Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 46 (11.12.1903)
- Date
- 1903-12-11
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Die Wahrheit. Chanuka. Warum kann Jsraeltrotz aller Verfolgungen und trotz des Abfalls, der immer erschreckendere Formen annimmt, sortbesteheu? Die Antwort auf diese Frage liegt im Makkabäerfeste. Mag mau über die traurigen politischen Erscheinungen der Gegenwart und über die endlosen Tiraden der Volksgankler, welche die leichtgläubige Massen beherrschen, wie immer denken, das eine steht fest, Laß alle Feindschaft gegen Israel heute, wie zu allen Zeiten, dem neidischen Auge ' zuzuschreiben ist, das am Nebeumenschen keinen guten Fleck sehen kann. Nach der letzten Beschimpfung der Ärzte im niederösterr. Landtage ist uns allen wieder dasselbe nach anderer Richtung klar geworden, daß der gaitze Kamps dem Brolneide entspringt und der Frucht, die Juden könnten an der Aufklärung der Massen teiluehmeu und so jenen Schwarzen entgegenarbeiten, die nur die Verdummung des Volkes für sich ausnützen. Wie zur Zeit der syrischen Gewaltmaßregeln die Verehrung des wahren Gottes mit aller Grausamkeit unterdrückt wurde, um das morsche Heidentum zu verherrlichen die Menge der Herrschsucht betrügerischer Bildungsseinde wehrlos auszulieiern, so besteht noch heute und in aller Zukunft der Kampf des Lichtes gegen die Finsternis. Zwei Gewalten kämpfen im Leben um den Vorrang, die fortschreitende Bildung, die Gegensätze mildernd, das Ziel reinster Versöhnung anstrebend, und die dagegen mit allen Mitteln wütende Finsternis, die heute mehr denn je alles Wissen zu verschlingen droht. Wie Antiochus Epiphanes, Hadrian und alle Feinde des kleinen Stammes der Juden sie in erster Linie ihres Gottesglaubens berauben wollten, so suchen die Feinde des Lichtes auch heute den Glauben des Volkes zu trüben, ihn mit Haß und Verfolgung zu durchsetzen, um zur angeblichen Wahrung dieses Glaubens die niedrigste Menschenhetze zu betreiben! Und dennoch hat sich das Judentum bis jetzt erhalten und wird mit Gottes Hilfe in fernster Zukunft noch bestehen. Wenn Rußland 5 Millionen Menschen wegen ihres Glaubens verfolgt und ihrer natürlichen Rechte als Menschen beraubt, so schändet es damit die Religion, die Geschichte und die Würde der Menschheit. Wie sehr auch dieser arme russische Jude sein Vaterland liebt, es mit seinem Blute verteidigt und willig jedes Opfer bringt, er wird dennoch verfolgt und entrechtet. Und damit will man die Forderungen des Volkes nach Recht ersticken, dantit die großen Fragen der Verfassung lösen, daß mau die Juden verfolgt und ermorden läßt! Um dem Gauzen die Krone aufzusetzen, beschuldigt man wegen einzelner Fälle alle Juden der revolutionären Gesinnung und behauptet, daß sie die Führer der sozialistischen Bewegung seien. Welche Thorheit! Weil einzelne Führer jener Bewegung, die den großen Massen des Volkes zu den ihnen gebührenden Rechten veryelsen will, zufällig dem Judentume ««gehörten, sind alle Juden revolutionär. Man höre nur die Berichte von ganz unbefangenen russischen Juden, die ohne jede Färbung gegeben werden, vom namenlosen Elend der auf ein enges Gebiet zuiammengetriebeneu Brüder mit den Hunger- und gramverzehrten Zügen, man schaue sich selbst dort um, um jene Uebertreibungen auf das tatsächliche Maß zurückzuführen und unserer Alten Wort zu würdigen : gii8mo hi umigusmo lo gomrinon es ist eine Ueberueibung, auf welche wir nie Schlüsse bauen dürfen! Gewährte man den insfischen Inden Luit und Licht, Recht und Freiheit, so würden sie, wie überall, ihre Kräfte zum Wohle des Vaterlandes — allerdings zum Entsetzen jener brotneidischen Dunkelmänner — entfalten, die in ihnen schlummernden Kräfte würden sich zum Heile des großen Reiches entwickeln und neues Leben würde erwachen. Wäre man gegen solche Erwägungen nicht blind, so kennte nicht bloß für Jirael, soucnln ui: ganz Rußland ein Fest des L-chles, der Ausk.ärnng und dcr aus wahrhafter Bildung beruhenden ruhigen Entwickelung der Unlel rauen überall gefeiert werden. So aber schreckt m <11 vor d n grauinmstenjUnlerd'.