Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 44 (27.11.1903)
- Date
- 1903-11-27
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3062972-3063163-3063207--02763-3069467- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 44. Seite 4 Die Wahrheit. ganze Fabrikseinrichtung ist hier gemacht worden, und sie haben Rußland großen Nutzen gebracht. Ein anderer russischer Jude hat in einem amerikanischen Exporthaus die englische Sprache erlernt und hat nach seiner Heimkehr in Odessa das erste amerikanische Handelsmuseum in Rußland begründet. Heute sind über hundert amerikanische Firmen durch amerikanisch russische Juden in Rußland vertreten. Die Kaufleute sprechen fließend, russisch und englisch; sie können den russischen Konsumenten die Konstruktion der amerikanischen Maschinell erklären, und sie können den amerikanischen Fabrikanten die Wünsche und Bedürfnisse der Russen erläutern; durch einen jungen russischen Juden sind die amerikarlischen Fahrräder in Rußland eii geführt worden, und mit Hilfe dieser geborenen Finanz- und Sprachgenies ist die Begründung der „Russisch-Amerikanische» Bank" in Petersburg ermöglicht worden. Die zur Geltung gekommenen Bewohner des New Iorker Ghetto haben die ganze ^elt mit einem Cordon tüchtiger amerikanischer Handelsagenten versorgt, die den amerikanischen Handel durch Europa und Asien tragen. Ihre Geschäftigkeit weissagt uns die Möglichkeit einer vollstandigen geschäftlichen Eroberung der Welt. Die arbeilsparendeu amerikanischen Maschinen sind jetzt in ganz Rußland bekannt. Die russischen Staatsschmelzwerke, die u. A. die größten Drehbänke der Wett besitzen, lassen jetzt sämtliche Ergänzungswerkzeuge aus Amerika kommen. In Amerika entworfene Baggermaschinen, größer als sie je vorher gebaut worden, verbessern den Tiefgang der ruisischen Flüsse, au» denen Dampfer amerikanischer Systeme die Fracyten befördern und amerikanische Stahl-Brückcn fangen jetzt an, von Petersburg bis Wladiwostok bekannt zu werden. Die Mitarbeit der Männe, , die englisch und russisch gleich gut sprechen, ist für den amerikanischen Fabrikanten unbezahlbar, und da der russisch amerikanische Jude ein tüchtiger Geschäftsmann ist, kann er großen Verdienst einstreichen, vorausgesetzt, daß er sowohl mit den Geschänsleuten wie mit dem Geschästsmelhoden beider Länder jeh, gilt Bescheid weiß. Der Unternehmungsgeist eines einzelnen Rnsso- Amerikaners hat den Handel der Mandschurei nach amerikanischen Canälen geleitet, und der hauptsächlich von jüdiichen Unlernehineru und Jngenienren geleitete Bau der transsibirischen Eisenbahn hat ein neues großes Handelsgebiet erschlossen. Die Juden haben durch ihre Tüchtigkeit in der Unterweisung und Leitung der Bauern die Milchwirtschaft in Sibirien zu einergroßen Ausdehnung entwickelt, so daß jetzt z. B. der Londoner Markt zum großen Teil von dort aus mit Butter und Eiern versorgt wird. Als Rußland zuerst sein Auge begehrend auf die Mandschurei richtete, wurde ein allerdings getaufter Jude mit der sehr heiklen Ausgabe betraut, die Verhandlungen mit der Regierung in Pecking zu führen; einer Grnppe von jüdischen Finanzlenien wurde die Begründung der rrrssisch-chinesischen Bank übertragen, die uut russischem Geld im fernen Olten die Eisenbahnen baute, die die Mandschurei an das russische Reich zu kuüpsen bestimmt waren. Gleichzeitig war ein russisch-amerikanischer Ingenieur über den Ozean gereist, um die Bauunter' nehmer zu überreden, nur amerikanisches Material zum Bau und zur Errichtung der zweitausend Meilen langen Eisenbahir zwischen Oslsibirieu und Nordchina zu benutzen. Sogar die russische Regierung erkennt die Uebertegenhe t der Juden an, indem sie sie den slavischen Kanfleruen und Arbeitern als Muster au Fleiß und Nüchternheit hinstellt und zur Nacheiferung empflehlt. Folgender Vorfall ist ein sprechendes Beispiel dafür: Die Packer der russischen Fischkonserven an der Wolga hatten sich zu einer Petition au den Czaren vereinigt und darin den einmütigen Wunsch zum Ausdruck gebracht, den jüdischen Packern und Arbeitern den Aufenthalt und das Gewerbe zu verbieten. Sie entweihten durch ihre Anwesenheit den heiligelt Strom, ihr unchristliches Wesen entfachte den Zorn der Heiligen gegen die Russen, die Jahr für Jahr ihr Geld im Geschäft züsetzen, während d:e Juden die besten Erfolge hätten. Obgleich die zur Prüfung