Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 46 (11.12.1903)
- Date
- 1903-12-11
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 46 Die Wahrheit Seite 7 Ein deutscher Fabrikant Namens Kalweit deponirt, das; er, als er am erwähnten Tage ausging, die Juden von Rotten von Excedenten gejagt sah, sowie daß jüdische Geschäfte geplündert wurden, ohne daß von irgend welcher Seite dagegen eingeschritten worden wäre. Ein anderer Deutscher, W e d e - mayer, erzählte: Ein Arbeiter trug hoch in den Lüsten ein Telegramm und rief , mit lauter Stimme: „Es ist Befehl von hoher Seite gekommen, gegen die Juden loszugehen, sie zu schlagen und zu berauben!"' Nun gelangten eigentliche Opfer der Excesse zur Aussage. Der jüdische Kaufmann Lazar Lapuschner hatte auf dem Neuen Markt ein Galanteriewarengeschäst innegehabt; am Ostersonntag drangen die Plünderer ein, eigneten sich einen Theil des reichhaltigen Warenlagers an, während sie das. was sie nicht davonschleppen konnten, mit Kerosin (russischem Petroleum) nbergossen und in Brand steckten, von welchen auch der Laden ergriffen wurde. Der Zeuge, der bis dahin ein wohlhabender Kaufmann war, ist hiedurch vollständig zu Grunde gerichtet und zum Bettler geworden (Bewegung). Portug.als, ebenfalls ein Beschädigter, deponirt, daß man am Sonntag, den 19. April, zunächst die Fenster seiner Wohnung mit Steinen bombardirt hrbe; da er auf der Straße den Stellvertreter des Polizeipristaws, Sadoroschny, bemerkt hatte, mit dem er sehr gut bekannt war, rief er ihm zu, ob denn die Juden ganz schutzlos seien und ob man sie nach den bestehenden russischen Gesetzen straflos überfallen dürfe? Sadoroschny antwortete darauf: „Wenn Ihnen die russischen Gesetze nicht gefallen, gehen Sie nach Amerika!" Zugleich wandte er sich an die aus dem beuachtbarten Wirthshause kommenden Arbeiter und sagte ihnen: „Seht einmal diesen frechen Juden an, er verlangt, ich solle ihm eine Wache beistellen!" Zu mir gewendet, rügte er hinzu: „Morgen wirst Du etwas erleben!" Am folgenden Tage ist mein Haus vollständig verwüstet worden; die Einrichtung wurde zertrümmert, und mit Mühe konnte ich mich mit Frau und Kindern retten. Ich traf dann unterwegs den Stellvertreter des Polizeipristaws, Kadrian, und bat ihn flehetttlich um Schutz; er fuhr mich barsch au und wendete sich fluchend ab. Nachdem Ruhe eingetreten war, wollte ich in meine Logis zurück, fand aber alles zertrümmert; die Nachbarn sagten mir, daß Ballinskh. ein Mann aus der christlichen Intelligenz, der Anführer der Bande war und nach seinen Weisungen in meinem Hause „gearbeitet" wurde. Als mein Unglück bekannt wurde, kamen auch viele Christen, um mir ihr Beleid auszudrückeu,. darunter der Adelsmarfchall Krnpensky, der als Vertreter der Stände heute als Gerichtsbeisitzer fuugirt. K i s ch i n e w, 30. November. Bei der Fortsetzung der gestrigen Verhandlung wurde ein höherer Gouvernementsbeamter Namens B u ch a l o vernommen, der aus eigener Initiative eine Anzeige an di: Staatsanwaltschaft über die von ihm selbst beobachteten Gewalttatheu erstattet hatte. Er hat besonders mit Entrüstung beobachtet, wie die Weinhandlung des David Feldstein, die sich gerade gegenüber dem zweiten Polizeirevier befand, vollständig zerstört wurde; die gegenüberstehenden Polizisten sahen dem Zerstörungs- Werke ruhig zu. _ _ Es folgt die Vernehmung des ehemaligen städtischen Spitalarztes Dr. Doroschewsky, dessen Ausführungen man mit Interesse und,Spannung entgegensah, da er als hochangesehener Arzt von keiner Seite verdächtigt werden kann. Allgemeine Stille herrschte, im Saale, während der Zeuge seine eigenen Beobachtungen zu, Protokoll gab. Der Zeuge war im städtischen Krankenhause thätig und hatte, als erster Arzt, den Verwundeten Hilfe zu leisten; der Anblick der Opfer war ein so furchtbarer, daß er mit Worten i'icht zu schildern sei. An den Leichen erkannte man, daß die unglücklichen Opfer lange gemarrtet und grausam verstümmelt worden waren. Von einer Leiche war ein Ohr vollständig abgehackt, an einer anderen der Kopf bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt; einem