Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 43 (20.11.1903)
- Date
- 1903-11-20
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Dir Wahrheit. Nr. 43 Wohlthätigkerts-Organisation, nicht verschließen. Als glücklicher Anfang zu einer Vereinbarung, welche ein derartiges dauernd gemeinsames Vorgehen ermöglichen soll, ist die jüngst von Ussischkin aus dem Palästina-Kongreß dnrchgesührte Organisation zu begrüßen. Hoffen wir, daß es gelingen wird, dieses palästinensische Komite mit einer analogen europäischen Föderation verbinden zu können. Gm Protest gegen das Ostafrika-Projekt. Von Oberrabbiner Dr. Moses Gaster in London, einer der maßgebendsten Führer der englischen Zionisten, wird nachstehendes, an eine hervorragende Persönlichkeit gerichtetes Schreiben, das einen flammenden Protest g?gen das Ostafrika-Pcojekt enthält veröffentlicht: „Um Zions Willen will ich nicht Rnhe bewahren." Mein Herr! Angesichts der jüngsten Evolutionen des Zionismus erachte ich es als meine Pflicht, das fundamentale Prinzip des Zionismus wieder zu konstatiren: „die Erwerbung einer gesetzlich gesicherten Heimstätte in Palästina für das jüdische Volk." Weder mehr oder weniger. Das ist der erste Artikel und zugleich die unveränderliche Basis des Programms, welches durch die Zionisten in Basel formulirt und angenommen wurde. Wir wünschen in die alte Heimat unseres Volkes zurückzukehren und das alte nationale Leben in dem durch Tradition geheiligten und durch Jahrhunderte altes Martyrium verherrlichten Lande wiederherzustellen. Der Zionismus ist nicht dazu da, um temporäre Erleichrerungsmittel zu schaffen. Unsere Lösung des jüdischen Problems muß eine endgültige sein. Sie muß die religiösen Bestrebungen und das religiöse Sehnen der Vergangenheit verwirklichen und die soziale Lage der Juden in der Gegenwart sichern. Jede Abweichung von diesem Programm, wenn anch nur um Haaresbreite, bedeutet das Aufgeben des fundamentalen Prinzipes des Zionismus. Abhilfe durch Kolonisation in großem oder kleinem Maße muß speziellen Organisationen überlassen werden, die mit dem Zionismus nichts Gemeinsames habeir. Und mag auch ihr Werk von temporärem Charakter sein, so ist es nichts destöweniger lobenswert. Unser Ziel ist nicht, einen unbedeutenden Staat zu schaffen. Das hieße mit Worten spielen und mit heiligen Idealen Scherz treiben, wollte man vom Zionismus außerhalb Zions sprechen und von einem Lande für Juden, außerhalb des heiligen Landes. In dem britischen Reiche, wie auch in den Vereinigten Staaten herrscht ein wahrer Geist der Gerechtigkeit und Freiheit. Wir setzen das vollständigste Vertrauen in ihre Gesetze und in die wundervolle Art, wie diese Gesetze angewendet werden. Das höchste politische Ziel eines Juden sollte, unter den gegenwärtigen Verhältissen eher sein, ein Bürger des britischen Reiches oder der Vereinigten Staaten zu werden, als der eines unbedeutenden Kleinstaates, auch wenn er innerhalb deren Jurisdiktion oder unter ihrem Schutze steht. Das ist ein Anachronismus. Das ist eine Travestie auf das nationale Leben unserer Hoffnungen und Gebete. Es ist den Prinzipien des Zionismus diametral entgegengesetzt. Eine Politik der Verzweiflung oder Ungeduld kann nicht gestattet werden. Es ist auch rioch gar kein Grund zur Verzweiflung. Und wenn wir auch noch manche Jahre länger zu warten haben, was bedeuten dies im Vergleich mit den Jahrhunderten der ausrechterhaltenen Hoffnung und der ausdauernden Geduld? Die Zukunft gehört denen, die warten und arbeiten. Die Zukunft gehört uns. Und sind auch unsere Bestrebungen, ein gesetzlich gesichertes Heim in Palästina zu errichten, ein- oder zweimal fehlgeschlagen, so hat das wenig zu sagen. Wir sind des Erfolges sicher. Die Geschichte deutet in diese Richtung. Die Prophezeiungen deuten in diese Richtung. Wir müssen uns an Zion klammern. Wir müssen uns stets die Losung vor Augen halten: „Wenn ich Dein vergesse, Zion, soll meine Rechte verdorren. Wenn ich Jerusalem meiner höchsten Freude nicht vorziehe." Der Ihrige M. Gaster. Die Luden und der Talmud. XXI. Nach längerer Unterbrechung wollen wir in dieser Abhandlung von den Leistungen der Juden ans dem Gebiete der schönen Künste, Poesie, Musik und Gesang, in möglicher Kürze berichten. Die älteste Poesie der Inden ist in der Bibel aufbewahrt. Sie bekundet zwei allgemein anerkannte Wahrheiten: 1. Der Urquell der Poesie ist die Begeisterung nach dem Höheren, die sich des Dichters bemächtigt, sobald, das Schöne in. seiner ganzen Kraftsülle vor ihm dasteht. 