Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 44 (27.11.1903)
- Date
- 1903-11-27
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3062972-3063163-3063207--02764-3069468- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 5 Nr. 44 Die Wahrheit nung am 24. d. M. stattfindet. Er ladet die Mitglieder des Vorstandes zur Teilname'an der Eröffnungsfeierlichkeit ein. Kais. Rat Dr. Lieben referirt über den Antrag des Vertreterkollegiums auf Bewilligung eines Nachtragskredites für den Unterstützungsfond des Vertreterkollegiums für den Rest des laufenden Kalenderjahres im Betrage von K 2000, nachdem der für diese Zwecke budgetierte Betrag per K 21.000 bereits mit dem Beginn des Monates November erschöpft war. An der hierüber geführten Debatte beteiligten sich die Herren: Oberfinanzrath. Dr. Rappaport, Eltbogen, Dr. Steiner, Vizepräfident Dr. Kohn, Rudolf Auspitz und der Vorsitzende Hierauf wird der Vertreterantrag zum Beschluß erhoben. Ueber Antrag des Vertreterkollegiums werden die Damen Frau Rabbiner Dr. David, Frau Hermine Kadisch und Frau Adele von Mises in das Komitee der Ehrendamen für die Versorgungsanstalt berufen. Die Aufnahme eines in der nächsten Nähe Wiens, aber immerhin außerhalb des Gemeindegebietes wohnenden Petente" in die Siechenanstalt des Versorgungshaüses wird abgelehnt. Zum Anträge des. Vertreterkollegiums. dem Tempelverein in Liesing einen Beitrag von K 500 zu gewähren, nimmt der Vorsitzende I. Vizepräfident Dr. Stern das Wort, um in warmer Weise für die Stattgebung dieses Antrages einzutreten, indem er auf die besonderen Schwierigkeiten verweist, mit welchen der rührige Liefinger Tempelverein zu kämpfen hat. Es handle sich darum, das neuerrichtete Gotteshaus, mit welchem auch eine Talmud-Thorafchule verbunden ist, feiner Bestimmung zu erhalten. Der Verein sei in eine unverschuldete Notlage geraten, es drohe dem Gotteshause, welches vor den Toren Wiens steht, die exekutive Feilbietung. Er (der Vorsitzende) habe deshalb bereitwilligst eine Aktion eingeleitet, welcher die Cultusgemeinve beispielgebend voranleuchten möge. Der Vertreterantrag wird angenommen. Sonach zog die Plenarversammlung das Referat des Vertreterkollegiums, betreffend die Bezirkskomiffioneu, in Beratung. Das Vertreterkollegium hat sich mit diesem Gegenstand, seiner besonderen Wichtigkeit entsprechend, in überaus eingehender Weise seit mehr als Jahresfrist beschäftigt. Es haben wiederholt Beratungen, zum Teil unter Zuziehung der Obmänner der Bezirkskomiffioneu, stattgefunden. Weiters sind die Aeußerungen sämtlicher Bezirkskommiffionen eingeholt und den Beratungen zu Grunde gelegt werden. ' Den Wünschen der Bezirkskommiffionen nach erweiterter Tätigkeit ist in den Vorschlägen des Vertreterkollegiums nach mehrfacher Richtung entsprochen worden. Das Vertreterkollegium beantragt die Zuziehung von Delegierten der Bezirkskommissionen in die ständigen Kommissionen und Komitees des Kultusverstandes in nachfolgender Weise: : 1. Für die Kommission I (Cultus- und rituelle Angelegenheiten) und die Kommission II (Ilnterrichtsangelegenheiten) des Cultusvorstandes nominiert jede Bezirkskomiinssioil aus ihrer Mitte je einen Delegierten und einen Ersatzmann. Die Delegierten sind zu den Sitzungen der betreffenden Kommission in der Regel dann einzuladen, wenn wichtigere Angelegenheiten ihrer Bezirke zur Beratung gelangen oder wenn sie in Bezug auf solche Angelegenheiten im Aufträge ihrer Bezirkskommission Anträge oder Anregungen vorzubringen haben. Die Einladungen zu den Sitzungen ergehen an den Delegierten, welchem es obliegt, im Verhinderungsfälle seinen Ersatzniann behufs Teilname an der Sitzung rechtzeitig zu verständigen. 