Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 46 (11.12.1903)
- Date
- 1903-12-11
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sette 6 Die Wahrheit. Rr. 46 sich liegen und darin die Aussagen Stepanows verfolgt. Sie hörte sich an wie die Deklamation eines Schulknaben und weckte allgemeine Heiterkeit. Präs: Wisien Sie denn nichts weiter auszusagen, als was in dem Artikel enthalten ist? Der Zeuge schweigt verlegen. — Prä s.: Haben Sie auch noch an anderen Journalen mitgearbeitet, als nur an der „Snamja"? — Zeuge: Ich hatte nie Gelegenheit, bei anderen Blättern mitzuarbeiten; jedoch die offiziellen Eingaben an die Behörden, betr. die Handwerkerinnung, verfasse und schreibe ich immer selbst. (Stürmisches Gelächter.) Advokat Großma n n: Haben Sie wirklich den in der „Snamja" erschienenen Artikel selbst verfaßt? — Stepanow: Ja. — Advokat Großmann: Dann erklären Sie mir folgendes Räthsel: Der Aufsatz in der „Snamja" ist in vorzüglichem Russisch, in litterarischer Sprache verfaßt, während ich hier eines der von Ihnen als Obmann verfaßten und eigenhändig geschriebenen Schriftstücke in der Hand habe (er zeigt ein solches vor), worin es in jeder Zeile von grammatikalischen und orthographischen Fehlern wimmelt. Advokat G r o ß m a n n verliest Satz für Satz diese authenische schriftliche Arbeit Stepanows, die allgemein erheiternd wirkt. Der Zeuge wird verwirrt, faßt sich aber und erwidert : Dieses Schriftstück habe ich in großer Eile geschrieben, da ich zu einer korrekten Abfasiung keine Zeit hatte, während ich für den Artikel in der ^Snamja" mich durch einige Wochen unter Benützung von Lehrbüchern vorbereiten konnte. (Wiederholtes Lachen.) Warum lacht man denn darüber? Ich hahe in Sachen der Handwerker anläßlich des in Petersburg abgehaltenen Kongresses der Zünfte Eingaben versaßt, über welche Niemandgelacht hat. Karabtschewski: In Ihrem Artikel in der „Snamja" kommt u. a. der Satz vor: „Ueber die Inden werden noch alle Plagen ergehen, die über Pharao gekommen sind!" Können Sie vielleicht sagen, wer ist das „Pharao"? Was ist das für ein Mann? — Step anow (denkt eine Weile in augenscheinlicher Verlegenheit nach) : Ich glaube, daß dieser Name in der Bibel vorkommt!" — Karabische wski: Gut. Wissen Sie auch, in welchem Lande Pharao gelebt hat? — Stepanow: Ich bitte um Verzeihung, ich habe in meinem Leben keine Geographie gelernt! — Advokat G r u s e n b e r g: Sie sind laut Ihrer Angabe ein ständiger Mitarbeiter an Kruschewans Blättern. Sie haben also gewiß den Artikel im „Bessarabetz" gelesen: „Die Assimilation der Juden"? — Stepanow Ich glaube, man macht sich über mich lustig, daß man mich über unverständliche „türkische Dinge" ausfragt. Ich habe das Wort Assimilazija nie gehört. — Grusenberg: So? Und wie kommen Sie zu den Ausdrücken: ^Kongreß, Kultur, ökonomische Situationen" etc., die in Ihrem Artikel in der „Snamja" Vorkommen? — Stepanow: Diese Worte habe ich in meiner Grammatik gefunden. Damit endete für heute die Einvernahme dieses Prachtexemplars eines Mitarbeiters der vom Ministerium des Innern subventionirten „Snamja"' Die strenge Prüfung dieses klassischen Entlassungszeugen ist aber noch lange nicht zu Ende, denn erwirb noch später zugleich mit seinem Gesinnungsgenossen Pronin darüber vernommeu werden müssen, welche Rolle sie beide an den kritischen Tagen gespielt haben. Es liegen mehrere Aussagen vor, daß die Exzedenten von Pronin und Stepanow bewirthet, mit Geld reichlich versehen und angeeifert wurden. Der folgende Zeuge ist der Stellvertreter des Polizeipristaws des zweiten Stadtreviers, namens D o b r o s e l s k y. Er ist gleich seinem Kollegen Solowkin (das ist der richtige Name des bereits oft erwähnten Polizeikommissärs) bemüht, die Juden als die ersten Angreifer und sogar als Plünderer und Zerstörer christlichen Eigentums hinzustellen. Auf die Frage, ob er hierfür ihatsächliche Beweise anführen kann, weiß Zeuge sich keiner bestimmten Fälle zu erinnern; sein Gedächlniß scheint ihn überhaupt im Stiche gelassen zu haben, da