Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 46 (11.12.1903)
- Date
- 1903-12-11
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Desterr.-ungar. Cantoren-Zeittmg Klr. 46. ZSeitage zur Zeitschrift „Die Wahrheit." 23. Iahrg Chamckageld. Von. Armin Wilkowitsch, Cantor in Eibenschitz. Als einen der Testen seines auserwählten Volkes hat Gott den Chasan erkoren und ihn reichlick mit seiner Gunst beschenkt. Aber nicht irdische Güter, nicht glänzendes Gold, nicht Weingärten und Gehöfte voll von Schafen und Rindern machte er ihm zu Eigen. Nein! Aus des Mdens reichen Schätzen nahm Gott ein Kleinod, eine kostbare Perle, „Chen" genannt, und schmückte damit das Anlitz des Chasans; in seine Brust senkte er die Macht des Gesanges, daß er der Menschen Seelen begeistere, zum Weinen und Jauchzen zwinge. Im Tempel, wo die angesehensten Gemeindemitglieder es sich zur besonderen Ehre anrechnen, vor die Thora gerufen zu werden, ist der Chasan ein bedeutsamer Faktor: er singt und sagt, er trillert und jauchzt, er begeistert die Zuhörerschaft mit seinem Gesänge und lockt selbst dem Verstocktesten Thränen aus den Augen. Jedermann hört auf seine Stimme, wie auf die des Herrn. Und ist wo eine Sude, eine Hochzeit, überall wird er herbeigeholt, genießt die fettesten Bissen, wie einst der Priester, der die Opfer brachte.. . Kurz, — es scheint der glücklichste Berns ans Erden zu sein. Aber nicht alles ist Gold, was glänzt! Es ist ein Gericht, dem ein Gewürz fehlt, ein wichtiges Gewürz, das ich „Hochachtung" heißen würde. Der Person eines gottbegabten Sängers sollte das P. T. Publikum doch etwas mehr Respekt entgegenbringen und ihm nicht, wie es leider so allgemein üblich ist, gleich einem Lakeien, bei irgendeiner Gelegenheit eine Gabe in die Hand zu drücken wagen, ebenso sollte man ihn nicht zu den Feiertagen gleich den Ortsarmen beschenken. Wollen die Gemeiudemitglieder den Angestellten Spenden zuwendeu, so möge dies durch das Gemeindeamt gehen, welches die eingelangten Beträge an die Funktionäre vertheilt, oder was noch viel besser wäre, man stelle die Cnltnsbeamteu durch entsprechende Fixirung ihres Gehaltes so, daß sie nicht aus die Generosität der Gemeiudemitglieder angewiesen sind, und untersage ihnen, etwaige Feiertagsgeschenke anzunehmen. Ueber dieses Thema ist übrigens in diesem Blatte schon sehr viel geschrieben worden, und die diesbezüglichen Klagen sind vollkommen berechtigt. Doch, meine liebwerten Berufsgenossen, Ihr könnt Euch glücklich preisen, wenn Ihr hinüber, richtiger gesagt, hinunter zu Eueru Eollegen im Osten schaut. Dort ist des Cantors Gehalt, das vom Ertrage des Ritualbades und der Schechita gedeckt wird, ganz minimal, und seine eigentliche Existenz macht das Nebeneinkommen aus. Wie sehen aber diese Nebeneinkommen aus? In Rußland beispielsweise fängt der Chasan mit dem Beginne des Monates Elnl an (bis zu Jom- Kippur) auf den Gottesacker zu gehen. Die Weiber, die auf Kiwre-Owos . hinkommen, holen ihn aus die verschiedenen Gräber, um von ihm Maskir sein zu lassen, und besolden ihn dafür mit, sage fünf Kopeken (ca. 12. Heller.) Vor jedem Regel geht er Maskir<Neschomos-Geld von Haus zn Haus einsammeln. Doch das gienge noch alles an. Das Lächerlichste ist aber das um »Ghannka-GeltP gehen. Am ersten Chanukaabende nimmt der Chasan Laterne und Stock zur Hand und geht, von einem Meschorer