2. Jene Bezirkskommissionen, in deren Wahlbezirk sich Gemeindeanstalten befinden, entsenden je zwei ihrer Mitglieder als ständige Delegierte in die für diese Anstalten vom Enltusvorstande eingesetzten Kommissionen, beziehungsweise Kommitees. Diese Delegierten sind zu sämtliche Sitzungen der betreffenden Komission, beziehungsweise Comitees einzuladen. 3. Von der Einladung des Delegierten ist der Obmann der betreffenden Bezirkskommission unter Bezeichnung des die Einladung veranlassenden Beratungsgegenständes zu verständigen. Dem Obmann und dem Delegierten, bezw. seligem Ersatzmanns, ist nach jeweilig erfolgter Einladung die Möglichkeit zu bieten, sich vor der Sitzung über den zur Verhandlung gelangenden Gegenstand zu informieren. 4. Den Delegierten der Vezirkskommiffion. beziv. den Ersatzmännern derselben, steht beratende Stimme zu- Des Weiteren erfährt die Geschäftsordnung der Bezirkskomiffioneu nach den Vorschlägen des Vertreterkollegiums, im Sinne der Wünsche der Bezirkskommissionen eine Ergänzung in der. Richtung, daß nunmehr in den Kreis jener Angelegenheiten, welche die Bezirkskommiffionen zum Gegenstand der Beratung und Antragstellung machen können, auch Angelegenheiten, welche das Armenwesen ihrer Bezirke betreffen, einbezogen werden. , . . Endlich werden als neue Bestimmungen der Geschäftsordnung für die Bezirkskommissionen vorgeschlagen: ' , Die Bezirkskommiffionen haben weiters über von Fall zu Fall ergehende Aufforderung des Cultusvorstandes denjeiben in der Ausübung des ihm gemäß ß 77 des Statutes zustehenden Aufsichtsrechtes zu unterstützen (wie beispielsweise über Einladung des Präsidiums den Vorstand bei Generalversammlungen von Vereinen im Delegationswege zu vertreten). Die den einzelnen Bezirkskommissionen erwachsenden Auslagen werden im Rahmen des hiefür im Cultusgemeinrebudget ausgesetzten - Pauschales von der Cultusgemeinde gedeckt. Die Verhandlungen der Bezirkskommiffionen sind vertraulich und ist vor einer eventuellen Veröffentlichung von Beratungen und Beschlüssen jeweils die Zustiimnuug des Präsidiums der Cultusgemeinde einzuholen. Ueber die Anträge des Vertreterkollegiums entwickelt sich eine rege Debatte, welche durch die Ausführung mancher Redner besonders instruktiv war. An derselben beteiligten sich die Herren: Oberfinanzrat Dr. Rappaport, Wilhelm Kuffner, Sigmund Kauders, Th. Ritter von Taussig, Hermann Ellbogen. Heinrich Teltscher, kais. Rat Wilhelm Pollak, Dr. Spitzer und Präsident kais. Rat Klinger. Herr Vorsteher Wilhelm Kuffner beantragt mit der Motivierung, daß die Kommission II aus zahlreichen Mitgliedern des Vorstandes bestehe und die Angelegenheiten des Unterrichtes weniger eine solche der Bezirke als der Allgemeinheit sei, die Eliminierung der Kommission II aus dem Punkte l der Anträge, während Herr Vorsteher Teltscher in längerer Ausführung für einen selbständigen Wirkungskreis der Bezi'kskommissionen eintritt und dafür den schriftlichen Verkehr mit dem Vorstande als entsprechend bezeichnet. Herr kais. Rat Wilhelm Pollak bringt bei diesem Anlasse den Wunsch einer Statutenänderung vor. Herr Vorsteher Kauders spricht den: Präsidenten und ebenso dem Vertreter Ritter von Taussig als Antragsteller den Dank dafür aus, daß die Angelegenheit endlich nach langer Zeit zu einem hoffentlich gedeihlichen Resultat geführt werde. Vertreter Ritter v. Taussig'widerlegt einzelne in der Debatte gegen die vorgeschlagenen Aenverungen vorgebrachte Eiuivürfe und hebt besonders hervor, daß durch die Zuziehung von