er sich selbst hinsichtlich der stadtbekannten Vorgänge nicht mehr genau zu entsinnen vermag. In der nachmittägigen Verhandlung legte der Staatsanwalt Exemplare der Proklamation vor, die vor dem Osterfeste zur Aufreizung gegen die Juden verbreitet worden waren. S ch m a k o w verlangt, daß man einen der bekanntesten Mitarbeiter Kruschewans, M. g. L a s o, als Zeuge vorlade; da dies vom Gerichtshöfe abgelehnt wird, stellt Schmakow das Ersuchen um Urlaub, da er in dringender Angelegenheit nach Moskau zu reisen habe. Während seiner Anwesenheit in Kischenew hat er im Redaktionsgebäude des „Bessarabetz" gewohnt. Die Kosten seines Aufenthaltes wurden von der Wohlthätigkeitsgesellschaft „Bessarabetz", einer von Kruschewan geschaffenen Institution, bestritten. K i s ch i n e w, 29. November. Gestern wurden fünfzehn Zeugen vernommen, darunter als erster der Revieranfseher Blagoj. Am 19. April hatte er in der Vorstadt Sknljanskaya-Rogatka Dienst; er sah eine Schaar junger Bursche, gefolgt vou einer größeren Menge erwachsener Männer, welche gegen die Juden loszogen. Ungefähr 200 Mann Militär waren in der Nähe postirt; sie leisteten den Plünderern Hilfe, betheiligteu sich an der Beute und hatten sich von den geraubten Gegenständen viel angeeignet. Der Oberst des Regiments sah sich dann veranlaßt, eine Untersuchung einzuleiten, und drei Wochen lang sind beinahe täglich aus den Plünderungen herrührende Sachen an das Polizeirevier abgeliefert worden. — Der Präsident fragt den Zeugen: Wie haben sich die Juden während der Exzesse verhalten?'— Blagoj: Durchaus passiv; sie thaten nichts, was als Angriff hätte gedeutet werden können. — Präs.: (zum Zeugen): Haben Sie es versucht, den Exzedenten entgegenzutreten? — Blagoj: Da es mir nicht zustand, Maßregeln zu ergreifen, beschränkte ich mich darauf, den Leuten Vorstellungen zu machen; sie lachten mich aber aus und erklärten: „Wie kommst Du dazu, uns das zu verbieten, da doch der heilige Synod uns gestattet hat, die Inden zu schlagen?" — Prä s.: Was thaten die Polizeiwachmänner? — Zeuge: Sie waren ungehalten darüber, daß ich sie davon abhielt, sich ihrerseits zu betheiligen. Einer fragte' mich, weshalb ich für die Juden Partei nehme und nicht, wie in anderen Revieren, die Exzedenten in ihrem Unternehmen unterstütze. In einem einzigen Falle konnte ich mit gezogenem Säbel einer Rotte entgegentreten, die einen Juden morden wollte, und diesem das Leben retten. Der folgende Zeuge, ein anderer Revieraufseher, namens Borowitzky, aus dem zweiten Stadtbezirke, sagte in entgegen- - gesetztem Sinne aus. Die Juden seien bewaffnet gewesen und hätten in seinem Revier die Christen geschlagen und mißhandelt. Ans die Frage nach der angeblichen Bewaffnung der Juden kann er nur sagen, daß mehrere junge Leute unter denselben Stöcke trugen und hiedurch aufreizend erschienen. Es wurden dann zwei Wachmänner vernommen, die ganz im Geiste ihrer Vorgesetzten auch ihrerseits die Juden als die Urheber der Exzesse und demnach als die Schuldigen bezeichueten. Von besonderem Interesse war die Aussage des Besitzers der Theeschankwirtschaft „Moskwa", namens Grigorjew. In dessen Lokal ist das bekannte Pamphlet Pronins, in welchem zur Betheiligung an den bevorstehenden Exzessen aufgefordert wurde, zur Vertheilung gelangt. Auf die Frage, was für Leute sein Lokal zu besuchen pstegen, erwidert der Zeuge, daß sich bei ihm kleinere Kauflente, Beamte und Handwerker einfinden, sowohl Christen als auch Juden. —• Präs.: Wie verhielten sich die Juden und Christen zu einander? Saßen sie an denselben Tischen oder mieden sie sich gegenseitig? — G r i gorjew: Ich habe eine Spannung nie bemerkt. Es saßen oft Christen und Inden freundschaftlich beisammen. Der nächste Zeuge war ein Angestellter Pronins. Er sagt aus, er hätte am 19. April um 9 Uhr morgens gesehen, daß die Inden einen Christen überfielen und verwundeten.; er. konnte aber seine Behauptungen im Kreuzverhöre nicht aufrecht erhalten, da erwiesenermaßen bis zum Nachmittag dieses Tages Ruhe geherrscht hatte.