Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1903-12-11 · Heft 46 (11.12.1903) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1903
Issue
Heft 46 (11.12.1903)
Date
1903-12-11
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3062972-3063163-3063209--02789-3069495
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 8 Die Wahrheit ■Jlv. 46 regenden Verhöre ausgenommen. Es wurden die Familien der ums Leben gekommenen Opier vernommen; allgemeines Schluchzen erfüllte den Gerichtsiaal. als man noch einmal die in der Stadt zur Genüge bekannten Details hörte. Zunächst erschien Rüben Kazap, dessen Großmutter, Resel Kazap, vor seinen Augen unter grauenhaften Qualen ermordet worden ist. Der Zeuge schildert, daß er beim Anrücken der blutdürstigen Schaar sich geflüchtet und ans dem Dachboden ein Versteck gefunden, von dem aus er zu seinem Entsetzen die Niedermetzelung der alten Frau beobachten mußte, der die Rettung nicht rechtzeitig gelungen war. Simon B a r a n o w i t s ch, der Vater des ermordeten Realsch'rlers der fünften Klasse, Benjamin Bnranowitsch, deponirt. daß er in demselben Hause logierte, in welchen der obenerwähnte Vorfall sich zugetrageu hat. Er und sein Sohn hatten in ihrer Todesangst in einem im Hofe gelegenen Klosett eine Weile Schutz gefunden, sie wurden jedoch von den Unholden entdeckt und der Sohn vor den Augen des Vaters in schrecklicher Weile mit Keulenhieben langsam todtgeschlagen. Der Zeuge kann diese Aussage nicht zu Ende führen, er fällt vor Aufregung in Ohnmacht. Allgemeine Theilnahme bemächtigt sich aller Zuhörer, man sieht d»e Advokaten und die Richter heftig weinen. Die Sitzung muß auf eine Stunde unterbrochen werden. Nach Wiederaufnahme der Verhandlung wurde das Verhör mit Baranowilsch, der inzwischen die Fassung einigermaßen wieder erlangt hatte, fortgesetzt. Aus die Frage nach den näheren Umständen des Mordes gibt er an,-daß außer ihm und seinem Sohne sich an derselben Stelle Benzion Galanter und Israel Rosenmann versteckt hielten. — Prä s.: Würden Sie die Mörder wieder erkennen? — Zeuge: Sie sind hier unter den Angeklagten, Kirjka, Iwan Marasjuk, Kolesnitschenko und Pschernesko, diese vier haben den Galanter, sowie meinen Sohn in bestialischer Weise erschlagen. Mein armes Kind schrie herzerbrechend um Hilfe; ich mußte in meiner grenzenlosen Verzweiflung zusehen. Die Mörder schrieen mich au: rühre Dich nicht, wir werden auch Dich bald wie einen Hund todunachen I" Sie hatten sich auch bereits über mich hergemacht, als Soldaten in den Hof traten, die aber über die Vorgänge gar nicht entrüstet zu sein schienen und den Mördern in gemüthlichem Tone nur zuriesen: „Hier habt Ihr schon genug gethan, Kinder, geht jetzt weiter!" Ich konnte dann durch ein Fenster auf die Straße gelangen und wollte mich retten; es siel mir jedoch ein, daß meine Frau und die anderen Familienangehörigen sich in einem Stall verborgen halten. Ich kehrte daher um, um sie zu suchen; da traf ich den Polizeipristaw des zweiten Bezirkes, Solowkin. Ich fiel ihm weinend zu Füßen. Darauf fragte Solowkin: „Warum jammerst Du, es wurde doch noch Niemand bei Euch ermordet!" Ich sagte: „Komm, ich werde Dir die Leichen zeigen, die im Blute liegen." Er kam dann mit mir zu jener furchtbaren Stätte, sah sich die Szene an und sagte: „Richtig!" Dann wandte er sich zum