Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 43 (20.11.1903)
- Date
- 1903-11-20
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 43. Die Wahrheit Seite 5 wenigen ersten namhafteren Gaben — äußerst spärlich ein während die Beiträge für den Naiionalfonds plötzlich in charakteristischer Weise gewaltig angeschwollen. Das ist die stamme, aber beredteste Antwort des jüdischen Volkes auf die Frage: Palästina oder Ostafrika? Das Volk will Palästina. Es will Palästina auf dem Wege der langsamen Kolonisation erreichen und es hat recht. Die Pflicht aller festwurzelnden, unerschütterlich treuen Freunde Palästinas ist es, das Kolonisationswerk mit vermehrter Energie wieder aufzunehmen, es durch Heranziehung aller Elemente des Judenthums, die für dasselbe zu gewinnen sind, zu stärken und durch eine Konzentration aller für Palästina thätigen Kräfte dieses Werk, das die wahre, die einzige Erlösung des jüdischen Volkes bedeutet, vor Vernichtung zu bewahren. Ganz unverändert können wir heute unser altes Kolonisations- Programm freilich nicht anfnehmen. Das Ansiedlungswerk ist in eine neue Phase getreten, unsere Erfahrungen haben sich gemehrt, unser Gesichtskreis hat sich erweitert, und demgemäß muß auch unser Programm Erweiterungen und zeitgemäße Um gestaltungen erfahren. Zunächst besteht in Palästina noch das Einwanderungs-Verbot für die Juden, bestehen gewisse Hemmnisse, die in der türkischen Verwaltung liegen; wir wären also in unserem Kolonisanonswerk sehr beschränkt, wenn uns nicht der Länderkreis um Palästina offen stände. Diese Gebiete müßten wir aber unter allen Umständen in's Auge fassen, auch wenn wir heute über das türkische Palästina frei verfügen könnten. Palästina ist zu klein, um die auswanderungsbedürftigen jüdischen Massen in ihrer Totalität aufzunehmen. Wir müssen von Anfang an an ein Zreater i?al6stin6 denken; nur ein solches bedeutet wirklich die Lösung der jüdischen Frage. Die Nachbargebiete Palästina's empfehlen sich von selbst für die sofortige unerläßliche Neltungs'Kolonisation; hier eröffnet sich uns die Möglichkeit, die praktische Aufgabe, die Behebung der Judennot, mit der idealen, der Wiederausrichtnng Zions, zu vereinigen. Wir verfolgen nicht nur den Zweck, die Juden wieder zu einem ackerbautreibenden Volk zu machen, sondern auch den all gemeineren, sie zu einem Volk auf eigenem Boden zu machen, zu einem Volk, das diesen Boden füllt und alle sozialen Berufe selbst ansübt. Wir müssen also unsere Emigranten — selbstverständlich in entsprechender Auswahl — auch nach den bestehenden Städten lenken; wir müssen diese Städte mit jüdischer Intelligenz, mit jüdischen Kaufleuten und mit jüdischen Handwerkern füllen und durch eine Reihe von industriellen Gründungen für jüdische Arbeiter und jüdische Techniker die Erwerbsgrundlagen schaffe«« Die Hauptursachen der ersten Mißerfolge waren der Mangel an Informationen, die Planlosigkeit, Anarchie und Jnkohärenz der Ansiedlungstätigkeit. Bei einer bevorstehenden verstärkteil Wiederanfnahiile müssen wir zunächst das ganze in Aussicht genommene Kolonisationsgebiet, ganz Palästina und die Neben länder, in geographischer, wirtschaftlicher, hygienischer und administrativer Hinsicht gründlich erforschen lassen. Wir müssen hierauf eine Art wirtschaftlicher Generalstabskarte, einen kolonialen Feldzugsplan entwerfen imb dieselben auf dem W:ge einer dauernden Verständigung zwischen allen im Orient tätigen jüdischen Organisationen zu einer festen Richtschnur für unsere gesamte Kolonisations-Aktion machen Alle wirtschaftlichen Rücksichten empfehlen Eile und Vorgehen in großem Stil. Wir bekommen von Jahr zu Jahr zahlreichere Konkurrenten; immer mehr Gebiete gehen in Hände von Nichtjuden über, und für die übrigen steigen die Preise immer höher. Das jüdische Volk muß die große Idee der Geulath haarez, des Loskanfes des jüdischen Bodens, in ihrer ganzell Dringlichkeit und Tragweite erkennen; es handelt sich darum, zunächst und ehestens in den faktischen Besitz Palästinas zu gelangen, statt an die sofortige politische Besitzergreifung zu denken, die sich als undurchführbar herausgestellt hat. Unser erstes Ziel muß die Aushebung des Einwanderungs-Verbotes sein. Gemeinsamen Bestrebungen wird es bei einem klugen, maßvollen Auftreten sicherlich auch gelingen, das Erwerbs¬ und Besitzrecht von Immobilien zu