Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1903-12-04 · Heft 45 (4.12.1903) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1903
Issue
Heft 45 (4.12.1903)
Date
1903-12-04
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3063163-3063208--02774-3069479
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 4 Die IDahrheU. Nr. 45. der damals die Preßburger Ravbinatsschule besuchte und ein Lieblingsschüler des berühmten Nabbi S. W. Schreiber war, von Bachers Vater, dein bekannten Hebraisten Simon Bacher, mit dem Unterricht seines Sohnes in Talmud (ich fing mit ihm buchstäblich ab ovo nämlich den Traktat Bezah an) betraut worden bin. Dieses Vertrauen hat mir' wahrscheinlich meine nähere Bekanntschaft mit Bachers Vater, der aus derselben Gegend, wie ich, stammt, verschafft. Dieses eine leuchtende Beispiel genügt, uw. zu zeigen, dag man auch beim ordnungsmäßigen Besuche eines Gymnasiums ein „Großer in Israel" werden kann. Allerdings kann nicht erwartet werden, daß alle Gymnasiasten, welche die Absicht haben, nach absolvierten Gymnasialstudien in ein Rabbinerseminar einzut'-etett, von einem solch heiligen Ernst, von einem solch glühenden Lerneifer und trotz hoher geistiger Begabung von solcher Bescheidenheit erfüllt sein werden, wie cs Bacherschön damals gewesen ist. Aber es wird ja auch nicht von allen verlangt und ertvartet, daß sie einst Gelehrte, wie Bacher, werden. Es genügt, wenn sie Rabbiner werden, die ihre Prüfungen gemacht und ihr Rabbinatsdiplom auf vorschriftsmäßige Weise erworben haben. Sollte der Eine oder der Andere darüber hinausgehen, umso schöner, besser und rühmlicher für ihn, für seine Gemeinde und für ganz Israel. Es handelt sich also hauptsächlich darum, Gymnasiasten, die einst in das Rabbinerseminar einneten wollen, Gelegenheit zu geben, täglich Bibel und Talmud zu lernen. In Wien und in Prag und vielleicht auch in Brünn, wo Talmud-Thora-Schulen bestehen, ist wohl solche Gelegenheit vorhanden und wenn nicht, würde sie von den maßgebenden Faktoren, von Prag weiß ich es bestimmt, sehr gerne geschaffen werden, wenn sich Gymnasiasten finden, die von der ersten Klasse an durch volle 8 Jahre an dem Bibel- und Talmudunterricht ohne Unterbrechung mit Ernst und Eifer teilnehmen würden. Selbst in den böhmischen Landstädten, in welchen Gymnasien sind, würden jüdische Gymnasiasten Gelegenheit finden, sich für den Eintritt ins Rabbinerseminar vorzubereiten, wenn in den jüdischen Gemeinden dieser Städte diplomierte talmudknndige Rabbiner angestellt wären. Denn welcher talmudisch gebildete Rabbiner würde nicht gerne täglich eine Stunde in einem Gegenstände unterrichten, dessen Kenntnis er sich mit so vieler Mühe erworben und den er bei seiner Amtspraxis in Böhmen in irgend einer anderen Weise zu verwerten nicht in die Lage kommt. Schon um selber zu lernen und das mit Mühe- und Zeitaufwand Erlernte nicht zu vergessen, würde er gerne — von der religiösen Pflicht ganz abgesehen — Talmud ohne Entgelt unterrichten. In Gymnasialstädten ohne talmudkundigen Rabbiner in der Gemeinde wird es wohl kaum eineil Gymnasiasten geben, dem es einfiele, Talmud zu lernen und Rabbiner werden zu wollen. Da gilt wohl der bekannte talinudische Ausspruch: Im en gedojim en tejuschim im umgekehrten Sinn: Wo keine Böcke, da auch keine Zicklein! Sollte ausnahmsweise ein solches Zicklein, d. h. ein lerneifriger Gymnasialschüler, sich finden, dann ist allerdings die talmndische Frage am Platze: Wenn Rabbi es nicht gelernt hat, wie kann Chija (der Schüler) zu dessen Kenntnis gelangen? R. verein jur Abwehr des Antisemitismus. Mag man in nationaljüdischen Kreisen über die Thätigkeit dieses Vereines noch so sehr die Nase rümpfen, so ist nach unserer Ueberreugung die Thalsache dennoch nicht zu unterschätzen, daß wir im Kampf gegen den Antisemitismus, den uns die gegenwärtige Zeit mehr denn je aufdrängt, wirksame Unterstützung finden bei Männern, die durch ihre hervorragende soziale Stellung und ihre allgemein anerkannte wissenschaftliche Capazität ihren auf die Aufklärung der bethörten Mafien abzielenden Bestrebungen besonderes Gewicht verleihen. Und aus diesem Grunde dürfen wir über die letzte Generalversammlung des „Vereines zur Abwehr des Antisemitismus" nicht