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Die Wahrheit · 1903-12-04 · Heft 45 (4.12.1903) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1903
Issue
Heft 45 (4.12.1903)
Date
1903-12-04
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Die Wahrheit Seite & Nr. 45. Hafter Beifall.) Baronin Suttner empfahl, öfters öffentliche Versammlungen abzuhalten, zu welchen auch den Feinden der Zutritt zu gestatten sei, selbst aus die Gefahr, gesprengt zu werden. Jeder solche Verein sei ein Kampfverein und dürfe seinen Gegnern nicht ausweichen. (Beifall.) In das - von Hofrat Nothnagel vorgeschlagene -Comite wurden sodann folgende Herren gewählt: Baron Doblhoff, Oberinspektor Engel und Nordbahnbeamter Waldstein. Zum Schluffe sprach Professor Sebereny über den Zusammenhang zwischen Judentum und Christentum. v pädagogische Crrimgschaft eine« jüdische» Lehrers. Der hauptstädtische Lehrer in Budapest und Redakteur der ung. israel. Wochenschrift „Politikai Magyar Hetilap", Herr Julius Gabel, hat mit einer neuen Lehrmethode, namentlich im Unterrichte des Schreibens und Lesens in der ersten Elementarklasse, glänzende Erfolge erzielt, die in pädagogischen Kreisen berechtigtes Aufsehen erregen. Diese neue Lehrmethode beschäftigt selbst hervorragende Pädagogen des Auslandes in so ernstem Maße, daß man mit Recht erwarten kann, daß die Erfindung Gabet's eine heilsame Umwälzung auf dem Gebiete des Unterrichtswesens bedeutet. Man hat es hier mit einer auf langjährigen Erfahrungen und Studien basirenden Methode zu thun, die uns mit ihrer Einfachheit und Selbstverständlichkeit verblüfft, mit ihren Resultaten begeistert und als eine Wohlthat für die Menschen "zu betrachten ist. Seit jeher -wandten die Pädagogen ihre ganze Aufmerksamkeit, ihr Denken und Forschen dem Unterrichte in der ersten Elementarklasse zu. Es ist dies die bedeutendste Periode im menschlichen Leben, auf welche sich die weitere geistige und körperliche Entwicklung des Kindes anfbaut. Und was hat man mit' dem bisherigen Forschen, Klügeln und Dociren erreicht? Wenn wir einen Blick in die erste Klasse irgend einer Volksschule werfen, werden wir die Resultate bald erkennen. Bleiche, kränkliche Kindergesichtchen blicken uns mit müden, unstäten Augen an. Das 6.—7. Lebenswahr bildet den wichtigsten Punkt. Irr der Entwicklung des Kindes, und in dieser Zeit eben werden unsere Kleinen aus dem freien kindlichen Leben und Treiben im elterlichen Hause unmittelbar in die eiserne Disziplin der Schule versetzt. 21 Stunden wöchentlich (!) werden die armen Würmchen gedrillt, werden ihnen Begriffe aufoktroyirt, die sie nicht erfassen können, und es dauert 10 Monate laug, bis man den Kindern die Anfangsgründe des Lesens itiiö Schreibens mit Ach und Krach beigebracht hat. Dabei werden die Kinder nervös, unwillig und es bleibt auch für ihre körperliche Pflege viel zu wenig Zeit übrig. In den Kreisen der berufenen Volkserzieher hat man längst das Absurde, das Unzulängliche des bisherigen Unterrichssystems eingesehen, und viel ehrliches Streben, tüchtiges Können wurden schors eingesetzt, um die ersehnten Reformen zu finden. . Umso größeres Aufsehen ruft nun in der pädagogischen Welt die neue Lehrmethode Gabel's hervor. Gabel hatte sich während seines 25jährigen Wirkens als Lehrer 19 Jahre dem Unterrichte der 1.. Klasse mit Ambition und großer Fähigkeit gewidmet. Er hat tief in die Seelenwelt der Kinder geblickt, ihre Geheimnisse, erforscht und seine Unterrichtsmethode immer dem Denken, dem Naturell, besser gesagt, dem höheren Instinkt der Kinder angepaßt. Er baute sein System auf den einzig richtigen Grundsatz „spielend zu lernen und lernend zu spielen." Er drängt dem Kinde niemals einen Begriff ans. sondern leitet das Denkvermögen des Kleinen, bis er sich den Begriff selbst bildet, sich gleichsam selbst anfklärt. Auf diese Weise hat Gabel überraschende Erfolge erzielt. Das ganze Material, welches in der ersten Klasse zehn Monate lang gedrillt wird, brachte er seinen Schülern in 24 Unterichtsstunden bei, und die übrige Zeit kann und muß nun zur