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Die Wahrheit · 1903-11-27 · Heft 44 (27.11.1903) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1903
Issue
Heft 44 (27.11.1903)
Date
1903-11-27
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Die Wahrheit. Nr. 44 Soweit können wir jedes Wort des Rektors unterschreiben. Nun kommt aber ein Passus, der nicht ohne Widerrede bleiben darf. Der Rektor fährt nämlich fort: „Wir rechnen es uns geradezu als Verdienst an, durch die schon beim Tentamen gestellten Forderungen die Ungeeigneten zum Austritte zu veranlassen, und erblicken in der Tatsache, daß manche Kandidaten nicht gleich nach ihrem Absolutorium sich zum Rabbiuerexamen melden, ein Beweis für den Ernst, mit welchem sie sich auf ihre Examina vorbereiten. So beklagen wir es keineswegs, daß wir in diesem Jahre keine Rabbiner-Prüfung abzuhalten haben; besser keine als eine möglicherweise ungünstige!" Der oberflächliche Leser wird diesem Satze voll und ganz beipflichten. Vergleichen wir aber die im Berichte des Kuratoriums angegebene Zahl der Hörer, die seit dem Bestände der Anstalt angehören (81), mit der. Anzahl derjenigen, die ihre Rabbinerprüfung bestanden haben (19), dann kommen wir zu einem ganz anderen Urteile. Also 19 Hörer wurden zu Rabbinern diplomirt! Diese Herren kamen zumeist aus Galizien, sie haben ihre Befähigung für den rabbinischen Beruf bereits mitgebracht, und an ihrem Erfolge hat die Lehranstalt einen ganz geringen Anteil; denn sie suchten dieselbe nur zu dem Zwecke auf, um sich eine gewisse Kanzelberedtsamkeit anzueignen, was ihnen allerdings in den meisten Fällen nicht gelingt. Diejenigen Hörer hingegen, die aus Böhmen und Mähren kommen und vom Gymnasium weg die Lehranstalt aufsucheu, haben, obwohl sie in der Lehranstalt 4—6 Semester länger als au den Schwesteranstalten zurückbehalten werden und im allgemeinen begabte junge Leute sind, beim Austritte aus der Lehranstalt fast gar keine Fortschritte auf dem Gebiete des Talmud und der Ritualkodices gemacht. Und dennoch ist gerade die Anstalt zu dem Zwecke ins Leben gerufen worden, um junge Leute, die ihre Studien regulär zurückgelegt haben, in methodischer Form mit den allernotwendigsteu rabbinischen Kenntnissen vertraut zu machen. Aber auch bei dieser Gruppe der Hörer — wie der Rektor selbst behauptet — ein klägliches Fiasko! Wenn nun die Anstalt eingestandenermaßen Mißerfolge bei allen Hörern aufzuweisen hat, sollen wir diesen allein die Schuld zuschieben? Müssen wir uns nicht vielmehr die Frage vorlegen, ob nicht die Dozenten, resp. das System und die Methode, nach welcher die Anstalt bisher geleitet wurde, auch einen gewissen Anteil an den Mißerfolgen haben? Warum sollen begabte Hörer nach 12—14 Semestern militärischen Drills ihr Pensum nicht beherrschen? Oder sollte gerade der „militärische Drill" es sein, dem wir alle Schuld beimessen müssen? Trotzdem man die Zahl der Semester künstlich in die Höhe schraubt und die Hörer durch zahlreiche Stipendien an die Anstalt zu fesseln versucht, bleibt die Frequenz der Anstalt immer eine gleiche, ja es ist sogar eine Verminderung zu konstatieren. Dieser Umstand gibt Anlaß zu ernsten Bedenken und er enthält eine Aufforderung, an das Kuratorium und das Professorenkollegium, sich der Tatsache nicht zu verschließen, daß nicht alles den Hörern anzurechnen sei, sondern daß vielmehr das Professorenkollegium sich gründlichft mit der Prüfung des Lehrplanes beschäftigen und nachforschen möge, ob nicht hie und da etwas als Ballast über Bord geworfen werden könnte, um so den Hörern Gelegenheit zu geben, daß sie sich den für ihren Lebensberuf hauptsächlich notwendigen Kenntnißen mehr zuwenden können. Gerade weil wir von dem Wunsche beseelt sind, daß die Lehranstalt zum Heile des Judentumes weiter gedeihen möge, dabei aber auch die Überzeugung haben, daß nur nach Beseitigung der erwähnten Übelftände der Bestand und die Entwicklung der Lehranstalt gesichert sein werde, haben wir es für untere Pflicht erachtet, diese Kritik zu üben, und hoffen, daß unsere Worte nicht unberücksichtigt bleiben werden. Ueber Mchnennnenpflege. Am 