Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 45 (4.12.1903)
- Date
- 1903-12-04
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Kesterr.-ungar. Cantoren-Zeitung. Nr. ^5. Beilage zur Zeitschrift „Die Wahrheit." 23. Iahrg Musik und Ludenthum. Berlin, im November 1903. Den Reigen der Vorträge im hiesigen Verein für jüdische Geschichte und Literatur eröffnete der Organist an der Danziger Synagoge Herr Dr. E. Fuchs, welcher über das Tema „Musik "und Judentum" sprach. Einleitend schilderte der Redner den großen Einfluß, welchen der Vorstellungskreis der Bibel auf die Musik, speziell auf die deutsche ausübt. Meister wie Händel und Bach haben sich daran begeistert, und so merkwürdig dies auch klingen mag, ist letzerer ohne den jüdischen Geist gar nicht denkbar. Die Völker unterscheiden sich nach ihrer natürlichen musikalischen Begabung, nach der Art ibrer Volkslieder und Kompositionen in sogenannte Dur- und Moll-Nationen. Dem jüdischen Volke speziell ist eine große Hingabe an die Musik zu eigen. Seine syuagogalen Melodien sind besonders in der Moll-Tonart gehalten, was denselben einen etwas schwermütigen Ausdruck verleiht. Die harten Verfolgungen und Bedrückungen, denen die Juden namentlich im Mittelalter ausgesetzt waren, hinderten bedauerlicherweise die Erhaltung und Ausgestaltung der hebräischen Gesänge, welche in der Folgezeit mehr und mehr eine Nachahmung deutscher Choräle wurden. Dem Judentum dankt die Musik eine stattliche Reihe schaffender Künstler und Komonisten, namentlich sind die leuchtendsten Sterne am Himmel des GeigenviUuosentums Juden oder jüdischer Abstamnrung. Die Musik wird vielleicht dereinst, wie der Redner verheißungsvoll aussprach, die Friedensbrücke gegenseitigen Verständnisses zwischen Juden und Christen bilden. Der interessante Vortrag wurde durch musikaltsche Erläuterung am Klanier, die der Referent selbst in vollendet technischer Weise gab,'^wirksam unterstützt und fand allseitigen Beifall. ~ Diesen Bericht ergänzt der Vortragende durch folgende Zeilen: „Außer von jenen Völkern, deren Gehör von der Natu^ einseitig für Dur oder für Moll disponiert ist — wie die Deutschen, die kein Volkslied in Moll haben und die alten Griechen, deren sämtliche Skalen nach Riemann Ausschnitt aus der Molltonleiter sind — habe ich von Völkern gesprochen, die, wie die Russen, für Dur und Moll gleich gut disponiert, also musikalisch reicher begabt sind, und nicht nur in jedem der beiden Klanggeschlechter Volkslieder besitzen, sondern auch beide im selben Lied schon einander entgegensetzen; und endlich von Völkern, die in ihren Skalen schon Dur und Moll mischen, wie es die zigeunerischen, ursprünglich zweifellos orientalischen (?) Skalen tun Die jüdische Neimah (Sang- und Spielweise) mischt nun griechische und orientalische Skalen (oder Skalenhälften, Tetrachorde) — eine Ansicht, in der ich im Prinzip mit Oberkantor Singer-Wien zusammentreffe. Ich habe nur mehr Skalen für den Schatz jener Neimah angenommen, als er, weil die seinigeu z. B. jenes archaische Ki hinneh Kachomer am Jom Kippur, wie es Lewandowski mitteilt, nicht erklären und meine sieben oder acht jüdischen Skalen (Tonarten) es auch begreiflicher machen, daß die Musiklehrlinge im Tempel zu Jerusalem fünf Jahre ohne Noten studieren mußten, ehe sie als Sänger zugelassen wurden. Heute ist noch der Gesang guter Chasonim die Quelle zur Feststellung wirklich jüdischer Tonweise." Obercantor Ä. L. Spiro. Breslau, am 2. Dezember 1903. Die Feier des 70. Geburtstages unseres langjährigen Oberkantors Spiro hat sich geradezu zu einer imposanten Kundgebung allgemeiner Beliebtheit gestaltet, wie sie sich der bescheidene Jubilar kaum gedacht hätte. Schon am Freitag haben der Vorstand und die Synagogeukommission je eine Ehrengabe mit schmeichelhaftem Begleitschreiben überz i reichen lassen. Zahlreiche Gratulationen