Mittel zur .Pflege des jüdischen Geistes sei, und daß auch die moderne Bildung in demselben Umfange wie in anderrn höheren Lehranstalten darin ihre Stätte finden müsse. Aber jüdisches Wissen und moderne Bildung sollten nicht als zwei disparate Elemente betrachtet werden, die sich gegenseitig Konzessionen zu machen nud sich wohl oder übel miteinander zu-vertragen hätten. Die Tendenz der Anstalt war vielmehr die: religiöses Wissen und gesetzestreues Leben so innig mit weltlichem Wissen und modernem Leben zu verschmelzen, daß sie sich gegenseitig durchdringen und befruchtend aus einander wirken Tauroli im Derech erez war die Devise der neuen Anstalt, die 1853 zunächst mit vier Klassen für Knaben und für Mädchen eröffnet und innerhalb weniger Jahre vollständig ausgebaut wurde. Daß auch das weibliche Geschlecht neben einer zeitgemäßen- Bildung mit .gründlich?» jüdischen Kenntniffen ausgerüstet und mit den heiligen Schriften im Urtext bekannt gemacht wurde, war eine selbst im gesetzestreuen Lager ziemlich neue Forderung, mit deren Durchführung der geniale Begründer und Leiter der Anstalt das Z'el erst vollständig erreichte, das er sich vorgesetzt hat. In der Knabenschule (von der wir hier allein zu sprechen - haben) wurde der hebräische Unterricht so organisiert, daß die Schüler Gelegenheit erhielten, die Kenntniß der heiligen Schrift und des reichen in der mündlichen Lehre niedergelegten Gesetzes - inhaltes des Judentums an der Quelle zu schöpfen, und daß die Begabteren dadurch befähigt würdet!, auf dem Gebiete der jüdischen Wissenschaft zu tieferen Studien vorzuschreiten. Für das Lehrziel im profanen Unterricht war neben dem Streben nach allgemeiner Bildung das Jutereffe der vorwiegend kaufmännischen Kreise der Handelsanstalt Frankfurt maßgebend. Daher wurde die Schule als Realaustalt mit zwei fremden Sprachen und eingehendem mathematisch^naturwissenschastlichem Unterricht ganz nach dem Lehrplan eingerichtet, wie er für die damaligen höheren Bürgerschulen, jetzigen Realschulen, maßgebend war. Daß das Ziel des hebräischen Unterrichtes erreicht wurde, bewies die immer wachsende Pflege jüdischen Geistes und jüdischen Lebens in dem Kreise der Religionsgesellschaft zu Frankfurt a. M., die; immer mehr das Muster einer modern gebildeten, streng gesetztreuen Gemeinde wurde und das in der alten Stammgemeinde fast gänzlich verdrängte Studium der Gotteslehre wieder zu hoher Blüte brachte. Die Leistungen in den profanen Fächern aber wurden nicht nur von den Behörden der alten freien Stadt Frankfurt, sondern auch nach dem Uebergange Frankfurts an Preußen von den preußischen Schulbehörden als völlig gleichwertig mit den Leistungen anderer Nealanstalteii anerkannt,. Diez sprach sich - darin aus, daß der Anstalt im Jahre. 1867 ztl selben Zeit'wie dem Philantropin die Befngniß erteilt-Wurde' ihren Absolventen wissenschaftliche Zeugnisse zur Berechtigung für den Einjährig Freiwilligendienst auszustellen. Die Schule, die bis 1875 vom Rabbiner Hirsch selbst,, von da ab bis.1900 von seinem Sohne, -Dr. Mendel Hirsch geleitet wurde,, hat inzwischen an Frequenz und Ansehen bedeutend zugenommen. Das durch die Freigebigkeit des vor zwei Jahren verstorbenen-Barons Wilhelm Rothschild erbaute und 1882 bezogene prachtvolle Schulhaus wird jetzt von ca. 350 Schülern (die daran angebaute Mädchenschule von ca. 280 Schülerinnen) besucht die von 12 wissenschaftlichen, 6 Elementarlehrern (und 7 Lehrerinnen) unterrichtet werden. (Schluß folgt.) Pflicht und Religion. Wenn das Judenthnm in Wirklichkeit das sein soll, was es zu sein vorgibt, „der Bannerträger der Humanität und der Civilisation", so muß es vor allem, dem Zeitgeiste Rechnung tragend, das Wort Wohlthätigkeit von seinem Banner wegwischen und an dessen Stelle das Wort „Pflicht" setzen. Die Pflicht aber, welche wir als Ausfluß des natürlichen Rechtsgefühl gegen unsere Mitmenschen üben, hat mit der Religion nichts gemein. Wenn wir noch heute auf dem Standpunkte verharren sollten, daß wir nur deshalb dem Gefallenen, dem vom-Schicksal Enterbten unter die Arme greifen,- weil die Religion es uns gebietet, so würden wir das Recht verwirken, Culturmenschen zu sein. .Die höhere civilisatorische Auffassung geht dahin, daß nicht nur diejenigen ein Recht zu leben haben, die im Besitze aller jener Güter sind, welche das Leben erheischt, sondern daß allen Menschen dieses primitivste Recht zustehr. Und wenn diegegenwärtige Gesellschaftsordnung eine solche ist, daß auf der einen Seite Besitz, auf der andern Besitzlosig- : feit besteht, so können diese Gegensätze, welche füglich eine soziale Notwendigkeit zu sein scheinen, nur in der Weise aus^ geglichen werden, daß die besitzenden Kreise sich bewußt werden, daß sie nur ein Wächteramt versehen und dieses Amt so ausüben, wie es der Sittlichkeit und der natürlichen Gerechtigkeit entspricht. Um dies aber zu eriveiseu, bedarf es blos eines guten' Vorsatzes, und deshalb sagt Kant im vollem Rechte: „Es ist überall in der Welt, ja überhaupt auch außer derselben nichts zu denken möglich, was ohne Einschränkung für gut gehalten werden könnte, als allein ein guter Wille." Ein guter Wille ist aber nur ein solcher, der in der Pflichterfüllung -wurzelt und von ihr beseelt ist. Diese etwas freimüthigen, aber,ehrlichen Worte sollen bezwecken, daß mit der sogenannten Wohlthätigkeit denn doch - etwas weniger Spektakel getrieben werde, daß nicht jedes Geschehnis im Dienste der Pflichterfüllung gegen unsere Mitmenschen mit allerlei Ceremonien und solennen Veranstaltungen, sondern in stiller, würdiger Weise vor sich gehe. Wenn der Winter mit seinen Schrecken für die Armen und die Enterbtendes Glückesund seinen Freuden für die Wohlhabenden und Reichen ins Land gezogen kommt, erwachen die unzähligen Humanitäts Vereine der Großstadt aus ihrem Sommerschlafe und allenthalben hört man die Trommel schlagen: es wird gerüstet zur Bekleidung armer Schulkinder und seit neuerer Zeit armer Greise. Ja, die Gegensätze berühren sich!! . Diese Art von Hilfeleistung ist aber zweifellos eine überaus mangelhafte und erinnert lebhaft an de»! Brauch, am Sabbath Schirah den Sperlingen Brotkrümchen zuzuwerfen. Allein, wir wollen auch so loyal sein und die Brotkrümchen dankend quittieren, wenn dieselben nur im Stillen' und - mit Bescheidenheit gereicht würden; zu Sang und Klang aber ist durchaus kein Grund vorhanden. Arme alte Männer, die ein Leben der Arbeit, hinter sich haben, konnten für den Rest ihrer Tage nicht einmal einen warmen Rock ersparen — die Gesellschaft reicht ihnen Zeinen solchen.. Recht schön! Aber weshalb die öffentlich Demüthigung-? >