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Die Wahrheit · 1903-12-04 · Heft 45 (4.12.1903) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1903
Issue
Heft 45 (4.12.1903)
Date
1903-12-04
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 45 Die Wahrheit Seite 7 Am 25. November wurden zwei russisch-orthodoxe Geistliche einvernommen, die unter Eid aussagten, daß das vor dem Osterfeste verbreitete Gerücht, die Juden hätten eine Kirche verunreinigt und den funktionierenden Priester ermordet oder auch nur geschlagen, gänzlich erfunden gewesen sei. Der bereits wiederholt genannte antisemitische Polizeikommissär Solonkin sagt aus, daß die Juden auf dem Weinplatze in großen Scharen, mit Stöcken bewaffnet, postiert gewesen seien und durch ihr Verhalten aufreizend auf die Christen gewirkt hätten. Der Zeuge verwickelt sich aber in Widersprüche. Auf die Frage, warum er nicht eiugeschritten sei, antwortete er, er habe dies mit den zwei oder drei Wachleuten, die auf dem Platze ihm zur Verfügung standen, nicht tun können. Der Vorsitzende fragt: Warum haben sie die Unterstützung des in der Nähe dislozierten Militärs nicht i» Anspruch genommen? Solonkin antwortet: Ich glaubte nicht, daß dessen Intervention nötig sein würde. Ferner macht der Zeuge die höchst bemerkenswerte Aussage, daß auf dem Tschufliplatze beim Ausbruch der Exzesse kein einziger Jude sich befunden und daß das dort befindliche Karussel des Sonntags wegen gesperrt war. In Anbetracht dessen erscheint die auch in das offizielle Communique der Regierung übergegangene Angabe, daß anläßlich der auf senem Platze abgehalteuen Volksbelustigungen ein Jude einer christlichen Frau und ihrem Kinde einen Stoß versetzt hätte und daß dies die eigentliche Ursache der Ausschreitungen gewesen sei, tatsächlich unbegründet. Der Viceüirektor der Strafanstalt bezeugt, daß der Agitator Pronin zu ihm gekommen sei und ihn ersucht habe, eine von ihm verfaßte Proklamation unter den Sträflingen zu verteilen; auf Verlangen mehrerer Rechtsanwälte wird die Proklamation zur Verlesung gebracht. Pronin beschimpft darin in der gewohnten Weise die Juden, bringt allerlei Verleumdungen gegen sie vor und stellt die Exzesse in einem Lichte dar, daß die Mörder und Räuber nicht nur als gerechtfertigt, sondern sogar als Helden erscheinen, die sich um das russische Volk besondere Verdienste erworben hätten. Dabei ergab sich die überraschende Tatsache, das Pronin, der Verfasser dieses Pamphletes, zugleich derjenige war, welcher den in Rußland am kaiserlichen Hofe und im Volke große Verehrung genießenden Priester Johann von Kronstadt, nachdem dieser ans eigener Initiative eine die Exzesse verdammende Epistel an die Christen veröffentlicht hatte, durch erdichtete Darstellungen beeinflußte und bewog, seine Kundgebung zurückzuziehen und ein zweites Sendschreiben mit entgegengesetzter Tendenz zu erlassen. Nachdem Pronins Pamphlet verlesen worden war, zog Verteidiger Schmakow ans der Rocktasche ein Blatt hervor und reichte es dem Präsidenten mit den Worten: „Hier ist der zweite Brief des Priesters Johann von Kronstadt. Ich bitte, auch dieses Dokument zu verlesen, da es Pronins Darstellungen in vollem Maße bestätigt." Die Rechtsanwälte der Juden, voran Kelmanowitsch, protestieren energisch gegen dieses Verlangen und erklären: Schon aus Achtung vor der ehrwürdigen Person jenes Priesters müssen wir dagegen Einspruch erheben, daß dieses Schriftstück, welches von Anfang bis zum Ende auf den in Pronins Pamphlet enthaltenen gewissenlosen Entstellungen der Tatsachen und den vom Verfasser dem arglosen Seelenhirten gelieferten, irreführenden Kommentaren beruht, hier vorgebracht werde, zumal da dies auf die Angeklagten den schlimmsten Einfluß ausüben würde. Nach kurzer Beratung beschließt der Gerichtshof, den zweiten Brief des Priesters Johann weder zu verlesen noch zu den Akten zu legen. Pronin wird nun in einem dreistündigen Verhöre einvernommen. Er bekennt sich als Verfasser des Pamphlets: „Wer ist der Schuldige?", worin er den Inden alle möglichen Verbrechen zur Last legte. Auf die Frage, womit er seine Behauptungen begründe, antwortet er, daß er solche Beschuldigungen von verschiedenen Leuten gehörte habe; selbst