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Die Wahrheit · 1903-11-27 · Heft 44 (27.11.1903) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1903
Issue
Heft 44 (27.11.1903)
Date
1903-11-27
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Redaktion nnd Slbmiuiflrattci: i Wien, II/,. Novaragasse ^7-j K. k. öfterr. Po,:iv2rcusja Check-Conto Nr. 846.251 Inserate 20 Heller ver Nouvareille-Zeile. Abonnements- und Jnserationsbeträge sind in Wien zahlbar nnd klagbar.. _i ^abhängige Heitschrifi für jüö'Me en. Erscheint jeden Freitag. lUotlo: 8io^«rl Gofre» isr Wahrheit!“ Berugspreis: Ganzjährig. . . . St 12.— Halbjährig . . . . K. 6.— i Für Cultusbeamte: Ganzjährig.... K. 10.— | Für Ausland: f Ganzjährig . . .8 Mark. I 6 Rubel oder 16 FcS Nr. 44. Wien, 27. November 1903. Inhalt r Der russische Jude und der amerikanische Handel. — Aus der Wiener Cultusgemeinde. — Zum zehnjährigen Bestände des Wiener Seminars. — Ueber Wöchnerinnenpflege. — Die Juden und der Talmud. — Verschiedene Nachrichten. — Zur Idealität unseres Berufes. — Obercantor A. B. Spiro. Der russische Jude und der amerikanische Handel. Angesichts der stetigen Verfolgungen, welche die Inden in Rußland zur Auswanderung zwingen, erscheint uns eine vor kurzem in „Pearsons Magazin" veröffentlichte Abhandlung über die großen kommerziellen Vorteile, die der russische Jude seinem alten und neuen Vaterlande bringt, von besonderer Actuellität. Daselbst heißt es: Jeder Amerikaner muß mit Interesse die Laufbahn des -unüberwindlichen russischen Juden verfolgen, der, aus seiner Heimat getrieben, um der Knute seiner unmenschlichen Verfolger zu entgehen, ohne Pfennig und ohne Freund an unseren Ufern landet. Hier lernt er unsere Sprache, arbeitet in unseren Werkstätten, dringt in die Geschästsmethoden ein. und — kehrt mit dem ersten ersparten Geld wieder in das Land zurück, das ihn vertrieben hat. Dann pflanzt er das Samenkorn des Amerikanismus in das moderne Rußland, führt dort unsere arbeitsparenden Erfahrungen ein, begründet Fabriken mit modernen englischen Maschinen und ist den russischen Arbeitern insgeheim behilflich, sich in Arbeiterverbänden zu organisiren. In der Gegend des Schwarzen Meeres ist der amerikanisch-russische Jude mit Erfolg bemüht gewesen, die Landwirtschaft Südrußlands zu regenerireu; er hat den Landwirten die Verwendung und die Vorzüge der amerikanischen landwirtschaftlichen Maschinen gewiesen, und bis heute ist Rußland das beste Absatzgebiet für Ansere landwirtschaftlichen Geräte. In der fernen Mandschurei und in Sibirien verkauft der russisch-amerikanische Jude für Millionen von Dollars Aankee-Maschinen und Eisenbahn-' baumaterial an Privatunternehmer und an Regierungsbehörden für den Bedarf des Staates. Er hat sich tatsächlich als der Pionnier erwiesen, der dem amerikanischen Handel und den amerikanischen Ideen den Weg nach Rußland und Asien geebnet hat. Herr Pobiedonoszew hat demnach ganz gegen seine Intentionen durch seine Judenverfolgungen den Grundstein für die für die geistige Emancipation der russischen Massen gelegt. Da jeder in Amerika bleibende russische Jude in der Heimat Freunde und Angehörige zurückgelassen hat, denen er eine dauernde Einnahmequelle verschafft, indem er sie zu Verkaufsagenten für amerikanische Produckte in Rußland macht, und da jeder mit Ersparnissen nach Rußland zurückgekehrte Jude hier Fabriken zur Erzeugung von Waren begründet, deren Herstellung er in Amerika gelernt hat, so daß Rußland fast durchgängig den Juden die Einführung neuer Industrien zu verdanken hat. kann der Einfluß der Inden auf Rußlands Entwicklung als Industrieland nicht hoch genug eingeschätzt werden. Die vier Millionen jüdische Untertanen des Czaren beschäftigen mehr Handwerker als die übrigen hundert Millionen Einwohner des europäischen Rußland: die Inden sind es, die ihr Geld in neuen industriellen Unternehmungen anlegen und in Verbindung damit Schulen einrichten, die ihre Beamten und deren Kinder unterrichten. Trotz der schrecklichen Beschränkungen, unter denen der Jude im russischen Ansiedelungsgebiet lebt, ist dieses Gebiet der einzige gut vorwärtskommende Teil Rußlands. In den Städten baut der Jude die Fabriken, und in den ländlichen Distrikten fährt er von Landgut zu Landgut und kauft unter offenem Wettbewerb mit seinen Konkurrenten den B inern den Weizen ab. Im Ansiedelungsgebiet behalten die Bauern ihr Getreide in den Scheunen, bis sie ein gutes Angebot bekommen, gehen dann den Winter über in die Stadt, arbeiten in den Fabriken, lernen lesen und schreiben und bringen neue Gedanken über Selbstverwaltung und Aehnliches mit zurück. Im übrigen Rußland aber verfault das Korn manchmal auf dem Feld, weil kein Käufer da ist; der Bauer liegt den ganzen lieben Winter auf der Ofenbank und sehnt sich manchmal nach den guten alten Zeiten, da im Winter der jüdische Hausirer in bestimmten Zwischenräumen ins Haus kam und ihm seinen Vorrat an groben Holzwaren abkaufte; selbst in Rußland bricht sich die Ueberzengung Bahn, daß das Land noch jeden realen Fortschritt den Juden zu verdanken hat. Städte, denen man die jüdischen Kaufleute nahm, haben um deren Wiederkehr petitionirt. Der Broadway in New-Iork, von der Stadthalle bis zum Unionsplatz, lehrt auf's deutlichste den Erfolg der russischen Juden in Amerika. Man kennt sie in den Bankgeschäften der Wall-Street, ihre Namen haben unter den Advokaten einen guten Klang, und selbst in unseren öffentlichen Schulen haben wir Lehrer, die noch wenige Jahre zuvor im russischen 'Ansiedelungsgebiet eingeschlossen gewesen. Aus dem Gebiet der Medizin sind dieselben Erfolge zu verzeichnen. Die nach Rußland zurückgekehrten Inden führen, wie schon erwähnt, in ihr Geburtsland neue Industrien ein, deren Betrieb sie in Amerika gelernt. So haben;. B. zwei dieser Rnsfo-Amerikaner bei uns die Kunst der Tuchweberei erlernt und nach ihrer Heimkehr in Warschau Cheviot-Spinnereien eingerichtet. Sie wußten ganz genau, was sie zu thun hatten: sie bezahlen an russische Behörden 40.000 Rubel für diese Erlaubnis, beschäftigen eine große Anzahl russischer Arbeiter nno machen gute Geschäfte. Sie haben Amerika genützt, denn ihre

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