Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1903
- Issue
- Heft 43 (20.11.1903)
- Date
- 1903-11-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Die Wahrheit. Nr. 43. Juden. Der Minister des Innern hat durch einen besonderen Erlaß bekannt gegeben, daß es den Juden verboten ist, nach Moskau zu kommen, um in den dortigen Kliniken Aufnahme zu suchen. Zu gleicher Zeit ist den Juden „strengstens verboten" worden, den bekannten Luftkurort Z)alta (Krim) und den ganzen Kreis von I)alta aufzusuchen. Somit sind die wichtigsten Luftkurorte der Krim den kranken Juden versperrt. Die Heilbäder des Kaukasus sind es schon seit vielen Jahren; ebenso die Seebäder der Ostseeprovinzen und Finnlands. Diese Maßregel, für die man beim besten Willen keinen vernünftigen Grund stnden kann, sei er wirtschaftlicher oder politischer Natur, zeigen, daß der russische Antisemitismus in eine sinnlose Verfolgungssucht ausgeartet ist. Der Kongreß russischer Badegäste ist kürzlich gegen die genannte Verfügungen bei der Regierung vorstellig geworden, wie schon früher andere russische Organisationen, die für die Interessen der Volksgesundheit Verständnis haben. Alle die Vorstellungen waren erfolglos. Libelkmde und Sabelsunde?) Bei der Unmasse von Schriften, welche die Vorträge über Babel und Bibel von Delitzsch hervorgerufen haben, wird es nicht leicht einer Schrift gelingen, unser besonderes Interesse zu erregen. Geschieht es aber dennoch, so ist damit ihr höchstes Lob ausgesprochen. Und das gilt von der Schrift des Leipziger Rabbiners Herrn Dr. Borges in vollem Maße. In feiner, lichtvoller Darstellung deckt er schonungslos die Blößen auf, die Delitzsch sich gegeben, zeigt seine Oberflächigkeit, Unaufrichtigkeit, ja Unwahrhaftigkeit in glänzender, mit feiner Satire gewürzter Rede nach und liefert so eine beachtenswerte Apologie unserer heiligen Schrift und des Judentums. Wie schön fertigt er den Uebermut der christlichen Theologen ab! — „Uns Israeliten hat der Gedanke an einen Gott der strafenden Gerechtigkeit das Gerechtigkeitsgefühl gestärkt, während zugleich der Aufblick zu dem Gott, der unendlich reich ist an erbarmender Gnade, uns Menschenliebe gelehrt und ins Herz gestößt hat. Denn auch für die Lehre vom Gotte der Liebe ist unser israelitisches Schrifttum der eine und reine Quell, aus dem die anderen Religionen geschöpft haben. Die nachdrückliche Betonung des Gottes der Liebe mit Worten allein hat, bis jetzt wenigstens, seine Bekenner von den schlimmsten Ungerechtigkeiten und Lieblosigkeiten gegen uns nicht zurückgeyalten." Mau muß wissen, wieviel Gist christliche, namentlich protestantische Theologen schon vor Delitzsch gegen unsere heilige Schrift verspritzt haben und wieviel von diesem Gifte auch in die jüdische Intelligenz gedrungen ist, um mit Porges ausurufen: „Ja, wenn jeder Jude mit dem Rüstzeuge einer auch nur halbwegs ausreichenden Bibelkenntnis gewappnet wäre, um den zum eisernen Bestand ler freisinnigen chrichstlichen Theologie gehörenden Entstellungen des prophetischen und psalmistischen Gouesbegriffes gerüstet entgegen zu treten!" Oder an anderem Orte: „Auf uns Juden braucht dieses Streben (unsere heil. Schrift herabzusetzen) weiter keinen Eindruck zu machen, als uns au unsere Pflicht zu erinnern, für besseres Bibelkenntnis in unserer eigenen Mitte zu sorgen. Möchten doch diese goldenen Worte ihre verdiente Beachtung stnden! Dr. Kahan, Znaim. Die Kolonisation Palästinas. Von Dr. Alfred Nofsig. (Schluß.) Uns erscheint eine Kolonisation in Ostafrika, selbst wenn sie nicht völlig mißlingen sollte, nur als eine verhängnisvolle Ablenkung vom wahren, einzigen und aussichtsreichsten Ziele des jüdischen Ansiedeluugswerk s als eine Kräftezersplitternug. Es war schon ein schwerer Schaden für dieses Werk, daß Baron Hirsch, welcher ursprünglich für Palästina war — das ist eine historische Tatsache — schließlich einen anderen Weg gewählt hat, als Baron Edmund Rothschild. Wie stark wären wir heute schon in Palästina, wenn auch alle Kolonien des Baron Hirsch dort neben den Rothschild'schen angelegt worden wären, während sie jetzt in Argentinien wie ein