weiß er keine Tatsachen anzuführen. Er gesteht, daß er selbst zum Priester Johann gereift ist, um ihn zu überzeugen, daß er mit seiner Epistel kein gutes Werk getan habe, und um ihn zu einem zweiten, die Mörder entschuldigenden Sendschreiben zu veranlassen. Staatsanwalt Dsibelli fragt: Auf wessen Veranlassnug und zu welchem Zwecke machten Sie die Reise? — Pronin: Aus eigenem Antriebe; ich konnte nicht Zusehen, wie die Juden die christliche Bevölkerung ins Unrecht setzen, und hielt es für meine heilige Pflicht, dem Minister des Innern in seinem Bestreben, das Judentitm zu bekämpfen, nach bestem Können Unterstützung zu leisten. Pronin stellt in Abrede, daß er dem Gefängnisdirektor Proklamationen zur Verteilung an die Sträflinge übergeben hätte, es soll daher eine Konfrontation beider Zeugen stattfinden. _Hilfsaction für die Inden in Homel. ^Berlin, 24. November 1903. Dem Hilfsverein der deutschen Juden ist ein ausführlicher Bericht über die Unlerstützungsaction in Homel zngegangen, aus dem uns die folgenden Daten zur Verfügung gestellt worden sind. Die Geschichte der Excesse ist zu bekannt, als daß wir sie nochmals zu wiederholen brauchten. Das Resultat derselben war für die Juden: 8 Tote, 100 Verwundete, 400 Familien ruinirt und ein Materialschaden von 110.000 Rubel. Die Unlerstützungsaction wurde, da der Gouverneur nicht wie in Kifchinew die Bildung eines speziellen Comites erlaubte, von dem lokalen Hilfscomite für arme Juden übernommen, an dessen Spitze Dr. A. Salkind sieht. Vicepräsident ist Herr M. I Zeitlin, Kassierer Herr L. Charlapp. Dieses Comite besteht aus 18 Personen, denen sich für die besondere Action noch weitere 18 Herren aus den jüdischen Honoratioren der Stadt anschlossen. Das Comite wurde in 4 Commissionen eingetheilt, je ' eine für Einnahmen, Ausgaben, Informationen und Jurisconsulat. Alle Bittschriften gehen dem Präsidenten zu, der sie der Jnformationsabtheilung zuweift. Dieses nimmt die Prüfung vor und nachdem das Ergebnis derselben vorliegt, wird durch das Plenum die Summe festgesetzt, welche man dem betreffenden Bittsteller bewilligt. Man mußte zuerst Nahrungsmittel vertheilen, dann aber mit Rücksicht auf die unmittelbar bevorstehenden Feiertage den Aermsten kleine Geldunterstützungen zu Theil werden lassen. Sobald aber dies dringendste Bedürfnis mit rund 2000 Rubel Ausgabe erledigt war, widmete sich die Commision der Aufgabe, durch Beschaffung von Handwerkszeug und Waren den geschädigten Familien wieder zu einer Existenz zu verhelfen, j Dafür sind bisher 15.000 Rubel ausgegeben worden, weitere! 10.000 werden noch allein hiefür nöthig sein. Endlich muß! das Comite für die Familien derjenigen Juden sorgen, welche! bei den Exzessen verhaftet wurden, weil sie angeblich das Recht i der Selbftvertheidigung überschritten, resp. sich gegen Polizei! oder Militär zur Wehr gesetzl baden. Zur Zeit sind noch in I Haft ans diesem Grunde 25 Juden, dagegen nur etwa 50! Christen, die wegen Mitschuld bei den Excefsen angeklagt worden j sind. Im ganzen hat das Hilfscomite bisher vorausgabt! 57.000 Rubel, wird aber noch ca. 100.000 Rubel brauchen. I Eingegangen sina bisher 90.000 Rubel, darunter aus! Homel selbst ca. 8000 Rubel, ans Rußland noch weitere j 37.00. Rubel, vom Hilfsvereiu der deutschen Juden (iucl. 3500 Rubel, von der Großloge 11. O. B. B.) 27.000 R lbel,! von der „Israelitischen Allianz" in Wien ca. 5000 Rubel, vom! Hilfscomite für die russischen Juden in Frankfurt ca. 4500 i Rubel, endlich von dem Anglo-Russian-Comite in London ca. 9000 Rubel, in Summa rund 90.000 Rubel. Wie man sieht,; ist die nöthige Summe noch nicht erreicht, doch fehlt noch von den großen westeuropäischen Organisationen die Alliance israelite universelle, von der das Hilfscomite in Homel bisher nichts erhalten hat, auch fließen ans Rußland noch immer Beiträge ein. Für den Nothfall hat der „Hilfsvereiu der deutschen Juden" einen weiteren Beitrag in Aussicht gestellt und auch die anderett Hilfsorganisationen werden nicht fehlen, falls noch weitere Beitrage nöthig sein sollten. So darf man hoffen, daß wenigstens der dringensten Not auch diesmal noch gesteuert werden kann.

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