Gehen, wobei er unwillkürlich in die Blutlachen treten mußte. Er hielt sich deshalb eine Weile auf, um sich die Schuhe zu reinigen, ließ sich aber trotz des Flehen» der jüdischen Bewohner nicht bewegen, auch nur das Geringste zu deren Schutze zu veranlassen. Diese schlichte Darlegung wirkte erschütternd auf alle im Gerichtssaal anwesenden Personen. Die Vertreter der Anklage beantragen die nochmalige sofortige Vorladung Solowkins, damit er mit Baranowilsch konfroruiit lverde, da er bekanntlich vor wenigen Tagen unter Eid ansgesagt hatte, er habe nicht gewußt, daß in seinem Rayon Mordihaten geschehen seien. Der Gerichtshof beschließt die Vorladung. Solowkin erscheint kreidebleich; Baranowilsch erinnert ihn an die Szene, wie er vor ihm aus den Knien gelegen und unter Hinweis auf das noch nicht getrocknete Blut seines Kindes ihn um Hilfe angefleht hatte. Solowkin stellt alles in Abrede, er behauptet, er erinnere sich nicht mehr. Es wird Frau Baranowilsch, die Mutter des erschlagenen Knaben, verhört, die auf drei Mörder hinweist, welche sie mit einer Eisenstange schlugen, bis sie ohnmächtig wurde. Verschiedene Nachrichten. Nie«. (Ottakring.) Der Verein zur Nusspeisung armerisrael Schulkinder des XVI. und XVII. Bezirkes verunstaltet Sonntag den 13. December d. I. nachmittags halb 3 Uhr, im Raimund-Theater eine Wohl Hätigkeits-Matinoe. Dargestellt wird der „Hochtourist-. Der Verein, der gegenwärtig täglich 82 Kinder ausspeist und seit 5 Jahren im XVI. and XVII. Bezirke wahrhaft segensreich wirkt, verdient allenthalben von den Glaubensgenossen unterstützt zu werden. Karten zn dieser Vorstellung sind beim Cassier, Herrn Adolf Kohn, XVII., Hauptstraße 5, und an der Cassa des Raimund-Theaters zu haben. Kien. Donnerstag, den 17. Dezember 1903. halb 7 Uhr abends findet in den Saallokalitäten des Cafe Neptun, XX. Mathildenplatz 7 die diesjährige General-Versammlung der Mitglieder des israel. Tempelvereines Brigittenau statt. Im Falle der Beschlußunfähigkeit dieser General-Versammlung findet an demselben Tage, abends halb 8 Uhr in denselben Lokalitäten eine außerordentliche General-Versammlung statt, die ohne Rücksicht aus die Zahl der anwesenden Mitglieder beschlußfähig ist. Tagesordnung: 1. Berichterstattun; des Obmannes. 2. Wahl von 5 Vorstandsmitgliedern und 1 Vertrauensmann. 3. Eventuelle Anträge. Wie«. Der seit 35 Jahren bestehende Allgemeine Kranken-Unterstützungs-Verein „Nächstenliebe", II. Prarerstraße 50, veranstaltet auch im heurigen Jahre wieder ein Wohlthätigkeitsfest, und zwar ein Kostümkränzchen (ohne Kostttmzwang) und wird dasselbe am 9. Jänner l904 in den Prachtsälen des Hotel Post, I. Fleischmarkt 16, siattfinden. Das Neinerträgnis dieser Veranstaltung wird dem außerordentlichen Unterstützungsfonde des Vereines zugeweudet, welcher es sich zur Aufgabe gemacht hat. Hilfsbedürftigen, insbesondere erkrankten Vereinsmitgliedern, außer den statutenmäßigen Krankengeldern, Unterstützungen und Kurbeiträge zu gewähren. In Anbetracht dieses humanitären Zweckes ist dem Vereine eine rege Beteiligung zu wünschen. Kien. Der theolog. Verein der Hörer an der isr. theolog. Lehranstalt veranstaltet anläßlich seines zehnjährigen Bestandes im Festsaale des Hotel „Post" am 15. d. eine D e c e n n a r - und Chanuka-Feier. Aus dem reichhaltigen Programm seien folgende Punkte