Tropfen verschwinden! Dazu also dieser ganze langjährige, mit höchster Erbitterung geführte, patriotische Kampf gegen die J. C. A., welche die Juden nicht im alten Lande unserer Väter ansiedeln wolle, welche sie nach Amerika verschleppe und unsere Kräfte zersplittere; dazu die große Kampagne gegen die J. C. A., welche, nebenbei gesagt, in Palästina kolonisiert, während ihre Gegner es nicht taten, um schließlich die Juden gleichfalls von Zion abzulenken, sie noch weiter zu verschleppen, sie noch mehr zu zersplittern? Wie immer dem auch sei, wir wollen Niemanden daran-hindern, nach seiner Ueberzeugung zu wirken. Will man durchaus in Ostafrika kolonisieren — wohl: wir haben zehn Stämme verloren, wir können auch den elften verlieren. Aber dieser exotischen Massenkolonisation 'beipflichten, sie unterstützen, indem wir die langsame Kolonisation in Zion aufgeben, das können und dürfen wir Palästina-Freunde nun und nimmermehr. Denn es tritt klar bis zur Evidenz hervor, daß der einzig richtige Punkt für ein zukunftreiches jüdisches Kolonisations'Zentrum Palästina ist, daß das einzig angezeigte Gebiet für eine sofortige Rettungs- Kolonisation der Länderkreis um Palästina herum ist, und daß der einzig richtige Weg der der ununterbrochenen, allmählichen Erwerbung und Besiedelung dieser Landstriche ist. Es ist eine eigentümliche und für uns äußerst erfreuliche Erscheinung, daß diese Ansicht innerhalb der zionistischen Partei selbst sich heute bereits die Bahn gebrochen hat. Mit unaufhaltsamer, siegreicher Kraft ist die Idee der ununterbrochenen Kolonisation in Palästina während der letzten Jahre wieder hervorgelreten. -Nicht nur theoretisch, auch praktisch haben die Zionisten das Programm der langsamen Kolonisation wieder ausgenommen. In Rußland haben die politischen Zionisten nie aufgehört, Mitglieder des Odessaer Kolonisations-Vereins zu sein. Neuerdings aber haben die Stützen des politischen Zionismus in Rußland eine neue große Kolonisations-Gesellschaft, die „Geulah“ gegründet. Während in Basel das ostafrikanische Projekt angenommen wurde, reiste einer der eifrigsten Vorkämpfer des Zionismus, Ussischkin, in Palästina, um dorc Terrainankanf und langsame Kolonisation wieder zu inaugurieren. Auch aus den Brotlosen aus Kischeuew wollen politische Zionisten zwei Kolonien in Palästina bilden. . Diesen Leuten ist eben das Kolonisieren in Palästina so ins Blut übergegangen, daß sie trotz aller Charter- und Afrikaprogramine davon nicht lassen können. Hier in Deutschland hat ein ausgesprochener politischer Zionist, Dr. Franz Oppenheimer, in Gemeinschaft mit Herrn Davis Trietsch die jüdische Orieut-Kolonifalions-Gesellschaft begründet und Herr Professor Marburg ein Freund des politischen Zionismus, aber ein altes Esramitglied, hat das große Verdienst, die Kolonisation in einem der türkischen Nebeuläuder Palästinas, in Anatolien, als Erster ebenso opfermuthig wie erfolgreich inauguriert zu haben. Ja, mehr als das: der offizielle Zionismus hat durch Kongreßbeschlüsse sich unserem Programm angeschlossen. Schon auf dem Minsker Kongreß wurde es im Prinzip entschieden, daß der Nationalfonds für sofortigen Terrainankanf und Kolonisation in Palästina zu verweuderl sei und auf dem letzten Baseler Kongreß wurden die Anträge der Nationalfonds- Komission angenommen, laut deren die Hälfte des Fonds zum Landaukauf in Palästina und den Nachbarländern auf Grund eines Dreiviertelmajoritätsbeschlusses sofort verwendet werden kann. Nach dem Kongreß hat innerhalb der ganzen Partei sofort die langsame Kolonisation in Palästina in offenkundigster Weise die Majorität erlangt. Die gelesensteu ruffisch-jüdischen Organe, der „Fraind", der „Hazofe", der „Wos'chod", haben mit aller Energie für dieses Programm, das das unserige ist, Partei ergriffen. Aber es gibt noch einen überzeugenderen Ausdruck des Volkswillens als Zeitungsartikel. Das sind die Ziffern die Spendenausweise in ber „Welt". Trotzdem man sich auf dem Kongreß mit aller Macht für die Expedition nach Ostafrika eingesetzt hat, flössen die Spenden für dieselbe — nach den *) Bibelkunde und Babelfunde von Rabbiner Dr. Porges.