2. Jede Poesie hängt in ihrem Wesen mit dem Grnndcharakter ihres Volkes zusammen, dessen Gei>t sich in ihr.abspiegelt. Die Bibelpoesie zeigt das mächtige Ringen des isr. Volksbewußtseins nach dem erhabenen Ziele seiner Religion; sie gibt eine Darstellung ihrer Grundwahrheiten nebst Verherrlichung derselben; sie erklärt das Verhältnis Israels zu Gott; sie schildert die Kämpfe, Gefahren und Leiden auf dem Wege seines heiligen aber mühevollen Berufes und zeigt, wie der sehnsuchtsvoll erwartete Sieg seiner Gotteserkenntnis das jüdische Dichterherz zu poetischen Aeußerungen begeistert. Die hebr. Poesie ist demnach in ihrem Grnndcharakter eine heilige Poesie, ein Schmuck Gottes: „Der Geist Gottes", so/ rns König David, der größte biblische Poet, „redet durch mich und sein Wort ist ans meiner Zunge." Infolge des gedachten Zweckes der bibl. Poesie ist in ihr zumeist die Lyrik, weniger das Drama und das Epos, vertreten. Sie schließt in sich Religiöses, Historisches, Nationales und Weltliches; ferner Lehrgedichte, wie die Prophetenreden, die spräche salomos, Jjob und Hohelied, das Epos im Debora- Ueb, das Drama mit religiösem Charakter (int Hohelied tun Zjob). Sie enthalt ferner Gleichnisse, Fabeln, Parabeln, Rätsel, Klagelieder, wie die des Jeremia, Lob- und Preisgesänge, Hymnen und Gebete, wie die Psalmen Davids. Kurz für jede Thäligkeit in der Natur, für alle gewöhnlichen und außergewöhnlichen Veränderungen in ihr; für alle verschiedenartigsten Ereignisse und Wechselfälle im Leben des einzelnen Menschen, im Leben der Familie, der Nation und der ganzen-Menschheit, für all dieses finden sich in der bibl. Poesie die kraftvollsten, geeignetsten Gefühlsäußerungen. Selbst das Weltliche in ihr dasirt ans der monotheistischen Religion und wird von ihr getragen; denn das ist ja, wie oft erwähnt, das charakteristische Merkmal der jüd. Religion: das Weltliche mit dem Göttlichen, Realismus mit Idealismus harmonisch zu verbinden. Das strenge Verbot des Bilderdienstes bei den Israeliten verhinderte zwar die Ausbildung der plastischen Gestaltungsgaben im Volke, desto größer hingegen geschah die Entwickelung nach Innen, die Ausbildung des Volksgenies in dem A usdrucke des Gedankens, der die Ideen zur Anschauung bringt. Dies gab seiner Poesie die bezeichnete besondere Gestaltung, die sie von der heidnischen Poesie vorteilhaft unterscheidet. Die^Bibel, besonders ihre Poesie, hat bekanntermaßen auf berühmte Schriftsteller verschiedener Nationalitäten, wie: Schiller. Goethe, Klopstock, Wieland, Shakespeare, Lord Byron/ Baron Eöwös Joses, Arany Junos und v. A. wohlthuend eingewirkt; aber sie vermochten lange nicht ihr nahezukommen. Wir zitieren hier einige einschlägige Aeußerungen aus der Vorrede der in französischer Sprache von M. de Genoud übersetzten Bibel (Paris, 1841). Es heißt daselbst: „Es existirt in der Welt ein Buch, das von Gott kommt, ohne welches die Welt in ein Chaos getaucht wäre; ein Buch das wie die Sonne über alle Zeitalter glänzte; ein Buch, gemacht für alle Menschen und für alle Zeiten; ein Buch, geeignet das Genie zu entflrmmen, für alle Tugenden zu begeistern, die Schwachen zu stützen, den Unglücklichen zu trösten. Dies Buch ist die Bibel. Ihr sehet ür diesem Buche die bewunderungswürdigsten Grundsätze der Philosofie, der Legislatur und der Moral. Nirgends findet man höhere Weisheit, reinere und erhabenere Grundsätze über die Aufführung des Menschen, gerechtere Regeln, geeignetere für Herrschaft und Politik.