und Geschenke liefen ein, worunter? eines besonders hervorgehoben zu werden verdient, weil es den genialen | Spender, wie den frommen Jubilar in gleicher Weise ehrt. Der Sohn des Jubilars nämlich, der berühmte Maler Eugen Spiro, dessen Meisterwerke in jürstlichen Palästen willkommen sind, so bei Erzherzog Franz Ferdinand, bei der Königin Witwe von Sachsen, beim Fürsten Hohenlohe u. s. w., hat nach dem bekannten Kupferstich ein Bild von Moses Maimonides geschaffen, das jedem jüdischen Museum zur Zierde gereichen würde. Und der geniale Künstler wußte, daß er damit dem geliebten Vater die schönste Freude bereiten werde. Aber die höchste Auszeichnung wurde dem Jubilar beim Morgengottesdienste im Gotteshause, seinem Wirkungskreise, zuteil. Anknüpfend an die Worte Jakobs im Wochenabfchnitte: Wahrlich, das ist ein Gotteshaus und das ist das Tor des Himmels, entwarf unser Rabbiner Dr. Rosenthal in meisterhafter Rede I ein Bild von der Bedeutung des Gotteshauses im Judentum und kam! so auf den Jubilar zu sprechen, den er als musterhaften Vertreter seines E Amtes feierte. Kaum hatte der Rabbiner dieses Thema berührt, als sich die ganze Gemeinde, welche das Gotteshaus füllte, wie ein Mann erhob und so dem Jubilar die schönste Ovation darbrachte Rach dem Gottesdienste gratulierten periönlich der Vorstand, die Rabbiner Dr. Rosenthal und Dr. Guttmann, der Lehrkörper des jüd. theol. Seminars, Dr. Neustadt Redakteur des jüd. Volksblattes in Breslau, Stiftsrabbiner Dr. Krakauer, der kaufmännische Hilfsverein und viele Freunde und Bekannte. Telegraphisch gratulierten die Oberkantoren Bauer und Singer aus Wien, Oberkantor Friedmann aus Berlin im Namen des deutschen Kantorenvereines und zahlreiche Berufsgenoffen und Freunde. Möge dem frommen Jubilar eine noch recht lange Tätigkeit in seinem heiligen Berufe beschieden sein! Publikationen - \be$ Hesterr.-ung. ßanL-ren-Dereines Eingezahlte Vereinsbeiträge: Weiß, Tobitschau K 4; Buchsbauin, Kroat. Krenz K 8; Brunner, Jglau K 2'50; Saller, Breitenbrunn K 3; Jellinek, Oberhollabrunu K 4; Kohn, Neustraschitz K 3; Scharr, Wien K 6; Bauer, Wien K 4; Lemberger, Wien K 2; Schönseld, Tab K 2; Rätter, Pisek K 6; Rosenfeld, Pisek K 2; Allenberg, Liesing K 4; Schechter, Czernov'.tz K 6; Grünfeld, Wien K 4; Samek, Schüttenhofen K 4; Singer, Wien K 20; Lüwy, Neunkirchen K 4; M. Schlesinger, Wien-Ottakring K 4; Kahn, Rakonitz K 12; Kohn, Mähr.-Budwitz K 10; Kornfeld, Pilsen K 4; Friedl, Klosterneuburg K6; Sokolnik, Stanislau K 6; Baßel, Wien K 4; Scharr, Wien K 2; Blatt, Wien K 3; Kraus, Veröcze K 8; Lagodzinsky, Zwittau K 2; Steckler, G.-Jenikau K 8; Moor, Prag K 6. Durch das Vereinsmitglied, Herrn Cantor I. Weiß, Tobitschau, sind der Vereinskaffe aus der Gemeinde Tobitschau nachfolgende Jahresspenden übermittelt worden: Gemeindekaffe K 4, Zedakah K 2. Chewra Kadischa K 2, Frauenverein K 2, ui Summa K 10. Indem wir den geehrten Spendern und dem geehrten Einsender aufrichtigen Dank abstatten, erlauben wir uns die geehrten Kollegen aufzufordern, in gleicher Weise für die Vereinskaffa tätig zu sein. Ferner werden die geehrten Mitglieder dringendst ersucht, die fälligen und rückständigen Vereinsbeiträge an den Vereinskassier, Herrn Hverkantor W. Scharr, Me«, II.» Hkere Donaustraße 47, umgehend einzusenden. Zur Aufklärung sei konstatirt, daß die Aufnahmsgebühr 4 Kronen, der Jahres-! beitrag 8 Kronen beträgt. Ueber vielfache Anfragen beehren wir uns mitzuteile», daß die Details der Centennarfeier für Salamon Sutzer den Gegenstaild eingehender Beratungen sowohl im Schoße des in der Wiener Cultusgemeinde gebildeten Sulzer-Komiiees als auch im Vorstande des sösterr.-ung. Cantoreuvereines bilden, und werden wir ichon in allernächster Zeit in der Lage sein, über die gefaßten Beschlüsse Näheres mitznteilell. Der Vorstand des österr.-nng. Kaulorenvereines.