stillschweigend hinweggehen. Der Versammlung, die Samstag, den 28. November unter Vorsitz des Vicepräsidenten Freiherrn v. Seiler im Saale des Wissenschaftlichen Klubs stattfand, wohnten unter Anderen Frau Baronin Berta Suttner, Hofrat Professor Nothnagel, Superintendent Professor Seberiny und Baron Doblhoff an. Nach. Begrüßung der Anwesenden^erstattete der Schriftführer, Oberinspector Engel, den Jahresbericht, welcher/ zunächst der Ereigniße in Kischenew gedenkt. Zur Linderung der dort durch Mord und.Plünderung entstandenen Not habe der Verein sein Scherflein durch Widmung eines Geldbetrages beigetragen. Auch zu den turbulenten Szenen in „einer parlamentarischen Körperschaft", wider die Hetze gegen die Aerzte und die Vivisektion har der Verein Stellung genommen. Der Jahresbericht wurde einstimmig genehmigend zur Kenntnis genommen. Baron Dobshosf führte hierauf in einer mit großem Beisalle aufgenommenen Rede aus, daß in den letzen Sitzungen des niederösterreichischen Landtages sich eine förmliche Schreckensherrschaft breit gemacht hat. Dieselbe Partei, welche vor einigen Jahren die Rettungsgesellschaft angegriffen, welche die konfessionelle Frage überhaupt in unsere moderne Zeit als Kampfesmittel geschleudert hat, erkor sich zum Objekt vehementer Angriffe die Männer der Wissenschaft, sie suchte das weltberühmte Ansehen der Wiener medizinischen Schule durch unbegründete Angriffe herabzudrücken. Solchen Vorgängen gegenüber stillzuschweigen, wäre ebensoviel, als sich zum Mitschuldiger derselben zu machen. Es dürfe nicht ruhig zugesehen werden, daß unter dem Vorwände der Bekämpfung des Jndentnms der modernen Bildung und Wissenschaft direkt ins Gesicht geschlagen wird. Es sei tief zu. bedauern, daß die Vertreter der Regierung kein Berdammungsurteil gegen den Inhalt und die Form der verübten Ueberfälle des hochgeachteten Aerztestandes vorzubringen hatten. Redner beantragte folgende Resolution: „Die heute hier Versammelten geben ihrer Entrüstung Ausdruck über die unberechtigten Angriffe auf die Vertreter des ärztlichen Standes, welchen sie den „Stolz unserer Hauptstadt" nennen; sie erhoffen von den Behörden im Interesse der Ordnung, auf Grund gesetzlicher Basis Hintanhaltung solcher Auswüchse; sie protestieren auch gegen den Mißbrauch des Buchdruckes, durch welchen diese gehaltlosen Beschimpfungen und gehässigen Hetzreden in der Oeffentlichkeit verbreitet werden zum Schaden für die Klarheit der Begriffe in der Bevölkerung und nur geeignet, die Achtung zu untergraben, welche jedermann den Vertretern der Wissenschaft und in erster Linie dem ärztlichen Stande schuldet." Die Resolution wurde ohne Debatte einhellig unter starkem Beifall angenommeii. Hofrat Professor Nothnagel sprach zunächst dem Vorredner seinen wärmsten Dank ans für das rührend zu nennende Interesse,, welches er in seinen Ausführungen für die Humanitätsideen bekundet habe. Hofrat Nothnagel bemerkte im weiteren Verlaufe seiner Rede, es wurde bereits die Frage aufgeworfen, ob der Verein noch eine Existenzberechtigung habe, da seine Kräfte leider nicht ansge, eicht hätten, den Antisemitismus zu bekämpfen. Unsere Existeuzberechllgung haben wir bereits dadurch erwiesen, daß wir uns konstituirt haben. Die Auflösung des Vereines wäre ein Fehler. Eine der Ursachen, warum wir nichts geleistet haben, ist die, daß wir in unserem Kampfe nur den Marionetten gegenüberstehen, aber nicht jenen Mächten, die sie lenken. Wir müssen uns auch ferner erhalten. Eine andere Frage, die hier aufgeworfen wurde, war die, was wir tun können, um den Verein wieder mehr in die Oeffentlichkeit treten zu lassen. Zu diciem Zwecke wäre es angezeigt, ein Comite einzusetzen, welches welches hierüber beraten und Vorschläge zu erstatten hätte. Baronin Suttner erklärte, es war ihr sehr schmerzlich, hieher zu kommen, sie habe es aber für ihre Pflich gehalten, zu kommen; sie sei dies dem Andenken ihres verstorbenen Gatten schuldig, an dem Vereine, den ihr Galle begründet, festzuhallen. In seinem letzen Willen habe er ihr aufgetragen, weiter zu arbeiten für die Ziele der Menschlichkeit. Wenn alle zurücktreten sollten, dann werde sie die letzte sein in diesem Vereine. (Leb-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.