Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 46 (11.12.1903)
- Date
- 1903-12-11
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Die Wahrheit Nr. 46 Ein Zeichen der Zeit. Da hatten wir jüngst wieder einen interessanten Fall. Der Obmann eines Wiener Bethaus-Vereiues hat es unternommen, nach den wahren Ursachen zu forschen, warum die intelligenten Juden der Gegenwart nur unwillig oder gar nicht in den Tempel gehen, statt dessen aber im Theater, im Kaffeehaus, im Konzert und in der Singspielhalle, kur; überall, wo mau sich -amüsiert, in Massen zu finden sind. Und das Resultat dieser Forschung war: Rabbiner und Cantor sind Schuld daran; sie fassen ihr Amt zu lax aus. Besonders der Cantor. Die Unregelmäßigkeit seines Sludienganges, die oft ungenügende Vorbildung, die Möglichkeit, daß jeder verkrachte Handelsmann, wenn er nur eine schöne Stimme und die nötige Protektion besitzt, selbst in angesehenen Gemeinden zum Tische des Herrn treten kann; all diese Umstände tragen dazu bei. daß niemand mehr in den Tempel geht, wo solch nichts wissende und nichts könnende Stimmhelden als Cantoreu ihres Amtes walten. Diesem Uebel könne nur dann mit Erfolg vorgebeugt werden, wenn am Wiener Rabbiner-Seminar ein Lehrkurs für angehende Cantoreu eröffnet würde. Dies in Kurzem der Jdeengaug des Herrn Si—bg. Richtig ist derselbe allerdings nicht, aber mit seiner Behauptung von der Laxheit des Rabbiners und Canlors, welche die Beter aus dem Gotteshaus scheuchen, und der Anschauung, daß die schöne Vortragsweise des Cautors volle Häuser machen und den Leuten eine angenehme Stunde bereiten soll, steht Herr St—g nicht allein. Sie ist in Stadt und Land vielen Leuten mundgerecht, aber nicht destoweniger völlig haltlos und könnte eigentlich nur von demjenigen mit voller Ueberzengung vertreten werden, der den Mnth besitzt, einzugestehen: mir ist Tempel und Kouzerthaus eins und dasselbe. Einst war das allerdings ganz anders. Unsere Eltern und Vorväter bedurften des Anreizes nicht bei ihrem täglichen Gang ins Gotteshaus. Ihnen war die Gottesfurcht allein Anlaß genug, die wahre und tiefe Religiösität Ursache und Wirkung zugleich. Sie sahen und schätztelt in dem Seheliach zibur den Vorbeter, den Interpreten dessen, wessen sie selbst zumeist in Wort und Schrift mächtig waren, und verstand er es, mit wohllautendem Ton, mit lveichem Stimmklang und Gefnhlsin.nigkeil Text und Inhalt geziemend zu illustrieren und sich aus eigenem Herzen ins Herz der frommen Zuhörer hineinzuschmeichelu, so wars umso besser für ihn; aber die Andacht zu wecken, brauchte er nicht, nur sie zu fördern war seine Aufgabe. Darin hat nun der Gang und Drang der fortschreitenden Zeit gründlichen Wandel geschaffen. Wer den Lebenskampf mit Erfolg bestehen will, der mich ein hübsches Sümmchen realen Wissens sein eigen nennen, und das gibt Arbeit in Hülle und Fülle. Sechs Stunden täglich nimmt die Schule allein in Anspruch, dem muß genügt werden ohne Widerspruch. Soll mau nun, so lautet die allgemeine Frage der zärtlich besorgten Eltern, dem schwachen Kinde, der zarten Schuljugend, dem nervösen Geschlecht« der Jetztzeit noch mehr aufbürden? Soll man sie vielleicht wie anno dazumal tagtäglich ins Cheder schicken, um daselbst Chumisch und Raschi, den Urtext der heiligen Schrift gut und gründlich lesen und verstehen zu lernen? Daß wir Juden sind, das wissen wir ohnehin, und wüßten wirs nicht, man sagt es uns zur rechten und Unrechten Zeit allüberall laut und vernehmlich. Muß man denn auch von seinem bischen Judentum Alles wissen, was zur Stammreligion gehört? Wozu denn und weshalb? Hebräer sein und hebräisch können, das ist doch zweierlei. Wir sind mit dem zufrieden, was die Knaben und Mädchen in zwei Stunden Religionsunterricht die Woche profitieren. Die Schule ist dazu da, um den Schülern das Um und Ans dessen, was sie zur Befriedigung ihres religiösen Bedürfnisses auf dem Lebenswege brauchen, in ausreichendem Maße betzubringen. Außerhalb der Schule gibts kein Nachübeu und Nachlernen. Wer solls