begleitet, von Haus zu Haus, von Hütte zn Hütte. In die Keller hinunter und nach den Giebelstübchen hinauf lenkt er seine Schritte. Und hat er durch acht Nächte seine Schnorrvisiten absolvirt, dann ist er auch nicht um fünfzig Rubel reicher. Aber die Auswärligeu seines Sprengels sollen auch nicht von ihm verschont bleiben. Einige Tage nach Chanuka mietet er sich ein Wägelein mit einem dmren, melanckolisch gestimmten Gaul, den Kutscher macht zumeist der Baß, und so fahren sie von einem Dorf zum andern. Auf Bargeld ist da wol keine Aussickt, das was er erbeuten kann, sind höchstens Naturalien: ein Säcklein Kartoffeln, Erbsen oder Linsen er. Ich erinnere mich einer Episode, die mir ein Chasan von einer solchen Schnorrreise zurückkehrend, erzählte und die ich nachfolgend wiedergeben will. „Mein Lieber!" fieng der bedauernswerthe Berufsgenosse an, „die Jeschuwim sind heutzutage auch nicht mehr so freigebig, wie man glaubt. Wo man hinkommt, ist, nachdem die Dorssleut den Braten riechen, Niemand zn Hause zu treffen. Heute z. B. kamen wir zu einem reichen Arendar. Kaum erblickte er von weitem unser „Zengel", husch! verkroch er sich in einen Wagen und deckte sich mit dem Geflechte zu. Aber mein Baß hat Augen wie ein Luchs! — „Wan! Chasanleben!" raunte er mir ins Ohr, wir werden dem Kerl solche Spässe schon austreiben!" — Wir stiegen ab, traten in das Haus ein und wünschten einen breiten „Gut' Morgen". „Wo ist Red Sorach?" srug ich die Jeschuwneze. „Er ist eben iu die Stadl gefahren," erwiderte sie in fast weinerlichem Tone. „Schad', schad'! siel mein Boß ein; „habt Ihr'nicht etwas Warmes im Hause? wir sind vor Kälte ja fast erstarrt," fuhr er fort. „Nichts, gar nichts!" beteuerte sie. „so gerne ich Euch auch was verehren wollte. Dort siedet ein Topf mit Bulves, (Erdäpfel) aber die sind ungenießbar, ich koche sie eben für die Behemes." Mein Baß ließ die Frau weitersprechen, er aber lief zum Herd, erwischte mit einem Hader den Topf und lies hinaus. Bald vernahmen wir ein Schreien und ein Fluchen. Der Arendar trat halbtodt ins Haus und wimmerte: „Der Kerl hat mich ja töbreu wollen! er hat mich ja ganz abgebrüht!" Ehaim Baß aber entschuldigte sich aufs höflichte: „Ich habe ja nur die Bulbes abseien wollen. Wie hätte ich es ahnen sollen, daß Ihr im Wagen lieget?" Israelitische Kultusgemeinde Wien. Aus den Erträgnissen der von dem am 14. September 1887 in Wien verstorbenen Herrn Heinrich Stern errichteten Heiratsausstattungsstiftung gelangt ein Platz im Betrage von K 265 an ein armes braves jüdisches Mädchen vorzugsweise an ein solches, welches mit dem Stifter verwandt ist — zur Verleihung. Die mit dem Geburts,- Armuts- und Sittenzeugnisse, sowie mit der Bestätigung über die erfolgte Verlobung, eventuell dem Nachweise über die Verwandtschaft mit dem Stifter belegten Gesuche sind bis 31. Dezember 1903 im Einreichungsprotokolle der Israel. Kultusgemeinde Wien I., Seitenstettengasse 4,1, Stock zu überreichen und werden dortselbst Gesuchsblankette unentgeltlich verabfolgt. Auszüge aus den Geburts- Trauungs- und Sterbematriken der Israel. Kultusgemeinde Wien sind als Gesuchsbelege nicht erforderlich, sondern genügt die genaue Angabe der betreffenden Daten. Verspätet überreichte oder nicht entsprechend belegte Gesuche werden nicht berücksicht. Wien, 1 Dezember 1903. Der Vorstand der Israel, l^ultusgemeinde “Wien.