2. Dezember dieses Jahres begeht eine Wiener jüdische Wohltätigkeits-Institution den dritten Jahrestag ihres Bestandes — eine Institution, die unter all' den zahlreichen jüdischen Wohltätigkeits-Anstalien dieser Stadt bisher einzig dasteht in Bezug auf ihre Organisation, ihre Zwecke und Ziele, die Art und Weise ihrer Hilfstätigkeit. Diese Institution ist der „V e r b a n d z n r U nt e r st ü tz u n g armer israelitischer Wöchnerinnen". Eine alte Wahrheit, die dadurch ausgezeichnet ist, daß sie den Wahlspruch unseres erhabenen Monarchen bildet, hat diesen Verband als erstes Wohltätigkeits Institut der hiesigen jüdischen Gemeinde zur Tat gemacht: die zusammenfassende Vereinigung der Kräfte. Dreizehn Wiener israelitische Frauen-Wohltätigkeits-Vereine haben sich zusammengetan, um unbeschadet ihrer Autonomie und Selbständigkeit in anderen Unterstützungszweigen die früher im Argen gelegene Wöchnerinnen-Pflege zu verbessern, einheitlich und planmäßig durchzuführen. Alle jene Postulate, welche die moderne Theorie der Armenpflege aufstellt, hat der Verband sich zu eigen gemacht und in seiner Praxis verwir klicht. Die Z e n t r a l i s a t i o n verhindert die unfruchtbare Zersplitterung der Kräfte, verringert die Regiekosten, hält Doppelunterstütznngen hintan und ermöglicht eine wirksamere Unterstützung. Das Prinzip der Präventive sichert die Hilfeleistung in einem früheren Zeitpunkte, so daß der Eintritt größeren Elends verhütet^ wird. Der unmittelbare Kontakt zwischen Hilfesuchenden und Hilfeleistenden und die individualisierende Behandlung jedes einzelnen Falles bilden eine Gewähr für die jeweils rationellste Durchführung der Hilfeleistung. Die Vorstandsdamen der verbandsangehörigen Frauen-Vereine, ein wackeres, zahlreich mobilisiertes Hilfs-Corps, teilen sich in die Aufgabe, in allen Bezirken des großen Wiener Gemeindegebietes arme jüdische Frauen, die ihrer Entbindung entgegensehen, persönlich aufzusuchen, um durch eigene Wahrnehmung deren besondere Verhältnisse und Bedürfnisse zu erforschen. Die Präponderauz der N a t u r a l h i l f e endlich gegenüber der Geldunterstntzung ermöglicht die gerade in der Wöchnerin,lenpflege so wichtige Befolgung der Vorschriften der Hygiene. Die Wöchnerinnen erhalten liebst einem Geldbeträge Wäsche für sich und das Neugeborene, Wochenbett-Utensilien, Kohle, Milch, weiters den Beistand einer Hebamme, erforderlichen Falles ärztliche Behänd.- lulig und auch Pflege durch eine Warte-Person. Hiedurch wird erreicht, daß die im Gefolge eines Wochenbettes häufig entstehenden langwierigen Leiden oder gar bleibendes Siechtum verhütet werden, so daß die armen Frauen vor Erwerbsunfähigkeit bewahrt und nicht der öffentlichen Milotätigkeit dauernd anheimgegeben sind. Der so geartete Versuch des Verbandes, die Wöchnerinnenpflege den Anschauungen der Gegenwart entsprechend zu reformieren, darf als vollkommen geglückt und von den segensreichsten Folgen begleitet, bezeichnet werden. Es wurde in derer sten dreizehnmonatlichen Tätigkeits-Periode (Dezember 1900 bis einschließlich Dezember 1901) 700, in der zweiten zwölfmonatlichen Tätigkeits-Periode (Jänner bis Dezember 1902) 690 armen jüdischen Wöchnerinnen in erfolgreicher, den normalen Verlauf des Wochenbettes sichernder Weise Beistand geleistet. Daß die Zahl der im laufenden Kalenderjahre unterstützten Wöchnerinnen jener des Vorjahres nicht nachsteht, ja vielmehr dieselbe überschreiten wird, kann schon nach dem derzeitigen Ausweise als bestimmt angenommen werden. Die angeführten Ziffern besagen in der Sprache der Statistik und laut amtlicher Nachweisnng. daß 22 Prozent aller jüdischen Wöchnerinnen in Wien die Hilfstätigkeit des Verbandes in Anspruch zu nehmen genötigt sind, wobei jene armen jüdischen Frauen, welche das Gebärhaus oder das Wöchnerinnenheim „Lucina" anfsuchen, außer Anschlag bleiben. Dieser erschreckeitde Percentsatz eröffnet uns einen traurigen Einblick in das Anwachsen des jüdischen Pauperismus und bildet zugleich einen beredten Beweis für die Notwendigkeit der Existenz oes Verbandes selbst.

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