besorgen und wer überwachen? Der Vater? Der hat den Kops voll anderer Sorgen. Die Mutter? Sie tst gut und zärtlich, liebevoll und nachgiebig, aber eine Respektperson ist sie nur höchst selten, zuweilen auch ganz und gar Seite 5 nicht. Sie sind auch gar nicht fromm die Väter und Mütter des Zeitalters der Freiheit und Gleichest; nein! beileibe nicht! Der grimmigste Feind wird sich hüten, ihnen diesen Vorwurf zu machen. Es ist die rein umgekehrte Welt von einst. Einst und jetzt! Worin liegt da der Unterschied für uns? Wir machen dem Volke die größtmöglichen Zugeständnisse; wir ahmen ihnen in Brauch und Sitte Zug um Zug nach; wir essen mit ihnen aus einer Schüssel; bosoar weeholew und ungespalteues Klauenvieh ist uns zur Lieblingsspeise geworden; wir trinken mit ihnen aus einem Glase, reichen ihnen die Freundeshand und buhlen um einen Kuß von ihrem Brudermunde. Und doch.... und doch! Wir sind immer die Prügelknaben. Unsere Eltern und Großväter, die nichts von alldem taten, waren es auch. Fragt mau eineil jungen Manu von ganz gediegener allgemeiner Bildung, den ein Zufall oder eine plötzliche Anwandlung von Andacht und Gottglälibigkeit in die Synagoge verschlagen: Welches Gebetstück rezitiert der Cantor, wo und auf welcher Blattseite ist es im Gebetbuche zu finden? Er wird Um, als wüsste er's ganz bestimmt, aber die Hände werden fast willenlos hin Uild her blättern und die Augen irrend herumschweifen, ohne aufs Gesuchte zu stoßen. Hand in Hand mit dieser konstant zunehmenden Uusicherherheit im Lesen und dem Mangel au Verständnis unserer heiligen Betsprache geht eine andere nicht minder trostlose Erscheinung einher: Unsere Söhne llnd Töchter und die aus der interkonfessiouelleu Schule hervorgegaugene Gesammtjugend von heute stehen dem Jahrtausende alten Tempelzeremoniell, der Liturgie und all den sinnbildlich schönen Sitten und Gebräuchen Altisraels, gleichviel ob sie in und außerhalb des Gotteshauses Uebu,lg und Achtling erheischen, ob sie einen Gegenstand des Ritualgesetzes, eia Erbgut der Vergangenheit oder ein unverletzliches Gebot des Glaubens bilden, an dem nicht gerüttelt und geklügelt werden darf, fremd gegenüber. Das kann ja anders gar nicht sein. Denn das Wellige, was der Schuljugend beim Religionsunterricht eiugeschärft wird, verderben Vater und Muter, indem sie durch Nichtachtung der religiousgesetzlichen Vorschriften in allem und in jedem schon die ersten Regungen der kindlichen Gläubigkeit uild ivilligen Nachahmung im Keime ersticken. Borchit und Schma, Kodausch und Boruch können die Kinder nur vom Hörensagen. Wo und wann man sitzen und stehen, respondiren und sich verbeugen, still beten und andächtig zuhören soll, das weiß der Hundertste nicht. Kommissär und Aufseher, Lehrer und Tempeldiener muffelt gar achtsam Umschau halten, daß Summen und Brummen, Schwätzen und Lachen nicht allzu sehr die Andacht und die Tempelorouung stören. Mögen die Gemeinden als Religiouskörperschafteu was immer dagegen Vorkehren, es hilft nichts. Träger und Erreger dieses Gruudübels sind Vater uild Mutter, das Familienhaus, die freireligiöse Erziehung der jüdischen Generation der Gegenwart. (Schluß folgt.) der Prozeß gegen die Nschenewer (Siebenten. Kischenew, 27. November. Bei der heutigen Gerichtssitzung warf gleich die erste Zeugenaussage ein grelles Licht auf einen der wichtigsten Helfershelfer Kruschewaus. Der Mann heißt S t e p a n o w und ist seines Zeichens Handwerker; er spielt als Zunftobmann in seinen Kreisen eine gewisse Rolle, besitzt aber fast gar keine Schulbildung, und man weiß allgemein, daß er gänzlich unfähig ist, auch nur einige Zeilen abzufassen. Trotzdem ist er Mitarbeiter der „Suamja", uitö Kruschewan hat von ihm einen der wüchendsten Hetzartikel gegen die Juden in seinem Blatt zeichnen lassen. Diesen Artikel, auf den Stepanow ungemein stolz ist, kennt er beinahe wörtlich auswendig, und als er heute als Zeuge vernommen wurde, deklamirte er ihn von | Anfang bis zu Ende. 1 Der Präsident hatte die ganze Zeitdie „Snamja* vor