ückungsmaßregeln nicht zurück und schont nicht tiunal hilflose Kranke, teilen der Besuch der Bäder verboten wird, um nur das drohende •••* Nr. 46. Gespenst angeblicher jüdischer Uebermachl zu verscheuchen Wer erinnert sich da nicht unwillkürlich an die Leiden der Väter in Aegypten, wo ebenfalls die Uebermacht Israels-den Vorwan fr zu den abscheulichsten Schändungen der Menschenrechte bot? Chasak wenischasak bead adosenu Alle müssen wir zusammen kräftig unser Recht, unsere religiöse Entwicklung und den Gedanken der Menschlichkeit, wie er 1 in unserem ganzen Schrifttum sich ausprägt, verteidigen, jenen Gedanken der reinsten Gottesverehrung, der Einigung aller Menschen zum Kampf fürs Licht gegen die Mächte der Finsternis. Adonaj nissi! Der Ewige ist mein Panier! Das muß für alle das Losungswort sein. Israel will Licht in der Welt, es will den Fortschritt der Menschheit, durch welchen allein die Macht des Lichtes bedingt ist. Galangsam allerdings schreitet die Bildung fort, La es an Klarheit der Begriffe fehlt. Man will einzelne Auswüchse auf verschiedenen Gebieten beseitigen, kann aber nicht in dem Durcheinander sich zurechtfinden und greift oft die Wurzel an, ,uut irgend einen kleinen Fehler am Aste zu beseitigen. Aufgabe der Bildnngsfreunde muß es also vorerst sein, Beqriffsklarheit in die Menge zu bringen. UnsereLehrer bemerken im Traktat salrhat: mizwat chanuka: ner isch ubesö wehamehadrin : ner lechol echöd weechöd. Wohl genüge es, wenn .der Hausherr für sich und seine Kinder das Licht der Weihe zünde; jene aber, die diese Pflicht im höheren Sinne auffassen, werden gewiß auch ihre Söhne veranlassen, daß jeder im Vaterhause schon das Channkalicht anzünde um das dann später mit umso größerem Eifer auch seine Kinder zu lehren. Ja, lasset ein jeder auch die lichtsücheuoen Kinder dies Licht zünden und erklärt ihnen das Fest glaubensstarker Makkabäer, dann werden wir solche nicht bloß gehabt haben, sondern stets besitzen! Wenn Raschi bemerkt, daß das, was man in der Jugend gelernt, lvas man gleichsam mit der Muttermilch als Kind eingesogen hat, sich länger in uns erhält als das später, oft erst im Greisen - alter Erlernte, so sei dies eine Mahnung für uns, unsere Kinder im Lichte der Thora, die eine wahrhafte Lichtquelle ist, zu erziehen, ihnen das Bewußtsein zu verleihen, daß der alte Gott noch lebt und webt, daß er uns in aller Zukunft, als der Väter Hort, behüten und zum Lichte führen wird. Damit ist die eingangs gestellte Frage der Erhaltung des Judentums gelöst: „Mein Wort, das ich in deinen Mund gelegt, es soll nicht weichen aus deinem, deiner Kinder und der spätesten Nachkommen Munde, von jetzt an und immer!" Das ist die ständige Zunahme des Lichtes religiöser Erkenntnis, die beständige Vertiefung und Verinnerlichung der Religion. Das ist das Wunder der Erhaltung Israels."- Wenn die Schule Schamais am ersten Tage acht und dann immer weniger, wir aber mit Hillels Schule erst ein Licht, dann zwei, drei u. s. w. zünden, so wollen wir hier nicht erst Ulas Bemerkung in sabbat über den diesbezüglichen Streit der beiden Amoräer erörtern, sondern sowohl die jomim hanichnosim von Schammai wie die jomim hajoz’im von Hillel beachten: Die Tage, die da. kommen sollen, wie die, welche bereits dahingezogen, müssen Wir im Auge behalten. Aus der Vergangenheit lernen, was in der Zukunft zu geschehen hat und was zu unterlassen ist. Werden wir dies im Stande sein? Möge uns Gottes Gnade dazu verhelfen! Nur vor dem größten Unglücke bewahre uns Gott: vor der Meinung, der Jude werde dur<H zeitgemäße Umformung seines Glaubens sich den Verfolgungen entziehen! Dieser Täuschung begegnen wir fast in allen Jahrhunderten, doch nur Unglück hat sie gebracht. Nie kann es gelingen, Unterschiede zu tilgen, ohne daß man das Unterscheidende aufläßt. Entweder mau. ball seine Emuna die Ueberzeugung von unserem Verhältnisse zu Gott, in ihrer Form bei, oder man geht bewußt oder unbewußt ins andere Lager! Mag auch zu jeder Zeit aus - gleichenden Bestrebungen vieles günstig gewesen sein, das eine rsl klar: Soll es Liebt in der Menschheil werden, so kann dies nicht durch Abstreifung der Ueberz ugung. sondern nur durch ihre Festigung und Vertiefung eriolgen. Kr um au. im Kijlew 5604. Dr. L. H i r j ch.