erwähnt: Begrüßung durch den Praes. Herrn Gustav Sicher. Anzünden der Chauuka-Lichter durch Herrn Oberkantor Bela Guttmann. Prolog, verfaßt und vorgetragen vom Vereinsmitgliede Herrn Kurrein. Liedervortrag des Herrn Oberkantor B. Guttmann. Deutsche Festrede von Herrn Johann Stößler. Recitation jung-jüdischer Dichtungen von Herrn Gustav Tellheim, Mitglied des k. k. Privileg. Theater in der Josefstadt. Hebräische Festrede . . . Lieder gesungen vom Quartett des Männergesangsvereines „Schir Zion", Herren L. Rosen, B. Ullmann, Dr. Liewer, M. Löhner. Hebräische Declamation, Herr Eh. Schwenger. Dem officiellen Theile folgt ein gemüthlicher mit Gesang, humoristischen Vorlesungen, Bierzeitung und einem Ulke „Der Probecandidat." Das Komas behält sich Bereicherung des Programmes vor. Gäste herzlichst willkommen! Entree frei. „Küche Herlinger." Kien. Der jüdische Schulverein für den IX. Bezirk (IX. Pramergasse 5) veranstaltet auch heuer wie im Vorjahre mit dem Geselligkeitsvereine eine Chanukafeier mit Kinderkleidung am 17. Dezember d. I. im Restaurant Stroblhof. IX. Porzellangasse 50 (Buffet koscher). Reichhaltiges Programm! Gäste herzlich willkommen! Kien. Eine erhebende Bekleidunzsfeier fand Dienstag, den 8. d. M. abends im Brigittenauer Tempel unter besonders zahlreicher Betheiligung der Damenwelt statt. Als Vertreter der Cultusgemeinde war Herr Cultusvorsteher Dr. A. Berger anwesend. Gegen 300 Kinder wurden mit Kleidern, Schuhen und Backwerk beschenkt. Die Firma S. Hirsch (Mariahilserstraße) stellte für den Humanitären Akt durch Frau k. k. Rechnungsrevidentin Löwit 24 Paar Schuhe zur Verfügung. Rabbiner Dr. Feuchtwang hielt eine schwungvolle, inhaltreiche Rede, die bei Jung und Alt erhebend wirkte, und Oberkantor Oesterreicher trug mit Chorbegleitung ein deutsches Lieo und die Volkshymne vor. Der Brigittenauer Frauenverein und der Verein „Die Brüder" theilten sich in dem Verdienste uin das gelungene Zustandekommen des guten Werkes, ebenso die Herren Lehrer Faltitschek, Oehler und Weiß in der Mühe, die Ordnung beim Feste aufrecht zu halten. Wien, lieber Veranlassung des Vorstandes der israelitischen Cultusgemeinde Wien wird im Festsaale des österr. Ingenieur:' und Architekten- Vereines, I. Bez. Eschenbachgaffe Nr. 9, eine Anzahl von Vorträgen aus jüdischer Geschichte und Volkskunde abgehalteu werden. Der erste Vortrag findet Montag, den 14. Dezember d. I. abends halb 8 Uhr stakt und zwar wird Herr Dr. Max Grunwa ld über „Die Juden in den Weltstädten des Altertums sprechen. Der Eintritt ist frei." St. gölten. Kürzlich fand-n hier die Neuwahlen des Cultusausschusses start und wurden gewählt: als Vorsteher Herr Carl Frank, Fabriksbesitzer; Vorsteherstellvertreter Herr Samuel Mandl, Kaufmann; Beirath .Herr Leopold Reininger, Lederhändler; Ausschüsse die Herren Siegmund Allina (St. Pölten), Moritz Mautner (tzöchlarn), Ignatz Welisch (Wiesenfeld), Leopold Wollner tPurkersdorf). Als Ersatzmänner die Herren Siegmund Allina jun. (St. Pölten), Alois Brumlik (Loosdorf). In den verstärkten Cultusausschuß wurden gewählt: die Herren Julius Kohn (St. Pölten), Eduard Frischer (St. Pölten), "Moritz Reiß (St. Pölten), Heinrich Spiß (Wilhelmsburg), Moritz Scha zer (Pöchlarn), Ludwig Soffer (Neulengbach), Adolf Greger (Erlauf).

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.