Delegierten der Vorstand in kurzem Wege von denWüuschenderBezirkskommissiouen in Kenntnis gesetzt, während die Bezirkskommissionen jene Gesichtspunkte kennen lernen werden, von welchen der Cultus-Vorstand bei seinen Beschlüssen sich leiten läßt. Selbstverständlich kann nur die Erfahrung lehren, ob sich diese neue Jinst'tution bewähren wird. Ec hoffe, daß von einer oder der anderen Seite schätzenswerte Anregungen kommen werden, welche der gesammten Gemeinde zum Nutzen gereichen werden Natürlich sei diese Institution keine definitive und bleibt es dem Vorstande unbenommen, falls sich dieselbe nicht bewährt, sie jederzeit zu ändern. Es ergreift sodann das Wort Präsident kaiserlicher Rat K l i n g er, welcher — von seinent Unwohlsein noch nicht hergestellt — ob seiner Teilnahme an der Sitzung lebhaft begrüßt wird. Er erinnert an die Gründe, welche ihn seinerzeit veranlaßt haben, für die Creirung der Bezirkskommisstonen eiuzutreten. Es sollte weiteren Kreisen Gelegenheit geboten werden, ihr Interesse für die Gemeinde zu betätigen, und ein Versuch sein, gegen den stärksten Feind jedes Gemeinwesens, das ist die Indolenz in der Gemeinde, mit Erfolg anzukämpfen. Aber auch die beste Angelegenheit sei mit der Zeit reformbedürftig und verlange entsprechende Ausgestaltung. So habe, was er in Bezug auf die Ausführungen des Collegen Teltscher sagen müsse, sich der bisherige schriftliche Verkehr zwischen den Bezirkskvminissiouen und dem Cnltusvorstaude als ungemein schwerfällig erwiesen. Dagegen werde nun Abhilfe gesucht durch Heranziehung der von den Bezirkskommissionen zu entsendenden Delegirlen zu den Beratungen der Commissionen des Cultusvorstandes. Auf diese Weise werde es hosfenlich gelingen, jüngere, tatkrä'lige Männer heranzuziehen, welche Gelegenheit haben werden, koulperenten Orts Einblick in die Agenden der Gemeinde zu gewinnen und Erfahrungen zu sammeln, welche sie im Interesse der Gemeinde verwerten sollen, andererseits auch schätzenswerte Anregungen zu geben. Er ersucht, das Atuendement des Herrn Kuffner wegen Eliminirung der Zuziehung von Delegirten zur Unterrichtskommissiou abznlehnen, da ja gerade der Unterricht zu den wichtigsten Obliegenheiten der Gemeinde zähle, und bittet um die vu blov-Annahme der vom Vertreter-Collegium oorgelegten Anträge Der Abänderuugsantrag des Herrn Wilhelm Kuffner wird abaelehnt und die Anträge des Vertreter-Collegiums mit überwiegender Majorität angenoinine». — Schluß der Sitzung ^2 Uhr Nachmittags. Zum 1l> jährigen Äeltimde des Wiener Seminars. Soeben wird der 10. Jahresbericht der isr. theol. Lehranstalt in Wien für das Jahr 1902/03 der Öffentlichkeit übergeben. Der Arbeit des Herrn Professors Dr. D. H. Müller: „Die Gesetze Hammnrabis und die mosaische Gesetzgebung" schließt sich der Bericht des Kuratoriums und des Rektors an, und besondets diesem letzleren seien unsere Zeilen gewidmet. Der zehnjährige Bestand der Lehranstalt gibt dem Rektor Anlaß $u einem allerdings wortkargen aber inhaltsreichen Rückblick, in welchem er ans die Ungunst der Zeilen und aus die mannigfachen Kämpfe hinweist, welche die Lehranstalt zu bestehen hat, um auf ihrer Höhe zu verharren. Er skizzirt die Gesichtspunkte, nach welchen die Anstalt bei der Heranbildung der jungen Leilte für den rabbinischen Berus tätig sein will, mit folgenden Worten: „Wir vertreten noch wie vor die Ansicht daß der moderne Rabbiner wohl auch ein tüchtiger-Kanzelredner, doch vor allem ein mir dem Talmud und den Rilnalkodices, mit der jüdischen Geichicht. und der jüdischen Religionsphilosophie innig vertranter Bolkslehrer sein müsse."