eingesetzte Commission im Prinzip geneigt gewesen war, den Russen ihre lästigen Konkurrenter: vom Halse zu schaffen, enthielt'zur allgemeinen Ueberraschung ihr Bericht als Ergebnis sorgfältiger Prüfung die Schlußfolgerung, daß die Beseitigung der jüo. Fischpacker und Arbeitsleute an der Wolga ein Nationäluuglück wäre. Der Bericht führt aus, daß alle an dem Fischfang der Wolga interessirten Juden ihre iin Ansiedelungsgebiet lebenden Angehörigen zu Agenten für den Fischhandel machen, durch sie ganz Polen und Westrußland mit Wolgalachs und Wolgattör versorgen, die fremdländischen Fische vom russischen Markt vertreiben und so eine große Industrie von ungeheurer volkswirtschaftlicher Bedeutung geschaffen haben. Weiter konstatiert der Bericht, daß jüdische Fischhändler Abgesandte nach Amerika geschickt haben, um die dortigen Methoden für Fischaufbewahrung zu studieren, daß sie die besten amerikanischen Maschinen angeichafft und außerdem Schulen begründet haben wo ihren Angestellten und ihren Kindern die befteu und modernsten Methoden für den Fischfang und die Fischkonstrviruilg beigebracht werden. Ihre Arbeiter sind von bester Disciplin. keiner verläßt ohne Erlaubnis die Arbeitsstätte ober Übertritt die für die Disciplin erforderlichen Borschriflen: jeder Ui'gehorsam wird mit Entlassung bestraft. Die ruisischen Fisckkonserve-Fabriken dagegen sind regelmäßig am Montag geichlossen, weil ihre Arbeiter noch sämtlich betrunken sind. Die Nüchternheit und der Fleiß der jüdischen Arbeiter werden als nachahmungswerles Beispiel empfohlen, und die Petition um Ausweisung der Juden wird peremtor'tch abgewiesen. Äus der Wiener Lultusgemeinde. Gewissermaßen als Gegengewicht gegen die Curie der Höcbstbesteuerl.n wurde bei oeletzten Wahlreform der Wiener Cullusgemeinde das Institut ter Bezirkskommisioneu begrüßt, das weiteren Kreisen der GemeindemitgUeder eine gewisse Teilnahme an der Verwaltung der Gemeinde ermöglichen sollte. Die Agenden der Bezirkskommissionen waren jedoch bisher sehr btschränkt, und von einer direkten Einflußnahme konnte um so wen ger die Rede sein, als Cultusvorstand und Bezirkskominisstonen zumeist blos schriftlichen Verkehr miteinander pflegten und in Folge dessen zwischen beiden Körperschaften ein herbst loier Contakt bestand Durch die principiell hochbedeutsamen Beschlüsse jedoch, welche der Cultnsvorslaird in der am 22. d. M. unter dein Vorsitze des I. Vicepräsidenten Dr. Alfred Stern stattgchabien Plenarsitzung gefaßt hat, ist der Einfluß der Bezirkskommissionen aus die Verwaltung sowohl extensiv als intensiv bedeutend erweitert und eigentlich erst jetzt verwirklicht worden. Extensiv dadurch, daß den Bezirkskommissionen nunmehr auch Fragen des Schul- und Armenwesens zugewiesen werden sollen, und intensiv dadurch, dag sie von nun ab durch ihre Vertr eter an den Sitzungen der Kommissionen und Komitees im Vorstände m>l beratender Stimme teilnehmen werden. Ueber die Tragw ite dieser Neuerung, der wir im allgemeinen sympathisch gegenüberstehen, wollen wir uns bei nächster Gelegenheit ausführlicher aus lassen und uns heute nur die Bemerkung gestatten, daß uns die Bestimmung, betreffend der Entsendung der Delegirten in die ständigen Komitees der Gemeindeanstalten, nicht besonders zweckmäßig erscheint. Warum, um nur einige Beispiele anzuführen, gerade der XVIII. Bezirk in die >L>pitalskommission, oder nur der IX. Bezirk in die Versorgungshauskommission. oder nur der XI. Bezirk in die Friedhofskommission Delegirte zu ensenden berechtigt sein soll, ist uns nicht gut erklärlich. Dafür sollte doch die persönliche Qualisikation und nicht das lokale Moment in erster Linie maßgebend sein. Doch darüber und Aehnliches ein anderes Mal. Im Nachstehenden der Sitzungsbericht: Nach Verlesung des Spendeneinlaufes gibt der Vorsitzende vor Übergang zur Tagesordnung bekannt, daß er die Angelegenheit „Ansuchen des Tempelvereines Wieden-Margarethen um Gewährung eines Darlehensvon der Tagesordnung abgesetzt habe,' nachdem dieselbe durch den in dev Zwischenzeit erfolgten Verkauf des seitens des genannten Tempelvereines in Aussicht genommenen Baugrundes.dermal gegenstandslos geworden ist. Weiters teilt der Vorsitzende mit, daß die jüdische Volksküche durch die hochherzige Spende der verewigten Frau Rosa Hildesheimer im Staude war, eine Filiale in der Brigittenau zu errichten, deren Eröff-