körperlichen. Pflege ünd Entwicklung verwendet werden. Wie dies schon bei uns in Ungarn Sitte ist, kann eine wirklich hervorragende Errungenschaft hier nicht zur Geltung kommen, ehe nicht erst im Auslande die Aufmerksamkeit der Welt darauf gelenkt wird. Das ist nun auch mit der Erfindung Gabel's der Fall. Kein einziger Faktor unserer berufenen Unterrichtsbehörden kümmerte sich um die Methode Gabels, ja es wurden ihm sogar Schwierigkeiten in den Weg gelegt. In der Mitte des Monates August l. I. demonstrirte nun Gabel in Marienbad vor zahlreichen Pädagogen seine neue Methode. Der dortige Schuldirektor Kolb hatte zehn Kinder, die im September d. I. in die erste Klaffe eintreten sollten, in die Schule beordert. Diesen Kindern nun hat Gabel das Schreiben und Lesen der ersten fünf Buchstaben des Alphabets in 10 Minuten bekgebracht. Für den Erfolg Gabel's spricht ein amtliches Zeugnis am deutlichsten, in welchem bestätigt wird, daß Gabel allseitigen, großen Beifall erzielt hat. »Die Lehrprobe ließ deutlich erkennen" heißt es in dem Dokument, „daß Herr Gabel, Dank der von ihm erfundenen und angewandten Methode, die Kinder der 1. Klasse in kürzester Zeit, bst wöchentlich nur dreistündigem Unterrichte und sozusagen spielend zum fließenden Lesen und richtigen Schreiben bringt, und daß es i n Interesse eines naturgemäßen und gedeihlichen Unterrichtes sowohl, als auch in Hinsicht auf die Gesundheit und eine ungestörte Entwicklung des Körpers der Schulkinder wünschenswert erscheint, daß die Gabel'sche Methode recht bald von allen Elementarlehrern angewendet werde. Erst als eine ähnlich lautende Zuschrift der Marienbader Direktion an den Budapester Magistrat eintraf, ließ man sich auch bei uns gnädig herbei, dem Erfinder Gabel Gelegenheit zu geben, seine neue Lehrmethode praktisch zu erproben. Die erste Klasse der Volksschule in der Bezersdy-utcza wurde heuer zum erstenmal offiziell nach der Gabel'schen Methode unterrichtet. Mit der Kontrolle betraute das Unterrichtsministerium den ton. Rath Ujväry. Gabel begann am 9. September l. I., in Anwesenheit einer Kommission, den Unterricht. Er hatte in Anwesenheit der Commission den Beweist er* bracht, daß er die Kleinen, die damals zum erstenmal in die Schule kamen, in einigen Minuten mit den ersten drei Buchstaben bekannt machte und dieselben in allen Zusammenstellungen herablesen ließ, was sonst mehrere Wochen kostet. Gabel unterrichtete blos am Montag, Mittwoch und Freitag je eine Stunde. Am 9. a. M. fand sich nun kön. Rath Ujvüry wieder in der Gabel'schen Klasse ein und gewann nun zum Erstaunen die Ueberzeugung, daß die Kinder bereits das ganze vorgeschriebene Unterrrichtsmaterial der 1. Klasse vollkommen und glänzend beherrschen. Die Kinder schreiben und lesen sämmtliche Buchstaben in allen Formen und Zusammenstellungen. Der ministerielle Experte sprach ebenso seine angenehme Ueberraschung wie seine vollste Anerkennung aus und betonte, daß die Gabel'sche Methode eine neue Zukunft des Unterrichts- und Erziehungs- Systems der Kinder bedeute. Durch die Marienbader Erfolge Gabel's aufmerksam gemacht, traf vor einigen Tagen der Nürnberger Professor Huß in Budapest ein, um die Gabel'sche Methode zu studieren. So dürfte denn in nicht zu allzuferner Zeit im Unterrichtssystem der Elementarklassen, Dank der Methode Gabel's, ein radikaler heilsamer Umschwung eintreten, den alle Eltern und Jugendfreunde mit Freude und Genugthuung begrüßen können. Der Prozeß gegen die Kischenewer Exzedenten. Da der Prozeß gegen die Kischenewer Exzedenten über Anordnung der russischen Regierung mit Ausschluß der Oeffentlichkeit dnrchgeführt wird, gelangen die Nachrichten über diese Verhandlungen nur in sehr spärlichem Maße zu allgemeiner Kenntnis. Aber dieses Wenige genügt, um die schmähljche Haltung der russischen Polizeikreise anläßlich, der Kischenewer Exzesse, die gewiß nicht ohne höhere Weisung erfolgte, in ihrem wahren Lichte zu zeigen. Ueber den bisherigen Verlauf der Verhandlungen wird aus Kischenew Nachstehendes berichtet:

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