sichern, das Recht auf Errichtung von Häusern zu gewinnen, und die ruinierenden landwirtschaftlichen Steuern auf ein erträgliches Maß zn reduzieren. Dan weitere Ziel liegt darin, das Prinzip der autonomen jüdischen Gemeinde-Verwaltung, der Vertretung der Juden durch jüdische Vorsteher im Verhältniß zur Regierung in immer ausgedehnterem Maße durchzufetzen. Jedem großen Ansiedelungswerk auf einheitlicher national religiöser Grundlage sind gewisse historische Enlwickelungsziele immanent; diese Ziele wollen wir aber nicht auf politischem und öffentlich rechtlichem, sondern auf wirthschaftiichem und rechtlichem Wege anstreben. Das Erste ist die Belebung der existierenden Kolonisations- Vereine und die Gründung neuer in den Ländern, wo sie nie bestanden oder von der politisch-zionistischen Strömung absorbirt wurden Angesichts der Ueberwindung der Palästinakrise, angesichts des gleichzeitigen offiziellen Zurücktreteus des politischen Systems ist für die Kolonisations Vereine der historische Moment gekommen, wo sie mit Anspannung aller Kräfte das Höchste leisten sollen. Nicht mehr eine Elite jüdischer Philanthropen soll den Grundstock der Kolonisations-Vereine bilden, das jüdische Volk in allen seinen Fraktionirungen muß an dem Werke der Palästina-Kolonisation theilnehmen. In der That bilden Kolonisatiousvereine wie der „Esra* die neutrale Basis, auf der sich alle jüdischen Elemente zu gemeinsamer, fruchtbringender Arbeit verbinden können und tatsächlich verbinden. Was diese heterogenen Elemente auf dem Boden der Palästina-Kolonisations- Vereine als fester Kitt zusammenhält, ist nicht nur die Liebe zu dem gemeinsamen Ziel, sondern auch das von unseren Vereinen hochgehaltene Prinzip der Toleranz. Und darum sind wir wohl berechtigt, heute mit Zuversicht in die jüdische Welt den Ruf hinausgehen zu lassen: Palästina-Freunde aller Richtungen, vereinigt Euch! Ueber die Organisation einer derartigen Bereinigung zn sprechen, wäre heute verfrüht. Eine Grundlage besitzt sie schon gegenwärtig in dem Pariser Oomit« Gsntral des Chowewa Zion und in seiner Berliner Expositur, der Propagandakomision. Ob nun die anbrechende neue Kolonisations-Bewegung die Körperschaften aufrecht erhalten, ob sie sie ergänzen oder ihnen eine neue Organisation verleihen wird. Eines muß unter allen Umständen mit allem Nachdruck festgestellt werden: Diese jetzt in vielen Ländern nen entstehenden Kolonisationsvereine und ebenso die zentrale Vereinigung derselben verfolgen auch nicht im Entferntesten den Zweck, irgend eine andere jüdische Organisation und speziell die zionistische zu untergraben oder zu spalten. Wir anerkennen alle den Nutzen dieser internationalen jüdischen Organisation. Daß der politische Zionismus selbst in den Kolonifatiousoereinen keine Konkurrenz und keine Sprengungsgefahr erblickt, folgt schon aus dem Zustande, daß sowohl in Rußland als hier in Deutschland viele der eifrigsten Zionisten diesen Vereinen angehören. Ihr Sonderbestaud findet seine volle Berechtigung in ihrem Sonderzweck, welcher darin beruht, auch alle jene palästinafreundlichen Elemente zu vereinigen, die sich dem politischen Zionismus nicht anschließen können. Auch im Verhältnisse zu den andere.«, für Palästina thätigen Faktoren, wie die J. C. A. und das Rothschild'sche Palästina Komite kam« unsere Direktive nur friedlich s Zusammengehen und loyaler Anschluß sein. Ja. ihnen gegenüber lastet auf uns eine Ehrenpflicht. Wir müssen die Unbill gutmachen, welche eine allzu herbe, von einseitigem Gesichtspunkte geführte Kritik in den letzten Jahren ihnen erwiesen hat. Unsere Pflicht ist es in diesem Augenblick, rvo wir das Werk der Palästina- Kolonisation dank der bisherigen Thätigkeit Rothschild'S nnd der J. C. A. unter glücklichen Auspizien wieder aufzunehme» hoffen, ihre großen historischen Verdienste um das Palästinawerk voll und ganz anzuerkennen. Mit dieser Anerkennung jedoch muß sich der Wunsch verbinden, daß das Rothschild - Konnte und die J. C. A. sich der Einsicht von der Nothwendigkeit und der eminenten Nützlichkeit einer fortlaufenden Verständigung mit allen anderen in Palästina arbeitenden Körperschaften, also nicht nur mit den Kolonisations-Vereinen, sondern auch mit Alliancen, mit dem „Hilfsverein der deutschen Inden", mit der zionistischen Organisation, mit dem B'nei-Brikh-Orden und mit der religiösen