einäugigen Manne, namens Weißmann, war das andere Auge ausgestochen worden. Aus dem Befunde ging unzweifelhaft hervor, daß diese Verletzung nicht durch einen bloßen Stoß aufs Auge, sondern durch langsames Martern des Unglücklichen hervorgerufen wurde. Einem andern Verwundeten, namens Selzer, wurde gleichfalls ein Ohr abgeschnitten. Dr. Doroschewsky erzählt weiter, von zuverlässigen Leuten gehört zu haben, daß einer Leiche der Bauch aufgeschlitzt und mit Federn gefüllt worden war. Der Schuhmacher Andrusjec berichtete ihm, daß er selbst in Gegenwart des Untersuchungsrichters Dawidowitsch einer Leiche aus der Nase zwei eiserne Nägel herausgezogen und dem behandelnden Arzte übergeben hat. Der Gerichtshof beschließt, diese erwähnten Zeugen vorzuladen. Dr. Doroschewsky sagt weiter aus, daß er über diese Mißhandlungen und Verstümmelungen der Leichen kurz nach den Exzessen in einem russischen Blatte Mittheilungen zur Kenntniß der Oeffentlichkeit gebracht hatte; es sei dann der Gouvernements-Oberarzt Pretjatkowitsch zu ihm gekommen und habe ihn aufgefordert, seine veröffentlichten Angaben zu widerrufen, da diese für ihn von sehr unangenehmen Folgen begleitet sein könnten. Der Zeuge antwortete, die Folgen seien ihm gleichgültig, da ihm die Wahrheit über alles gehe. — Advokat Karabtschewsky: Wann wurden Sie Ihres Posten enthoben? — Dr. S o r o d f ch e w s ky: Am 16. Mai a. St. — Karabtsch ewsky: Wann wurden Sie vom Untersuchungsrichter Freynat vernommen? — Zeuge: Am 14. Mai a. St. Tiefen Eindruck machte nun die 'Aussage des Konfektionsgeschastsinhabers Fischmann, der ein großes Waarenlager an der Ecke der Nikolajewskaya und Puschkingasse besaß. An den Ostertagen war das Lokal geschlossen, die Exzedenten zertrümmerten die eisernen Rollbalken und brachen unter lautem Gejohle ein. Was sie nicht mitnehmen konnten, wurde zerstört und vernichtet. Das geschah in der zweiten Nachmittagsftunde am Montag den 20. April, in Anwesenheit des Vizegouverneurs Ustrugow, des Gendarmerieobersten Chansenkow, zahlreicher Polizisten und einer großen Ansammlung von Personen aus den Kreisen der Intelligenz, die dem Zerstörnngswerke mit vielem Interesse zusahen. Auch Militär war unter Führung von Offizieren auf dem Schauplatze ausgestellt. „Als die Banditen heranrückten." erzählt Fifchmann, „gaben die Offiziere Befehl, daß die Soldaten einige Schritte zurücktreten, um den Plünderern Platz zu machen. Ich war wie von Sinnen vor Aufregung und lies von einem Funktionär zum andern; ich stehte den Vizegouverneur und den Gendarmerieposten an, diesem Vandalismus Einhalt zu thun und mich und meine Familie vor dem Ruin zu schützen. Alles war umsonst! Man ließ sogar die Soldaten erbeutete Gegenstände fortfchleppen. Daß Bürger aus den gebildeten Ständen thätigen Anlyeil an den Vorgängen nahmen, ist mir durch eigene Wahrnehmungen bekannt. Ich habe selbst gehört, tote der Notarius Pissartschewsky und Stadtrath Sinardino an der Ecke des Boulevards der versammelten Menge zuriefen: „Das ist einmal ein Festtag! Gehet heim, leget eure Sonntagskleider an!" Der Student Malaj, der eben vorüberging, rief mit lauter Stimme: „Rasch zur Arbeit, die Zeit ist kurz!" Es blieb nicht unbemerkt, v«ß der Präsident nun endlich die ausdrückliche Nennung von Personen aus den Kreisen der Intelligenz, die sich aktiv an den Exzessen betheiligt hatten, zuließ. Man vermnthet, er habe eine Weisung bekommen, der Gerechtigkeit nunmehr einen etwas freieren Lauf zu lassen. Ein Vertreter der Anklage richtet an Fifchmann die Frage: Was haben Sie sich gedacht, als Sie in Gegenwart hoher Funktionäre und des Militärs die Exzedenten nnbebehelligt in Ihr Lokal eindringen sahen? — Fischma n n: Ich glaubte, es sei tatsächlich ein allerhöchster Befehl gekommen. uns Juden zu berauben und zu vernichten. Ein Kommis der Firma Fifchmann, namens S ch m ü ck l e r, bestätigt als Augenzeuge alle von seinem Chef ausgesagten Einzelnheiteu. Damit schloß die gestrige Verhandlung. K i s ch e n e w. 30. November. Heute wurde die Verhandlung mit einem besonders - auf